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707 Johann Gottfried von Herder.
hin, daß ihm kein freier Besinnungskreis ward.
Es mußte sein, daß —
Wenn der Mensch Sinne der Thiere, erkeine Vernunft hätte; denn eben die starke Reiz-barkeit seiner Sinne, eben die durch sie mächtig 5andringenden Vorstellungen müßten alle kalteBesonnenheit ersticken. Aber umgekehrt mußtees auch nach eben diesen Berbindungsgesetzen derhaushaltenden Natur sein, daß -
Wenn thierische Sinnlichkeit und Einge- 10schlossenheit auf einen Punkt wegfiele: so wurdeein ander Geschöpf, dessen positive Kraft sich ingrößerm Raume nach einer feinern Organisa-tion, Heller, äußerte; das abgetrennt und freinicht blos erkennet, will und wirkt, sondern 15auch weiß, daß es erkenne, wolle und wirke.Dies Geschöpf ist der Mensch; und diese ganzeDisposition seiner Natur wollen wir, um denVerwirrungen mit eignen Vcrnunftkräften u. s.w.zu entkommen, „Besonnenheit" nennen. Es 2Vfolgt also nach eben diesen Lerbindungsregeln,da alle die Wörter Sinnlichkeit und Instinkt,Phantasie und Vernunft, doch nur Bestimmun-gen einer einzigen Kraft sind, wo Entgegen-setzungen einander aufheben, daß — 25
Wenn der Mensch kein instinktmäßigcsThier sein sollte, er vermöge der freierwirkcn-dcn positiven Kraft seiner Seele ein besonnenesGeschöpf sein mußte. — — Wenn ich die Kettedieser Schlüsse noch einige Schritte weiter ziehe, 30so bekomme ich damit vor künftigen Einwendun-gen einen den Weg sehr kürzenden Vorsprung.
Ist »emlich die Vernunft keine abgetheilte,einzeln wirkende Kraft, sondern eine seinerGattung eigne Richtung aller Kräfte, so muß 35der Mensch sie im ersten Zustande haben,da er Mensch ist. Im ersten Gedanken desKindes muß sich diese Besonnenheit zeigen, wiebei dem Insekt, daß es Insekt war. — —
Das hat nun mehr als ein Schriftsteller nicht 40begreifen können, und daher ist die Materie,über die ich schreibe, mit den rohcsten Einwür-fen angefüllet; aber sie begriffen es nicht, weilsie es mißverstanden. Heißt denn vernünftigdenken, mit ausgebildeter Vernunft denken? 45Heißts, der Säugling denke mit Besonnenheit,er räsonnire wie ein Sophist auf seinem Ka-theder oder wie der Staatsmann in seinemCabiner? Glücklich und dreimal glücklich, daßer von diesem ermattenden Wust von Vcrnünfte- 50leien noch nichts wußte! Aber siehet man nichtauch, daß dieser Einwurf bloß einen so undnicht anders, einen mehr oder minder gebildetenGebrauch der Seelenkräste, und durchaus keinPositives einer Seelenkraft selbst läugne? Und 55welcher Thor würde da behaupten, daß derMensch im ersten Augenblick des Lebens so denke,wie nach einer vieljährigcn Uebung; es sei denn,daß man zugleich das Wachsthum aller Seelcn-kräfte läugncte, und sich eben damit selbst für l>0einen Unmündigen bekennte? - So wie dochaber dies Wachsthum in der Welt nichts be-deuten kann, als einen leichtern, stärkern, viel-fachern Gebrauch; muß denn das nicht schon daseyn, was gebraucht werden? muß das nicht 65schon Keim sein, was da wachsen soll? Und istalso nicht im Keime der ganze Baum enthalten?
So wenig das Kind Klauen wie ein Greif nocheine Löwenmähne hat: so wenig kann es wie
Greif und Löwe denken: denkt es aber mensch-lich, so ist Besonnenheit, das ist, die Bestim-mung aller seiner Kräfte auf diese Hauptrichtungschon im ersten Augenblicke dergestalt sein Loos,wie sie es im letzten sein wird. Die Vernunftäußert sich unter seiner Sinnlichkeit so wirklich,daß der Allwissende, der diese Seele schuf, inihrem ersten Zustande schon das ganze Gewebevon Handlungen des Lebens sah, wie etwa derMeßkünstler nach gegebener Classe aus einemGliede der Progreßion das ganze Verhältnißderselben findet.
„Aber so war doch diese Vernunft damalsmehr Vernunfrfähigkcit (relloxioii sn puissaooe)als wirkliche Kraft?" Die Ausnahme sagt keinWort. Bloße, nackte Fähigkeit, die auch ohnevorliegendes Hinderniß keine Kraft, nichts alsFähigkeit sei, ist so ein tauber Schall, als pla-stische Formen, die da formen, aber selbst keineFormen sind. Ist mit der Fähigkeit nicht dasgeringste Positive zu einer Tendenz da: so istnichts da — so ist das Wort bloß Abstraktionder Schule. Der neuere französische Philosoph(Rousseau), der diese röllsxion en puissanoe,diesen Scheinbcgriff so blendend gemacht, hat,wie wir sehen werden, .immer nur eine Luft-blase blendend gemacht, die er eine Zeitlangvor sich hertreibt, die ihm selbst aber unver-muthet auf seinem Wege zerspringt. Und istin der Fähigkeit nichts da; wodurch soll es dennje in die Seele kommen? Ist im ersten Zustandenichts.Positives von Vernunft in der Seele,wie wirds bei Millionen der folgenden Zuständewirklich werden? Es ist Worttrug, daß der Ge-brauch eine Fähigkeit in Kraft, etwas blosMögliches in ein Wirkliches verwandeln könne:denn ist nicht schon Kraft da, so kann sie janicht gebraucht und angewandt werden. Zudemendlich, was ist beides: eine abgetrennte Ver-nunftfähigkeit und Vernunftkrafc in der Seele?Eines ist so unverständlich, als das andere.Sezet den Menschen als das Wesen, das Erist, mit dem Grade von Sinnlichkeit, und derOrganisation ins Universum: von allen Seiten,durch alle Sinne strömt dies in Empfindungenauf ihn los. Durch menschliche Sinne? aufmenschliche Weise? So wird also, mit denThieren verglichen, dieß denkende Wesen weni-ger überströmt: es hat Raum, seine Kraftfreier zu äußern, und dieses Verhältniß heißtVernunftmäßigkcit. Wo ist da bloße Fä-higkeit? Wo eine abgesonderte Vernunft-kraft? Es ist die positive einzige Kraft derSeele, die in solcher Anlage wirket; mehrsinnlich, so weniger vernünftig; vernünftiger,so minder lebhaft; Heller, so minder dunkel. —Aber der sinnliche Zustand des Menschen warnoch menschlich, und also wirkte in ihm nochimmer Besonnenheit, nur im minder merklichenGrade; und der am wenigsten sinnliche Zustandder Thiere war noch thierisch, also wirkte beialler Klarheit ihrer Gedanken nie die Besonnen-heit eines menschlichen Begriffs. Und weiterlasset uns nicht mit Worten spielen! —
Es thut mir leid, daß ich so viele Zeit ver-loren habe, erst bloße Begriffe zu bestimmenund zu ordnen: allein der Verlust war nöthig,da dieser Theil der Psychologie in den »euerenZeiten so verwüstet da liegt: da französische