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Johann Gottfried von Herder.
neu Kindern über kurz oder lang zur Last wer-den? Unglücklich wäre das Kind des Vaterlan-des, das, dahingegeben oder verkauft, ins Schwertlaufen, verwüsten, morden müßte, um eineEitelkeit zu befriedigen, die Niemanden Vortheilgebicrct. Der Ruhm eines Vaterlandes kannzu unsrer Zeit und für die »och schärfer rich-tende Nachwelt kein andrer seyn, als daß dieseedle Mutter ihren Kindern Sicherheit, Thätig-keit, Anlaß zu jeder freien, wohlthätigen Ue-bung, kurz die Erziehung verschaffe, die ihrselbst Schutz und Nutz, Würde und Ruhm ist.Alle Völker Europa's l andre Wellthcile nichtausgeschlossen > sind jetzt im Wettstreit, nichtder körperlichen, sondern der Geistes - und Kunst-kräfte mit einander. Wenn Eine oder zwei Ra-tionen in weniger Zeit Vorschritte thun, zudenen sonst Jahrhunderte gehörten: so können,so dürfen andre Rationen sich nicht Jahrhun-derte zurücksetzen wollen, ohne sich selbst dadurchempfindlich zu schaden. Sie müssen mit jenenfort: in unsern Zeiten läßt sichs nicht mehrBarbar seyn; man wird als Barbar hinter-gangrn, untertreten, verachtet, mißhandelt.Die Weltepochen bilden eine ziehende Kette, derzuletzt kein einzelner Ring sich widersetzen mag,wenn er auch wollte.
Vaterländische Cultur gehört hiezu, und indieser auch Eultur der Sprache. Was ermun-terte die Griechen zu ihren rühmlichen undschwersten Arbeiten? Die Stimme der Pflichtund des Ruhmes. Wodurch dünkten sie sichvorzüglicher, als alle Nationen der Erde? Durchihre cultvirte Sprache und was mittelst dersel-ben unter ihnen gepflanzt war. Die impcra-torische Sprache der Römer gebot der Welt;eine Sprache des Gesetzes und der Thaten. Wo-durch hat eine nachbarliche Nation seit mehrals einem Jahrhunderte so viel Einfluß auf alleVölker Europa's gewonnen? Nebst andern Ur-sachen vorzüglich auch durch ihre im höchstenSinne des Worts gebildete Nationalsprache.Jeder, der sich an ihren Schriften ergötzte, tratdamit in ihr Reich ein und nahm Theil an ih-nen. Sie bildeten und mißbildcten; sie befah-len , sie imponirren- Und die Sprache der Deut-
schen, die unsre Vorfahren eine Stamm-, Kern-und Heldensprache nannten, sollte wie eine Ue-berwundene den Siegeswagen Andrer ziehn,und sich dabei noch in ihrem beschwerlichen5, Reichs - und Hofstyl brüsten? Wirf ihn weg,den drückenden Schmuck, du wider deinen eige-nen Willen eingezwängte Matrone, und sey,was du sey» kannst und ehemals wärest, eineSprache der Vernunft, der Kraft und Wahr-I» heit. Ihr Väter des Vaterlandes, ehret sie,ehret die Gaben, die sie, unaufgefordert und un-belohnt, und dennoch nicht unrühmlich darbrachte., Soll jede Kunst und Thätigkeit, durch welchemancher dem Vaterlande gern zu Hülfe kommen15 möchte, sich erst wie jener vcrlohrne Sohn ausser-halb Landes vermiethen, und die Frucht seinesFleißes oder Geistes einer fremden Hand an-vertrauen, damit ihr solche von da aus zu em-pfangen die Ehre haben möget? Mich dünkt,20 ich sehe eine Zeit kommen —
Doch lasset uns nicht prophezeyen, sondernhinter Allem nur »bemerken, daß jedes Vater-land schon mit seinem süßen Namen eine mo-ralische Tendenz habe. Von Vätern stämmet25 es her; es bringet uns mit dem Namen Vater,die Erinnerung an unsre Jugendzeiten und Ju-gendspiele in den Sinn, es weckt das Andenkenan alle Verdiente vor uns, an aste Würdigenach uns, denen Wir Väter werden: es knüpft3» das Menschengeschlecht in eine Kette fortgehen-der Glieder, die gegen einander Brüder, Schwe-stern, Verlobte, Freunde, Kinder, Eltern sind.Sollten wir uns anders auf der Erde betrach-ten? Müßte Ein Vaterland nothwendig gegen35 ein anderes, ja gegen jedes andre Vaterlandaufstelln, das ja auch mit denselben Bandenseine Glieder verknüpfet? hat die Erde nicht füruns alle Raum? liegt ein Land nicht ruhig ne-ben dem andern? Kabinette mögen einander be-4» trügen; politische Maschinen mögen gegen ein-ander gerückt werden, bis Eine die andre zer-sprengt. Nicht so rücken Vaterländer gegeneinander: sie liegen ruhig neben einander; undstehen sich als Familien bei. Vaterländer gegen45 Vaterländer im Blutkampf ist der ärgste Bar-barismus der menschlichen Sprache.
II. Ueber den Ursprung der Spruche.
Erster Theil.
Haben die Menschen, ihren Naturfähigkeitenüberlassen, sich selbst Sprache erfindenrönnen?
Erster Abschnitt.
Schon als Thier hat der Mensch Sprache.Alle heftige, und die heftigsten unter den hef-tigen, die schmerzhaften Empfindungen seinesKörpers, so wie alle starke» Leidenschaften seiner l>5Seele, äußern sich unmittelbar durch Geschrei,durch Töne, durch wilde, unartikulirte Laute.
Ein leidendes Thier sowohl, als der Held Phi-loktct, wenn es der Schmerz anfällt, wird wim-
mern! wird ächzen! und wäre es gleich ver-lassen, auf einer wüsten Insel, ohne Anblick,Spur und Hoffnung eines hülfreichen Nebenge-schöpfes. — Es ist, als obü freier athme, indemes dem brennenden, geä'ngstigten Hauche Luftgiebt; es ist, als obs einen Theil seines Schmer-zens vcrseufze, und aus dem leeren Luftraumewenigstens neue Kräfte zum Verschmerzen insich ziehe, indem es die tauben Winde mit Lech-zen füllet. So wenig hat uns die Natur alsabgesonderte Steinfelscn, als egoistische Mona-den geschaffen! Selbst die feinsten Saiten desthierischen Gefühls f ich muß mich dieses Gleich-nisses bedienen, weil ich für die Mechanik fuh-