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Johann Gottfried von Herder.
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ist alles in dem größten Mißverhältniß: Sinneund Bedürfnisse; seine Kräfte und der Kreisder Wirksamkeit, der auf ihn wartet; seine Or-gane und seine Sprache — Es muß uns also„ein gewisses Mittelglied fehlen, die so abste-henden Glieder der Verhältniß zu berechnen."
Fänden wirs: so wäre nach aller Analogieder Natur „diese Schadloshaltung seine Eigen-heit, der Charakter seines Geschlechts"; undalle Vernunft und Billigkeit foderte, diesenFund für das gelten zu lassen, was er ist, fürNaturgabe, ihm so wesentlich als den Thierender Instinkt.
Ja, fänden wir „eben in diesem Charakterdie Ursache jener Mangel, und eben in derMitte dieser Mängel, in der Höhle jener gro-ßen Entbehrung von Äunstkrieben den Keimzum Ersatze:" so wäre diese Einstimmung eingenetischer Beweis, daß hier „die wahre Rich-tung der Menschheit" liege, und daß die Men-schengattung,über den Thieren nicht an Stufendes Mehr oder Weniger stehe, sondern an Art.
Und fänden wir in diesem neugefundnenCharakter der Menschheit sogar „den nothwen-digen genetischen Grund zur Entstehung einerSprache für diese neue Art Geschöpfe"/ wie wirin den Instinkten der Thiere den unmittelbarenGrund zur Sprache für jede Gattung fanden;so sind wir ganz am Ziele. In dem Falle würdedie „Sprache dem Menschen so wesentlich, als- er ein Mensch ist". Man siehet, ich ent-wickle aus keinen willkührlichen, oder gesellschaft-lichen Kräften, sondern aus der allgemeinenthierischen Oekonomie.
Und nun folgt, daß, wenn der MenschSinne hat, die für Einen kleinen Fleck derErde, für die Arbeit und den Genuß einerWeltspanne den Sinnen des Thiers, das indieser Spanne lebet, nachstehen an Schärfe: sobekommen sie eben dadurch „Vorzug der Frei-heil: „Eben weil sie nicht für Einen Punktsind, so sind sie allgemeinere Sinne der Welt".
Wenn der Mensch Vorstellungskräfte hat,dje nicht auf den Bau einer Honigzelle undeines Spinngewebes bezirkt sind, und also auchden Kunstfähigkeiien der Thiere in diesem Kreisenachstehen: so bekommen sie eben damit „weitereAussicht." Er hat kein einziges Werk, bei demer also auch unverbesserlich handle; aber er hatfreie» Raum, sich an vielem zu üben, mithinsich immer zu verbessern. Jeder Gedanke istnicht ein unmittelbares Werk der Natur, abereben damit kanns sein eigen Werk werden.
Wenn also hiemit der Instinkt wegfallenmuß, der bloß aus der Organisation der Sinneund dem Bezirk der Vorstellungen folgte, undkeine blinde Determination war; so bekommteben hiemit der Mensch „mehrere Helle". Daer auf keinen Punkt blind fällt und blind liegenbleibt: so wird er freistehend, kann sich eineSphäre der Bespiegelung suchen, kann sich insich bespiegeln. Sticht mehr eine unfehlbareMaschine in den Händen der Natur, wird ersich selbst Zweck und Ziel der Bearbeitung.
Man nenne diese ganze Disposition seinerKräfte, wie man wolle: Verstand, Vernunft, Be-sinnung u. s. w- Wenn man die Name» nichtfür abgesonderte Kräfte, oder für bloße Sluf-ftnerhöhungen der Lhierkräfte annimmt: so gilts
Kurz, p,os. Lit.
mir gleich. Es ist die „ganze Einrichtung allermenschlichen Kräfte; die ganze 'Haushaltungseiner sinnlichen und erkennenden, seiner er-kennenden und wollenden Natur;" oder viel-mehr — Es ist „die einzige positive Kraft desDenkens, die, mit einer gewissen Organisationdes Körpers verbunden, bei den Menschen soVernunft heißt, wie sie bei den Thieren Kunst-fähigkeit wird: die bei ihm Freiheit heißt, undbei den Thieren Instinkt wird." Der Unter-schied ist nicht in Stufen, oder Zugabe vonKräften, sondern in einer ganz verschiedenar-tigen Richtung und Auswickelung aller Kräfte.Man sei Leibnitzianer oder Lockianer, Searchoder Leowall, Idealist oder Materialist; so mußman bei einem Einverständniß über die Worte,zu Folge des Vorigen, die Sache zugeben:„einen eigenen Charakter der Menschheit", derhierin und in nichts anderem bestehet.
Alle, die dagegen Schwierigkeit gemacht, sinddurch falsche Vorstellungen und unaufgeräumteBegriffe hintergangen worden- Man hat sichdie Vernunft des Menschen als eine neue, ganzabgetrennte Kraft in die Seele hinein gedacht,die dem Menschen als eine Zugabe vor allenThieren zu eigen geworden, und die also auch,wie die vierte Stufe einer Leiter, nach dendrei untersten allein betrachtet werden müsse;und das ist freilich, es mögen es so große Phi-losophen sagen, als da wollen, philosophischerUnsinn. Alle einzelnen Kräfte unsrer und derThierseelen sind nichts als metaphysische Abstrak-tionen, Wirkungen! Sie werden abgetheilt,weil sie von unserm schwachen Geiste nicht aufeinmal betrachtet werden konnten: sie stehen i»Kapiteln, nicht, weil sie so kapitelweise in derNatur wirken, sondern weil ein Lehrling siesich vielleicht so am besten entwickelt. Daß wirgewisse ihrer Verrichtungen unter gewisse Haupt-namen gebracht haben, z. B. Witz, Scharfsinn,Phantasie, Vernunft; ist nicht, als wenn jeeine einzige Handlung des Geistes möglich wäre,wo der Witz oder die Vernunft allein wirkt:sondern nur, weil wir in dieser Handlung ammeisten von der Abstraktion entdecken, die wirWitz oder Vernunft nennen, z. B- Vergleichungoder Deutlichmachung der Ideen: überall aberwirkt die ganze unabgethcilte Seele. Konnteein Mensch je eine einzige Handlung thun, beider er völlig wie ein Thier dachte: so ist erauch durchaus kein Mensch mehr, gar keinermenschlichen Handlung mehr fähig. War cr-emen einzigen Augenblick ohne Vernunft: sosehe ich nicht, wie er je in seinem Leben mitVernunft denke» könne: oder seine ganze Seele,die ganze Haushaltung seiner Natur, wardgeändert.
Nach richtigern Begriffen ist die Vernunft-mäßigkeit des Menschen, der Charakter seinerGattung, etwas anders, nehmlich: „die gänz-liche Bestimmung seiner denkenden Kraft imVerhältniß seiner Sinnlichkeit und Triebe."Und da konnte es, alle vorigen Analogien zuHülfe genommen, nichts anders sein, alsdaß -
Wenn der Mensch Triebe der Thiere hätte,er das nicht haben könnte, was wir jetzt Ver-nunft in ihm nennen; denn eben diese Trieberissen ja seine Kräfte so dunkel auf einen Punkt
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