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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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695-696
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Johann Gottfried von Herder.

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erpreßt werde? ob dies weiche Ach sich mit ei- aller uns bekannten Sprachen auf etliche zwan-nem Kuß oder einer Thräne an den Busen der zig Buchstaben bringen lassen." Allein das Fak-Geliebten drücke? — alle solche Unterschiede zu tum ist unrichtig, und der Schluß noch unrich-bestimmen, war diese Sprache nicht da. Sie tiger. Keine einzige lebendigtönende Sprachesollte zum Gemälde Hinrufen; dies Gemälde 5 läßt sich vollständig in Buchstaben bringen, undwird schon vor sich selbst reden. Sie sollte >ö- noch weniger i„ zwanzig Buchstaben: dies zeigennen, nicht aber schildern. — Ueberhaupt grän- alle Sprachen sämmtlich und sonders. Der Ar-zen , nach jener Fabel des Sakrales, Schmerz tikulationen unsrer Sprachwerkzeuge sind so viele;und Wollust aneinander. Die Natur hat in der ein jeder Laut wird auf so mannichfaltige WeiseEmpfindung ihre Ende» zusammengeknüpft; und 10 ausgesprochen , daß z. B. Herr Lambert imwas kann also die Sprache der Empfindung an- zweiten Theil seines Organen mit Recht hatders, als solche Berührungspunkte zeigen? — zeigen können: „wie weit weniger wir Buch-- — Jetzt darf ich anwenden. „ staben, als Laute haben," und „wie unbestimmt

In allen ursprünglichen Sprachen tönen noch „also diese von jenen ausgedrückt werden kön-Reste dieser Ralurlöne; nur freilich sind sie nicht 15 „ neu." Und das ist doch nur aus der deutschendie Hauptfäden der menschlichen Sprache. Sie Sprache gezeiget, die die Vieltönigkeit und densind nicht die eigentlichen Wurzeln, aber die Unterschied ihrer Dialekte noch nicht einmal inSäfte, die die Wurzeln der Sprache beleben. eine Schriftsprache aufgenommen hat; wie dennEine feine, spät erfundne metaphysische da, wo die ganze Sprache nichts als solch ein

Sprache, die von der ursprünglichen Mutter- 20 lebendiger Dialekt ist? Woher rühren alle Ei-sprache des menschlichen Geschlechtes eine Abart genheilcn und Sonderbarkeiten der Orthographie,

vielleicht im vierten Gliede ist, und nach langen als wegen der Unbehülflichkeit zu schreiben, wieJahrtausenden der Abartung selbst wieder Jahr- man spricht? Welche lebendige Sprache läßt sich,Hunderte ihres Lebens hindurch verfeinert, civi- ihren Tönen nach, aus Bücherbuchstaben lernen?

lisirt und humanisirt worden: eine solche Sprache, 25 Und welche todte Sprache daher aufwecken?-

das Kind der Vernunft und Gesellschaft, kann Je lebendiger nun eine Sprache ist, je weniger

wenig oder nichts mehr von der Kindheit ihrer man daran gedacht hat, sie in Buchstaben zu

ersten Mutter wissen; allein die alten, die wil- . fassen, je ursprünglicher sie zum vollen unaus-den Sprachen, je näher zum Ursprünge, ent- gesonderte» Laute der Natur hinaufsteigt: destohalten davon desto mehr. Ich kann hier noch 30 minder ist sie auch schreibbar, desto minder mitnicht von der geringsten menschlichen Bildung zwanzig Buchstaben schreibbar; ja oft für Fremd-der Sprache reden: sondern nur rohe Materia- linge ganz unaussprechlich. Der P. Rasles,lien betrachten. Noch existirt für mich kein der sich zehn Jahre unter den Abenakiern in

Wort: sondern nur Töne zum Wort einer Em- Nordamerika aufgehalten, klagt hierüber so sehr,pfindung; aber sehet! in den genannten Spra- 35 daß er mit aller Aufmerksamkeit doch oft nurchen, in ihren Interjektionen, in den Wurzeln die Hälfte des Worts wiederhole und sich lächcr-ihrer Nomina und Verba, wie viel aufbe- sich gemacht habe; wie weil lächerlicher hätteHaltens Reste dieser Töne > Die ältesten mor- er die Sprache mit seinen französischen Buch-genländischen Sprachen sind voll von Ausrufen, staken beziffert? Der P. Chaumont, der fünfzigfür die wir spätergebildcten Völker oft nichts 40 Jahre unter den Huroncn zugebracht, und sichals Lücken, oder stumpfe», tauben Mißverstand an eine Grammatik ihrer Sprache gewagt hat,haben. In ihren Elegieen tönen, wie bei den klagt dcmohngeachtet über ihre Kehlbuchstaben

Wilden auf ihren Gräbern, jene Heul - und und ihre unaussprechlichen Accente: „oft hätten

Klagelöne, eine fortgehende Interjektion der „zwei Wörter, die ganz aus einerlei BuchstabenNatursprache; in ihren Lobpsalmen das Freu- 45 „bestünden, die verschiedensten Bedeutungen."dengeschrei, die wiederkommenden Hallelujahs, Garcilasso de Bcga beklagt sich über die Spä-tste Shaw aus dem Munde der Klageweiber er- nier, daß sie die Peruanische Sprache im Lautekläret, und die bei uns so oft feierlicher Unsinn der Wörter verstellet, verstümmelt, verfälschtsind. Im Gang', im Schwünge ihrer Gedichte, und aus bloßen Verfälschungen den Peruanern

und der Gesänge andrer alten Völker tönet der 50 das ärgste Zeug angedichtet. De la Condamine

Ton, der noch die Krieges- und Religionstänze, sagt von einer kleinen Nation am Amazonen-die Trauer- und Freudengesänge aller Wilden fluß: ein Theil von ihren Wörtern könne nicht,belebet: sie mögen am Fuße der Cordilleras, „auch nicht einmal sehr unvollständig, geschrie-

oder im Schnee der Irokesen, in Brasilien oder „den werden. Man müßte wenigstens neun

auf den Inseln der Karaiben wohnen. Die 55 „oder zehn Svlbcn gebrauchen, wo sie in derWurzeln ihrer einfachsten, wirksamsten, frühesten „ Aussprache kaum drei abzusprechen scheinen."Verben endlich sind jene ersten Ausrufe der Na- La Loubere von der Siamschen Sprache: „untertur, die erst später gemodelt wurden; und die „zehn Wörtern, die der Europäer ausspricht,Sprache,, aller alten und wilden Völker sind „versteht ein eingeborncr Siamer vielleicht keindaher in diesem innern, lebendigen Tone für 60 „einziges; man mag sich Mühe geben, so viel8^^^e immer unaussprechlich! „man will, ihre Sprache mit unsern Buchst«-

^ch kann die meisten dieser Phänomene im „den auszudrücken." Und was brauchen wir

Zusammenhange erst später erklären: hier stehe Völker aus so entlegenen Enden der Erde?

nur Eins. Einer der Vertheidiger des göttliche» Unser kleine Rest ursprünglicher Völker in Eu-

Ursprunges der Sprache') findet darin göttliche 65 ropa, Esthländer, Lappen u. s. w. haben oft

Ordnung z» bewundern: „daß sich die Laute eben so halb- artikulirteund unschreibbare Schälle,

t> SüßniilchS Beweis, daß der Ursprung ecr menschlichen Sprache göttlich sey. Berlin l?6v. S. 2>