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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
713-714
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Johann Gottfried von Herder.

lich ersonnen. Alsdann streiten alle Waffen brummte, kroch, fraß, witterte er völlig wie

meines Gegners gegen ihn selbst; der Mensch ein Bar? Oder wäre er nicht ewig ein strau-

mußte wirklichen Gebrauch der Vernunft haben, chelnder stammlender Menschcnbär, und alsoum göttliche Sprache zu lernen: den hat immer ein unvollkommenes Doppelgeschöpf geblieben?

ein lernendes Kind auch, wenn es nicht, wie 5 So wenig sich nun seine Haut und sein Ant-

ein Papagei bloß Worte ohne Gedanken sagen litz, seine Füße und seine Zunge in völlige Bä-soll. Was wären das aber für würdige Schü- rengestalt ändern und wandeln konnten: so we-ler Gottes, die so lernten? Und wenn die ewig nig (lastet uns nimmer zweifeln!) konnte esso gelernt hätten, wo hätten wir denn unsere die Natur seiner Seele. Seine Vernunft lagVernunftsprache her? 10 unter dem Druck der Sinnlichkeit, der bären-

Jch schmeichle mir, daß, wenn mein wür- artigen Instinkte begraben: aber sie war nochdiger Gegner noch lebte, er einsähe, daß sein immer menschliche Vernunft, weil jene InstinkteEinwurf, etwas mehr bestimmt, selbst der stärkste ihm nimmer völlig zu Theil werden konnten.Beweis gegen ihn werde, und daß er also ab- Daß dem also gewesen, zeigt endlich die Ent-sichtlos in seinem Buche selbst Materialien zu 15 Wicklung der ganzen Scene. Als die Hinder-seiner Widerlegung zusammengetragen. Er niste weggewälzet, als diese Bärmenschen zuwürde sich nicht hinter das Wort „Vernunft- ihrem Geschlecht zurückgekehrt waren, lerntenfähiakeit, die aber noch nicht im mindesten Wer- sie natürlicher aufrechtgehen und sprechen, alsnunft ist" verstecken: denn man kehre wie man sie dort, immer unnatürlich, kriechen und brum-wolle, so werden Widersprüche! Ein verneinst!- 20 mcn gelernt hatten. Dies konnten sie immerges Geschöpf ohne den mindesten Gebrauch der nur bärenähnlich; jenes lernten sie in wenigerVernunft: oder ein Vernunftgebrauchendes Ge- Zeit ganz menschlich. Welcher ihrer vorigenschöpf ohne Sprache! Ein vernunstloses Ge- Mitbrüdcr des Waldes lernte das mit ihnen?schöpf, dem Unterricht Vernunft geben kann; Und weil es kein Bär lernen konnte, weil eroder ein unterrichtfähiges Geschöpf, was doch 25 nicht Anlage des Körpers und der Seele dazuohne Vernunft ist! Ein Wesen ohne den min- besaß; so mußte der Menschcnbär diese ja nochdesten Gebrauch der Vernunft; und doch Mensch! immer im Zustande feiner Verwilderung erhal-Ein Wesen, das seine Lernuft aus natürlichen ten haben. Denn hätte sie ihm blos der Un-Kräften nicht brauchen konnte, und doch beim terricht, die Gewohnheit gegeben, warum nichtübernatürlichen Unterricht natürlich brauchen 30 dem Bären? Und was hieße es doch, jemandlernte! Eine menschliche Sprache, die nicht durch Unterricht, Vernunft und Menschlichkeitmenschlich war, d. i. die durch keine menschliche geben, der sie nicht schon hat? Vermuthlich hatKraft entstehen konnte; und eine Sprache, die alsdenn diese Nadel dem Auge die Sehkraft ge-doch so menschlich ist, daß sich ohne sie keine geben, dem sie die Starrhaut wegschaffet. —seiner eigentlichen Kräfte äußern kann! Ein 35 Was wollen wir also aus dem unnatürlichstenDing, ohne das er nicht Mensch war, und doch Falle von der Natur schließen? Gestehen wirein Zustand, da er Mensch war, und das Ding aber ein, daß er ein unnatürlicher Fall sei;nicht hatte, das also da war, ehe es da war, wohl so bestätigt er die Natur, und weiset durchsich äußern mußte, ehe es sich äußern konnte, seine Abweichung auf die Menschenmöglichkeitu. s. w. — — Alle diese Widersprüche sind 40 der Sprache in einem bessern Zustande,offenbar, wenn Mensch, Vernunft und Sprache Die ganze Rousseausche Hypothese von Un-

für das Wirkliche genommen werden, was sie gleichheit der Menschen ist, bekannter Weise,sind, und das Gespenst vom Worte Fähigkeit auf solche Fälle der Abartung gebauet; und(Menschenfähigkeil, Bernunftfähigkeit, Sprach- seine Zweifel gegen die Menschlichkeit der Sprachefähigkeit) in seiner Unbedeutung gezeigt wird. 45 betreffen also entweder falsche Ursprungsartcn,„Aber die wilden Menschenkinder unter den Bä- oder die bcregte Schwierigkeit, daß schon Ver-ven,hatten sie Sprache? Und waren sie nichtMen- nunft zur Spracherfindung gehöret hätte. Imscheu?" lSüßmilch! Allerdings! nur zuerstMen- ersten Fall haben sie Recht; im zweiten sind sieschen in einem widernarürlichenZustande, Menschen widerlegt, und lassen sich aus Rousseaus Mundein Berartung. Leget den Stein auf diese Pflanze; 50 selbst widerlegen. Sein Phantom, der Natur-wird sie nicht krumm wachsen ? und sie ist dem- mensch, dies entartete Geschöpf, das er auf derungeachtet ihrer Natur nach eine aufschießende Einen Seite mit der Vernunftfähigkcit abspei-Pflanze, und hat ihre geradschießende Kraft set, wird auf der andern mit der Perfectibi-sclbst da geäußert, da sie sich dem Steine krumm lität und zwar mit ihr als Charaktereigenschaftumschlang. Also zweitens selbst die Möglichkeit 55 in so hohem Grade belehnet, daß er dadurchdieser Berartung zeigt menschliche Natur. Eben von allen Thiergattungen lernen könne; undweil der Mensch keine so hinreißende Instinkte was hat Rousseau ihm hiemit nicht zugestan-hnt, als die Thiere: weil er zu so mancherlei den! Mehrmals nur wollen, und brauchen,und zu Allem schwächer fähig, kurz, weil er Der erste Gedanke „siehe! das ist dem ThierMensch ist: ^ konnte er verarten. Würde er 00 eigen! der Wolf heult, der Bar brummt;"wohl so bärenähnlich haben brummen, und so schon der ist (in einem solchen Lichte gedacht,bärenähnlich haben kriechen lernen, wenn er daß er sich mit dem zweiten verbinden konntenicht gelenksame Organe, wenn er nicht ge- „das habe ich nicht!") wirkliche Reflexion; undlenkiame Glieder gehabt hätte? Würde jedes nun der dritte und vierte »wohl! das wäreandre Thier, ein Affe und Esel, es so weit 65 auch meiner Natur gemäß, das könnte ich nach-gebracht haben? Wirkte also nicht wirklich - ahmen, dadurch wird mein Geschlecht vollkom-seine menschliche Natur dazu, daß er so unna- weiss: welche Menge von feinen, fortschlicßcnlürlich werden konnte? Aber drittens blieb sie den Reflexionen! da das Geschöpf, das nur diedeßwegen noch immer menschliche Natur: den» Erste sich auseinander setzen konnte, schon