Johann Gottfried von Herder.
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Beispielen zu sichern; ich überlasse jedem dieProbe, oder verweise aus eine andere Gelegen-heit, — und schließe fort:
Nach aller Wahrscheinlichkeit und Analogielassen sich also „alle Kunsttriebe und Kunstfä-higkciren aus den Vorstellungskräften der Thiereerklären;" ohne daß man außer ihnen nochblinde Determinationen annehmen darf, die allePhilosophie verwüsten. Wenn unendlich feineSinne in einen kleinen Kreis, auf ein Einerleieingeschlossen werden, und die ganze andreWelt für sie nichts ist, wie durchdringend müs-sen sie werden! Wenn Vorstellungskräfte ineinem kleinen Kreis eingeschlossen, und mit eineranalogen Sinnlichkeit begabt sind, wie starkmüssen sie nssrken! Und wenn endlich Sinneund Vorstellungen auf Einen Punkt gerichtetsind, was kann anders als Instinkt darauswerden? Aus ihnen also erkläret sich die Em-pfindsamkeit, die Fähigkeiten und Triebe derThiere nach ihren Stuffen und Arten.
Und ich darf also den Satz annehmen: „dieEmpfindsamkeit, die Fähigkeiten und Kunsttriebeder Thiere nehmen an Stärke und Intensitätzu, im umgekehrten Verhältnisse der Größe undMannichfaltigkeit ihres Wirkungskreises." Nunaber —
Der Mensch hat keine so einförmige undenge Sphäre, in der nur Eine Arbeit auf ihnwarte; eine Welt von Geschäften und Bestim-mungen liegt um ihn.
Seine Sinne und Organisation sind nichtauf Eins geschärft: er hat Sinne für alles,und natürlich also für jedes Einzelne schwächereund stumpfere Sinne.
Seine Seelenkräfte sind über die Welt ver-breitet; also keine Richtung seiner Vorstellungenauf ein Eins. Mithin kein Kunsttrieb, keineKunstfertigkeit - und, das Eine gehört hiernäher her, keine Thiecsprache.
Was ist doch das, was wir, außer der vor-herangcführten Lautbarkeit der empfindenden Ma-schine bei einigen Gattungen Thiersprachc nen-nen, anders, als das Resultat der Anmerkun-gen, die ich zusammengereihct habe? ein dunklessinnliches Einverständniß einer Thiergattung un-ter einander über ihre Bestimmung, im Kreiseihrer Wirkung.
Je kleiner also die Sphäre der Thiere ist,desto weniger haben sie Sprache nöthig. Jeschärfer ihre Sinne, je mehr ihre Vorstellungenauf Eins gerichtet, je ziehender ihre Triebesind; desto zusammengezogner ist das Einver-ständniß ihrer etwaigen Schälle, Zeichen, Aeu-ßerungen. — Es ist lebendiger Mechanismus,harschender Instinkt, der da spricht und ver-nimmt. Wie wenig darf er sprechen, daß ervernommen werde!
Thiere von dem engsten Bezirke sind alsogehörlos; sie sind für ihre Welt ganzGefühl, oder Geruch, und Gesicht: ganz ein-förmiges Bild, einförmiger Zug, einförmigesGeschäft; sie haben also wenig oder keine Sprache-
Je größer aber der Kreis der Thiere: jeunterschiebner ehre Sinne — doch was darf ichwiederholen. Mit dem Menschen ändert sich dieScene ganz. Was soll für seinen Wirkungs-kreis, auch selbst im dürftigsten Zustande, dieSprache des rcdendsten, am vielfachsten tönen-
den Thieres? Was soll für seine zerstreutenBegierden, für seine getheilte Aufmerksamkeit,für seine stumpfer witternden Sinne auch selbstdie dunkle Sprache aller Thiere? Sie ist für5 ihn weder reich, noch deutlich: weder hinrei-chend an Gegenständen, »och für seine Or-gane — also durchaus nicht seine Sprache:denn was heißt, wenn wir nicht mit Wortenspielen wollen, die eigenthümliche Sprache eines10 Geschöpfs, als: die seiner Sphäre von Bedürf-nissen und Arbeiten, der Organisation seinerSinne, der Richtung seiner Vorstellungen undder Stärke seiner Begierden angemessen ist?Und welche Thiersprache ist so für den Menschen?15. Jedoch es bedarf auch dieser Frage nicht.
Welche Sprache (außer der vorigen mecha-nischen) hat der Mensch so instinktmäßig, alsjede Lhiergattung die ihrige in und nach ihrerSphäre? Die Antwort ist kurz: keine! und20 eben diese kurze Antwort entscheidet.
Bei jedem Thiere ist, wie wir gesehen ha-ben, seine Sprache eine Aeußerung so starkersinnlicher Vorstellungen, daß diese zu Triebenwerden; mithin ist Sprache, so wie Sinne und25 Vorstellungen und Triebe, ihm angeboren unddem Thiere unmittelbar natürlich. Die Bienesumset wie sie sauget; der Vogel singt, wie ernistet — aber wie spricht der Mensch von Na-tur? Gar nicht! so wie er wenig oder nichts30 durch völligen Instinkt, als Thier thut. Ichnehme bei einem neugebornen Kinde das Ge-schrei seiner empfindsamen Maschine aus; sonstists stumm; es äußert weder Vorstellungen nochTriebe durch Töne, wie doch jedes Thier in35 seiner Art thut; bloß unter Thiere gestcllet,wäre es also das verwaisetste Kind der Natur.Nackt und bloß, schwach und dürftig, schüchternund unbewafnet: und was die Summe seinesElendes ausmacht, aller Leiterinnen des Lebens40 beraubt. — Mit einer so zerstreuten, geschwäch-ten Sinnlichkeit, mit so unbestimmten, schla-fenden Fähigkeiten, mit so getheilten und er-matteten Trieben geboren, offenbar auf tausendBedürfnisse verwiesen, zu einem großen Kreise45 bestimmt; und doch so verwaiset und verlassen,baß es selbst nicht mit einer Sprache begabtist, seine Mängcl zu äußern — Nein! ein sol-cher Widerspruch ist nicht die Haushaltung derNatur. Es müssen statt der Instinkte andre50 verborgne Kräfte in ihm schlafen! Stummge-boren; aber —
Zweiter Abschnitt.
55 Doch ich thue keinen Sprung. Ich gebedem Menschen nicht gleich plötzlich neue Kräfte,„ keine Sprachschaffende Fähigkeit", wie einewillkührliche „verborgene Eigenschaft." Ich su-che nur in den vorherbemcrkten Lücken und60 Mängeln weiter.
Lücken und Mängcl können doch nicht derCharakter seiner Gattung sein: oder die Naturwar gegen ihn die härteste Stiefmutter, da siegegen j'edes Insekt die liebreichste Mutter war-65 Jedem Insekt gab sie, was und wie viel esbrauchte: Sinne zu Vorstellungen, und Vor-stellungen in Triebe gediegen; Organe zurSprache, so viel es bedurfte, und Organe,diese Sprache zu verstehen. Bei dem Menschen