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Johann Gottfried von Herder.
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Sprache der Seele haben mußte, indem es schondie Kunst zu denken besaß, die die Kunst zusprechen schuf. Der Affe äffet immer nach,aber nachgeahmt hat er nie: er hat nie mitBesonnenheit zu sich gesprochen „das will ich 5nachahmen, um mein Geschlecht vollkommnerzu machen-" Denn hätte er das je, hätte ereine Einzige Nachahmung sich zu eigen gemacht,und sie in seinem Geschlecht mit Wahl undAbsicht verewigt: hätte er auch nur ein einzi- 10gcsmal eine Einzige solche Reflexion denke»können — denselben Augenblick war er keinAffe mehr. In aller seiner Affengestalt, ohneeinen Laut seiner Zunge, war er inwendig einsprechender Mensch, der sich über kurz oder 15lang seine äußerliche Sprache erfinden mußte.Welcher Orang-Outang aber hat je mit allenseinen menschenähnlichen Sprachwerkzcugen eineinziges Wort gesprochen, das der Grundsteineiner menschenähnlichen Sprache geworden wäre? 20Es gibt freilich noch Negerbrüder in Euro-pa, die da sagen „ja vielleicht! wenn er nursprechen wollte, oder in Umstände käme, in de-nen er sprechen müßte." Beide Wenn sinddurch die Lhiergeschichte genugsam widerlegt; 25und durch die Werkzeuge wird, wie gesagt,bei den Affen das Können nicht aufgehalten.')
Er hat eine» Kopf von außen und innen, wiewir; hat er aber je geredet? Papagei undStaar haben menschliche Schälle gelernt; haben 30sie aber auch ein menschliches Wort gedacht?
— Ueberhaupt gehen uns hier noch die äußernSchälle der Worte nicht an; wir reden von derinnern, nothwendigen Genesis eines Worts,als dem Merkmale einer deutlichen Besinnung; 35wann hat dies je eine Thierart, auf welcheWeise es sei, geäußert? Abgemerkt müßte dieserFaden der Gedanken, dieser Discours der Seele-immer werden können, er äußere sich, wie erwolle; dies geschiehet aber nie. Der Fuchs hat 40tausendmal so gehandelt, als ihn Aesop handelnläßt; er hat aber nie in Aesops Sinne gehan-delt und das Erstemal, daß er das kann, wirdMeister Fuchs sich seine Sprache erfinden, undüber Aesop so fabeln können, als Aesop jetzt 45über ihn fabelt. Der Hund hat viele Worteund Befehle verstehen gelernt; nicht aber alsWorte, sondern als Zeichen, mit Gebehrden,mit Handlungen verbunden ; verstünde er je einEinziges Wort im menschlichen Sinne, so diente 50er nicht mehr, so schaffete er sich selbst Kunstund Republik und Sprache. Man sieht, wennman einmal den genauen Punkt der Sprach-gencse verfehlt, so ist das Feld des Irrthumszu beiden Seiten groß: da ist die Sprache bald 55so übermenschlich, daß jedes Thier sie erfindenmuß, bald so übermenschlich, daß jedes Thiersi« erfinden könnte, wenn es sich die Mühenähme. Das Ziel der Wahrheit ist nur einPunkt-, auf den hingestellet, sehen wir auf alle 00Seiten, warum kein Thier Sprache erfindenkann, kein Gott Sprache erfinden darf, undder Mensch, <>,§ Mensch, Sprache erfinden kannund muß.
Weiter mag ich aus der Metaphysik die 65
Hypothese des göttlichen Sprachenursprungesnicht verfolge»; da psychologisch ihr Ungrunddarin gezeigt ist, daß, um die Sprache derGötter im Olymp zu verstehen, der Menschschon Vernunft, folglich schon Sprache habenmüsse. Noch weniger kann ich mich in ein an-genehmes Detail der Thiersprachen einlassen:da sie doch alle, wie wir gesehen, total undinkommensurabel von der menschlichen Spracheabstehen. Dem ich am ungernsten entsage,wären hier die mancherlei Aussichten, die vondiesem genetischen Punkt der Sprache in dermenschlichen Seele, in die weiten Felder derLogik, Aesthetik und Psychologie, insonderheitüber die Frage gehen: wie weil kann man ohne,was muß man mit der Sprache denken? —eine Frage, die sich nachher in Anwendungenfast über alle Wissenschaften ausbreitet. Hiersey es genug: die Sprache, als den wirklichenUnterscheidungscharakler unserer Gattung vonaußen zu bemerken, wie es die Vernunft voninnen ist.
In mehr als einer Sprache hat also auchWort und Vernunft, Begriff und Wort,Spracheund Ursache einen Namen, und diese Synony-mie enthält ihren ganzen genetischen Ursprung.Bei den Morgenländern ists der gewöhnlicheIdiotismus geworden, das Anerkennen einerSache Namengebung zu nennen; denn imGrunde der Seele sind beide Handlungen eins.Sie nennen den Menschen das redende Thier,und die unvernünftigen Thiere die Stummen.Der Ausdruck ist sinnlich, charakteristisch: auchdas griechische „Alogos" fasset beides. Es wirdsonach die Sprache eine Aeußerung, ein Aus-druck und Organ des Verstandes, ein künstlicherSinn der menschlichen Seele; wie sich die Sehe-kraft jener sensitiven Seele der Alten das Auge,und der Instinkt der Biene seine Zelle bauet.
Vortrefflich, daß dieser neue, künstliche Sinndes Geistes gleich in seinem Ursprünge wiederein Mittel der Verbindung ist und seyn muß!Ich kann nicht den ersten menschlichen Gedan-ken denken, nicht das erste besonnene Urtheilreihen, ohne daß ich in meiner Seele dialogire,oder zu dialogiren strebe; der erste menschlicheGedanke bereitet also seinem Wesen nach, mitandern dialogiren zu können. Das erste Merk-mal, was ich erfasse, ist Merkwort für mich,und wird Mittheilungswort für andre.
„(Man) fand gegliederte Wort', um Laut undGefühl zu bezeichnen,
Und Benennungen auch der Dinge". — —
(Horatius Sät- I, 3, 104.)
Dritter Abschnitt.
Der Brennpunkt ist angezeigt, auf welchemPrometheus himmlischer Funke in der mensch-lichen Seele zündete. Beim ersten erfaßtenMerkmal ward Sprache; welches waren aberdie ersten Merkmale zu Elementen der Sprache?
>) Aus Campers Zergliederung des Orang-Outang <I. seine nberschtcn kleinen Schriften, erhellet, daß dieseBehauptung zu kühn ist: ße war indessen damals, als ich dieses schrieb, der Anatomiker gemeine Meinung.