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Johann Gottfried von Herder.
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Philosophen über einige anscheinende Sonder-barkeiten in der thierischen und menschlichenNatur, alles so über- und untereinander ge-worfen haben, und deutsche Philosophen diemeisten Begriffe dieser Art mehr für ihr Sy-stem, und nach ihrem Sehepunkte, als darnachordnen, damit sie Verwirrungen im Sehepunktder gewöhnlichen Denkart vermeiden. Ich habeauch mit diesem Aufräumen der Begriffe keine»Umweg genommen, sondern wir sind mit einem-mal am Ziele. Nemlich:
Der Mensch in den Zustand von Besonnen-heit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Be-sonnenheit (Reflexion) zum erstenmal frei wir-kend, hat Sprache erfunden. Denn was istReflexion? Was ist Sprache?
Diese Besonnenheit ist ihm charakteristischeigen, und seiner Gattung wesentlich: so auchSprache und eigne Erfindung der Sprache.
Erfindung der Sprache ist ihm also so na-türlich, als er ein Mensch ist! Lasset unsnur beide Begriffe entwickeln! Reflexion undSprache — — !
Der Mensch beweiset Reflexion, wenn dieKraft seiner Seele so frei wirket, daß sie indem ganzen Ocean von Empfindungen, der siedurch alle Sinnen durchrauschet, Eine Welle,wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhal-ten, die Aufmerksamkeit auf sie richten, undsich bewußt seyn kann, daß sie aufmerke. Erbeweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzenschwebenden Traum der Bilder, die seine Sinnevorbeistreichcn, sich in ein Moment des Wachenssammle» , auf Einem Bilde freiwillig verweilen,es in hellere ruhigere Obacht nehmen, und sichMerkmale absondern kann, daß dies der Gegen-stand und kein andrer sey. Er beweiset alsoReflexion, wenn er nicht bloß alle Eigenschaftenlebhaft oder klar erkennen, sondern Eine odermehrere als unterscheidende Eigenschaften bei sichanerkennen kann: der erste Aktus dieser Aner-kenntniß giebt deutlichen Begriff; es ist dasErste Urtheil der Seele, und —
Wodurch geschah diese Anerkennung? Durchein Merkmal, das er absondern mußte, unddas, als Merkmal der Besinnung, deutlich inihm blieb. Wohlan, so lasset uns ihm das„Ich hab's gefunden!« zurufen! Dies ersteMerkmal der Besinnung war Wort der Seele.Mit ihm ist die menschliche Sprache erfunden.
Lasset jenes Lamm, als Bild, sein Augevorbeigehn: ihm, wie keinem andern Thiere.Nicht wie dem hungrigen, witternden Wolfe;nicht wie dem blutleckenden Löwen — die wit-tern und schmecken schon im Geiste: die Sinn-lichkeit hat sie überwältigt, der Instinkt wirftsie darüber her. — Nicht wie dem brünstigenSchaafmanne, der es nur als den Gegenstandseines Genusses fühlt, den also wieder die Sinn-lichkeit überwältigt; nicht wie jedem andernThier, dem das Schaaf gleichgültig ist, das esalso klar-dunkel vorbeistreichcn läßt, weil ihnsein Instinkt auf etwas anders wendet. Nichtso dem Menschen. Sobald er in das Bedürf-niß kommt, das Schaaf kennen zu lernen: sostöret ihn kein Instinkt; so reißt ihn kein Sinnauf dasselbe zu nahe hin, oder davon ab: essteht da, ganz wie es sich seinen Sinnen äußert.Weiß, sanft, wollicht — seine besonnen sich
übende Seele sucht ein Merkmal; das Schaafblöcket, sie hat ein Merkmal gefunden: derinnere Sinn wirket. Dies Blöcken, das ihr denstärksten Eindruck macht, das sich von allenandern Eigenschaften des Beschauens und Be-tastens losriß, hervorsprang, am tiefsten ein-drang, bleibt ihr. Das Schaaf kommt wieder.Weiß, sanft, wollichr - sie sieht, tastet, be-sinnet sich, sucht Merkmal — es blockt, undnun erkennet sie's wieder! „Du bist das Blö-ckende!« fühlt sie innerlich, sie hat es mensch-lich erkannt, da sie es deutlich, das ist, miteinem Merkmal erkannte und nannte. Dunkler;so wäre es von ihr gar nicht wahrgenommenworden, weil keine Sinnlichkeit, kein Instinktzum Schaafe ihr den Mangel des Deutlichendurch ein lebhafteres Klare ersetzte. Deutlichunmittelbar, ohne Merkmal; so kann kein sinn-liches Geschöpf ausser sich empfinden, da es im-mer andre Gefühle unterdrücken, gleichsam ver-nichten, und also den Unterschied von zweendurch ein drittes erkennen muß. Mit einemMerkmal also; und was war dieß anders alsein innerliches Merkwort? „Der Schall desBlöckens von einer menschlichen Seele, alsKennzeichen des Schaafs wahrgenommen, ward,kraft dieser Bestimmung, Name» des Schaafs,und wenn ihn nie seine Zunge zu stammelnversuche hätte." Er erkannte das Schaaf amBlöcken: es war ein gefaßtes Zeichen, bei wel-chem sich die Seele einer Idee deutlich besann -Was ist das anders als Wort? Und was istdie ganze menschliche Sprache, als eine Samm-lung solcher Worte? Käme er also auch nie inden Fall, einem andern Geschöpf diese Idee zugeben, und also dies Merkmal der Besinnungihm mit den Lippen vorblöcken zu wollen oderzu können; seine Seele hat gleichsam in ihremInwendigen geblöckc, da sie diesen Schall zumErinnerungszeichen wählte, und wieder geblöckt,da sie ihn daran erkannte — die Sprache isterfunden! eben so natürlich und dem Menschennothwendig erfunden, als der Mensch ein Menschwar.
Die meisten, die über den Ursprung derSprache geschrieben, habe» ihn nicht hier aufdem einzigen Punkte gesucht, wo er, meinerMeinung nach, gefunden werden konnte; undvielen haben also so viel dunkle Zweifel vorge-schwebt, ob er irgendwo in der menschlichenSeele zu finden sey? Man hat ihn in der bes-sern Artikulation der Sprachwerkzeuge gesucht;als ob je ein Orang-Outang mit eben denWerkzeugen eine Sprache erfunden hätte? Manhat ihn in den Schällen der Leidenschaft gesucht-als ob nicht alle Thiere diese Schälle besäßen,und irgend Ein Thier aus ihnen Sprache er-funden hätte? Man hat ein Principien» ange-nommen, die Natur und also auch ihre Schällenachzuahmen; als wenn sich bei einer solchenblinden Neigung was gedenken ließe? Und alsob der Affe mit eben dieser Neigung, die Amsel,die die Schalle so gut nachäffen kann, eineSprache erfunden hätten? Die meisten endlichhaben eine bloße Convention, einen Einvertragangenommen, und dagegen hat Rousseau amstärksten geredet; denn was ists auch für eindunkles, verwickeltes Wort, ein natürlicherEinvertrag zur Sprache? "Diese so vielfachen
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