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Johann Gottfried von Herder.
Falschheiten, die über den menschlichen Ursprungder Sprache gesagt waren, haben endlich diegegenseitige Meinung beinahe allgemein gemacht- ich hoffe nicht, daß sie es bleiben werde.Hier ist es keine Organisation des Mundes, 5die die Sprache schaft: denn auch der ZeitlebensStumme, war er Mensch, besann er sich; solag Sprache in seiner Seele. Hier ists keinGeschrei der Empfindung: denn nicht eine ath-mende Maschine, sondern ein besinnendes Ge- 10schöpf erfand Sprache. Kein Principium derNachahmung in der Seele: die etwanige Nach-ahmung der Natur ist blos ein Mittel zu Ei-nem und dem Einzigen Zweck, der hier erklärtwerden soll. Am wenigsten ists Einverständniß, 15willkührliche Convention der Gesellschaft: derWilde, der Einsame im Walde hätte Sprachefür sich selbst erfinden müssen; hätte er sie auchnie geredet. Sie war Einverständniß seinerSeele mit sich selbst, und ein so nothwendiges 20Einverständniß, als der Mensch Mensch war.Wenns andern unbegreiflich war, wie einemenschliche Seele hat Sprache erfinden können;so ists mir unbegreiflich, wie eine menschlicheSeele, was sie ist, seyn konnte, ohne eben da- 25durch, schon ohne Mund und Gesellschaft, sichSprache erfinden zu müssen.
Nichts wird diesen Ursprung deutlicher ent-wickeln, als die Einwürfe der Gegner. Dergründlichste, der ausführlichste Vertheidiger des 30göttlichen Ursprungs der Sprache wird eben,weil er durch die Oberfläche drang, die anderenur berühren, fast ein Vertheidiger des wahrenmenschlichen Ursprunges. Er ist unmittelbaram Rande des Beweises stehen geblieben; und 35sein Haupteinwurf, blos etwas richtiger er-kläret, wird Einwurf gegen ihn selbst und Be-weis vom Gegentheil seiner Meinung, derMenschenmöglichkeit der Sprache. Er will be-wiesen haben: „daß der Gebrauch der Sprache 40zum Gebrauche der Vernunft nothwendig sey-.Hätte er das, so wüßte ich nicht, was andersdamit bewiesen wäre, „als daß, da der Ge-brauch der Vernunft dem Menschen charakteri-stisch sey, der Gebrauch der Sprache es ihm 45eben so seyn müßte - Zum Unglück aber hater seinen Satz nicht bewiesen. Er hat bloßmit vieler Mühe dargethan, daß so viel feineverflochtnc Handlungen, als Aufmerksamkeit,Reflexion, Abstraktion u. s. w. nicht füglich ohne 50Zeichen geschehen können, auf die sich die Seelestütze; allein dieß nicht füglich, nicht leicht, nichtwahrscheinlich, erschöpfet die Sache noch nicht.
So wie wir mit wenigen Abstraklionskräfcennur wenige Abstraktion ohne- sinnliche Zeichen 55denken können: so können andre Wesen mehrdanhu» ohne denken; wenigstens folgt darausnoch nicht, daß an sich selbst keine Abstraktionohne sinnliches Zeichen möglich sey. Ich habeerwiesen, daß der Gebrauch der Vernunft nicht <>0füglich, sondern daß nicht der min-deste Gebrauch der Vernunft, nicht die einfachste,deutliche Anerkennung, nicht das simpelste Ur-theil einer menschliche,, Besonnenheit ohne Merk-mal möglich sey; denn der Unterschied von zween 05läßt sich nur immer durch ein drittes erkennen.Eben dies dritte, dies Merkmal, wird mithininneres Merkwort; also folgt die Sprache ausdem ersten Aklus der Verneinst ganz natür-lich. - Herr Süßmilch will darthun: daß die
höher» Anwendungen der Vernunft nicht ohneSprache vor sich gehen könnten! und führt dazuWolfs Worte an, der aber auch nur von die-sem Falle in Wahrscheinlichkeiten redet. DerFall tbut eigentlich nichts zur Sache: denn dieHähern Anwendungen der Vernunft, wie siein den spekulativen Wissenschaften Platz finden,waren nicht zu dem ersten Grundstein des Spra-chenbaues nöthig. Und doch ist auch dieser leichtzu erweisende Satz von Hrn. S. nur erläutert;da ich erwiesen zu haben glaube, daß selbst dieerste, niedrigste Anwendung der Vernunft nichtohne Sprache geschehen konnte. Allein wenner nun folgert; „kein Mensch kann sich selbstSprache erfunden haben, weil schon zur Er-findung der Sprache Vernunft gehöret, folglichschon Sprache hätte da sein müssen, ehe sie dawar: - so halte ich den ewigen Kreisel an. beseheihn recht, und nun sagt er ganz was anders:lialin «t Orativ! Wenn keine Vernunft demMenschen ohne Sprache möglich war: wohl, soist die Erfindung dieser dem Menschen so na-türlich, so alt, so ursprünglich, so charakteri-stisch, als der Gebrauch jener.
Ich habe Süßmilchs Schlußart einen ewigenKreisel genannt: denn ich kann ihn eben sowohlgegen ihn, als er gegen mich drehen: und dasSpiel kreiselt immer fort. Ohne Sprache hatder Mensch keine Vernunft, und ohne Vernunftkeine Sprache. Ohne Sprache und Vernunftist er keines göttlichen Unterrichts fähig; undohne göttlichen Unterricht hat er doch keine Ver-nunft und Sprache — wo kommen wir da jehin? Wie kann der Mensch durch göttlichenUnterricht Sprache lernen, wenn er keine Ver-nunft hat? Und er hat ja nicht den mindestenGebrauch der Vernunft ohne Sprache. Er sollalso Sprache haben, ehe er sie hat und habenkann; oder vernünftig werden können ohne denmindesten eignen Gebrauch der Vernunft? Umder ersten Sylbe im göttlichen Unterricht fähigzu seyn, mußte er, wie Herr Süßmitch selbstzugiebt, ein Mensch seyn, das ist, deutlich den-ken können, und bei dem ersten deutlichen Ge-danken war schon Sprache in seiner Seele da; siewar also aus eignen Mitteln und nicht me-chanisch, durch göttlichen Unterricht, erfunden.Ich weiß wohl, was man bei diesem göttlichenUnterricht meistens im Sinne hat, nemlich denSprachunterricht der Eltern an die Kinder;allein man besinne sich, daß das hier nicht derFall ist. Eltern lehren die Kinder nie Sprache,ohne daß diese nicht immer selbst mit erfänden:jene machen diese nur auf Unterschiede der Sa-chen, mittelst gewisser Wortzeichen, aufmerksam,und so ersetzen sie ihnen nicht etwa, sondernerleichtern und befördern ihnen nur den Ge-brauch der Vernunft durch die Sprache. Willman solche übernatürliche Erleichterung anneh-men : so geht das meinen Zweck nichts an:nur alsdann hat Gott durchaus für die Men-schen keine Sprache erfunden, sondern diese ha-ben immer noch mit Wirkung eigner Kräfte,nur unter höherer Veranstaltung, sich ihreSprache finden müssen. Um das erste Wortals Wort, d. i. als Merkzeichen der Vernunft,auch aus dem Munde Gottes empfangen zukönnen, war Vernunft nöthig; und der Menschmußte dieselbe Besinnung anwenden, dies. Wart,als Wort zu verstehen, als hätte crs ursprüng-