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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
693-694
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Johann

lender Körper kein besseres weiß) — selbst dieSaiten, deren Klang und Anstrengung garnichtvon Willkühr und langsamen Bedacht herrühren,ja deren Natur noch von aller forschenden Ver-nunft nicht hat erforscht werden können, selbst 5die sind in ihrem ganzen Spiele, auch ohne dasBewußtsein fremder Sympathie, zu einer Aeu-ßerung auf andre Geschöpfe gerichtet. Die ge-schlagne Saite thut ihre Ralurpflicht: sie klingt;sie ruft einer gleichfühlenden Echo, selbst wenn 1t)keine da ist, selbst wenn sie nicht hoffet undwartet, daß ihr eine antworte.

Sollte die Physiologie je so weit kommen,daß sie die Seelenlehre demonstrirte ! woran ichaber sehr zweifle!: so würde sie dieser Erschei- 15nung manchen Lichtstrahl aus der Zergliederungdes Nervenbaues zuführen; sie würde solcheaber auch vielleicht in einzelne, zu kleine undstumpfe Theile vertheilen. Lasset sie uns itzr imGanzen, als ein Helles Naturgesetz annehmen: „ Hier 26„istein empfindsames Wesen , das keine seiner leb-„ haften Empfindungen in sich einschließen kann;„das im ersten überraschenden Augenblick, selbst„ohne Willkühr und Absicht, jede durch Laute„äußern muß." Das war gleichsam der letzte 25mütterliche Druck der bildenden Hand der Na-tur, daß sie allen das Gesetz auf die Welt mit-gab: „empfinde nicht für dich allein; sondern„dein Gefühl töne!" Und da dieser letzte schaf-fende Druck auf alle von Einer Gattung Ein- 36artig war; so ward dies Gesetz Segen: „deine„Empfindung töne deinem Geschlecht Einartig,„und werde also von Allen, wie von Einem,„mitfühlend vernommen!" Nun rühre man esnicht an, dies schwache, empfindsame Wesen! 35So allein und einzeln und jedem feindlichenSturme des Weltalls es ausgesetzt scheinet; soists nicht allein: es steht mit der ganzen Naturim Bunde. Es ist zart besaitet; aber die Na-tur hat in diese Saiten Töne verborgen, die, 46gereizt und ermuntert, wieder andre gleich zart-gebaute Geschöpfe wecken, und, wie durch eineunsichtbare Kette, einem entfernten Herzen Fun-ken mittheilen können, für dies ungesehene Ge-schöpf zu fühlen, — Diese Seufzer, diese Töne 45sind Sprache. Es giebt also eine Sprache derEmpfindung, die unmittelbares Naturgesetz ist.

Daß der Mensch sie ursprünglich mit denThieren gemein habe, bezeugen jetzt freilich mehrgewisse Reste, als volle Ausbrüche; allein auch 56diese Reste sind unividersprechlich, — Unsre künst-liche Sprache mag die Sprache der Natur soverdränget, unsre bürgerliche Lebensart und ge-sellschaftliche Artigkeit mag die Fluth und dasMeer der Leidenschaften so gedämmet, ausge- 55trocknet und abgeleitet haben, als man will;der heftigste Augenblick der Empfindung, wound wie selten er sich auch finde, nimmt nochimmer sein Recht wieder, und tönt in seinermütterlichen Sprache unmittelbar durch Accente. 66Der auffahrende Sturm einer Leidenschaft, derplötzliche Ueberfall von Freude oder Frohheit;Schmerz und Jammer, wenn sie tiefe Furchenin die Seele graben; ein übermannendes Gefühlvon Rache, Verzweiflung, Wuth, Schrecken, 65Grausen u. s. w. alle kündigen sich an, undjede Ankündigung ist „ach ihrer Art verschieden.

So viel Gattungen von Fühlbarkeit in unsrerNatur schlummern, so viel auch Tonarten-

von Herder,

Ich merke also an, daß je weniger die mensch-liche Natur mit einer Thierart verwandt; jeungleichartiger sie mit ihr am Nervenbaue ist:desto weniger ist ihre Natursprache uns ver-ständlich. Wir verstehen als Erdenthiere dasErdenthier besser als das Waffergejchöpf; undauf der Erde das Heerdethier besser, als dasWaldgeschöpf; und unter den Heerdethieren dieam meisten, die uns am nächsten kommen. Nurdaß freilich auch bei diesen Umgang und Ge-wohnheit das Beste thun müssen. Es ist na-türlich, daß der Araber, der mit seinem Roßgleichsam nur Ein Stück ausmacht, es mehrverstehe, als der, der zum Erstenmal ein Pferdbeschreibt; er spricht mit ihn, fast so gut, alsHektor in der Jliade mit den Seinigen sprechenkonnte. Der Araber in der Wüste, der nichtsLebendiges um sich hat, als sein Kameel, undetwa den Flug umirrender Vögel, kann leichterjenes Natur verstehen und das Geschrei dieserzu verstehen glauben, als wir in unsern Be-hausungen. Der Sohn des Waldes, der Jäger,versteht die Stimme des Hirsches, und derLappländer seines Rennthiercs. - Doch alles dasfolgt, oder ist Ausnahme. Eigentlich ist dieseSprache der Natur eine Völkersprache für jedeGattung unter sich, und so hat auch der Menschdie Seinige. — —

Nun sind freilich diese Töne sehr einfach;und wenn sie artikulier, und als Interjektionenaufs Papier hinbuchstabirt werden; so haben dieentgegengesetztesten Empfindungen fast EinenAusdruck. Das matte Ach! ist sowohl Laut derzerschmelzenden Liebe, als der sinkenden Ver-zweiflung; das feurige O! ist sowohl Ausdruckder plötzlichen Freude, als der auffahrendenWuth, der steigenden Bewunderung, als deszuwallenden Bejammerns Allein sind denn dieseLaute da, um als Interjektionen aufs Papiergemalt zu werden? Die Thräne, die in diesemtrüben, erloschnen, nach Trost schmachtendenAuge schwimmt — wie rührend ist sie im gan-zen Gemälde des Antlitzes der Wehmulh! Neh-met sie allein, und sie ist ein kälter Wasser-tropfe; bringet sie unter das Mikroskop, und —ich will nicht wissen, was sie da seyn mag.Dieser ermattende Hauch, der halbe Seufzer,der auf der vom Schmerz verzognen Lippe sorührend stirbt - sondert ihn ab von allen seinenlebendigen Gehülfen, und er ist ein leerer Luft-stoß. Kanus mit den Tönen der Empfindunganders seyn? In ihrem lebendigen Zusammen-'hange, im ganzen Bilde der wirkenden Natur,begleitet von so vielen andern Erscheinungen,'sind sie rührend und genugsam; aber von allengetrennet, herausgerissen, ihres Lebens beraubet,freilich nichts als Ziffern. Die Stimme derNatur wird damit ein gemalter, willkührlicherBuchstabe. — —, Wenig sind dieser Sprachlöncfreilich; allein die empfindsame Natur, sofernsie blos mechanisch leidet, hat auch wenigerHauptarten der Empfindung, als unsre Psycho-logieen der Seele als Leidenschaften anzählenoder andichten. Nur jedes Gefühl ist in solchemZustande, je weniger in Fäden zertheilt, einum so mächtiger anziehendes Band: die Tönereden nicht viel, aber stark. Ob der Klagetonüber Wunden der Seele oder des Körpers wim-mere? ob dieses Geschrei von Furcht oder Schmerz