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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
717-718
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Johann Gottfried von Herder.

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I. Tön c.

Cheselden's Blinder zeigt, wie langsamsich das Gesicht entwickle, wie schwer die Seelezu den Begriffen von Raum, Gestalt und Farbe 5komme, wie viel Versuche gemacht, wie vielMeßkunst erworben werden müsse, um dieseMerkmale deutlich zu gebrauchen; das war alsonicht der füglichste Sinn zur Sprache. Zudemwaren seine Phänomene so kalt und stumm, die 10Empfindungen der gröbern Sinne wiederum soundeutlich und in einander gewebet, daß nachaller Natur, entweder Nichts, oder das Ohrder erste Lehrmeister der Sprache wurde.

Da ist z- B. das Schaaf. Als Bild schwe- 15bet es dem Auge mit allen Gegenstände», Bil-dern und Farben auf Einer großen Naturtafelvor; wie viel ist in ihm, und dies wie mühsamzu unterscheiden! Alle Merkmale sind verflochtenneben einander; alle also noch unaussprechlich. 20Wer kann Gestalten reden? Wer kann Farbe»tönen? Der Mensch nimmt das Schaaf unterseine rastende Hand: dies Gefühl ist sicherer undvoller; aber seine Merkmale sind so voll, sodunkel in einander — Wer kann, was er fühlt, 25sagen? Aber horch! das Schaaf blöcket. Dareißt sich ein Merkmal von der Leinwand desFarbcnbildes, worin so wenig zu unterscheidenwar, von selbst los: es dringet tief und deut-lich in die Seele. „Ha!" sagt der lernende 30Unmündige ( wie jener blind gewesene Cbesel-dcn's): „nun werde ich dich wieder kennen —

Du blöckst" Die Turteltaube girrt, der Hundbellt; da sind drei Worte, weil er drei deut-liche Ideen versuchte, diese in seine Logik, jene 35in sein Wörterbuch einzuzeichnen. Vernunft undSprache thaten gemeinschaftlich einen furchtsa-men Schritt, und die Natur kam ihnen aufhalbem Weg entgegen durchs Gehör. Sie tönteihnen das Merkmal nicht bloß vor, sondern tief 40in die Seele: es klang, die Seele haschte —da hat sie ein tönendes Wort!

Der Mensch ist also als ein horchendes,merkendes Geschöpf zur Sprache natürlich ge-bildet; und selbst ein Blinder und Stummer, 54siehet man, müßte Sprache erfinden, wenn ernur nicht fühllos und taub ist. Sezet ihn ge-mächlich und behaglich auf eine einsame Insel:die Natur wird sich ihm durchs Ohr offenbaren:lausend Geschöpfe, die er nicht sehen kann, sowerden doch mit ihm zu sprechen scheinen; undbliebe auch ewig sein Mund und sein Auge ver-schlossen, seine Seele bleibt nicht ganz ohneSprache. Wenn die Blätter des Baumes demarmen Einsamen Kühlung Herabrauschen, wenn 35der vorbeimurmelnde Bach ihn in den Schlafwieget, und der säuselnde West seine Wangenfächelt-, das blöckcnde Schaaf giebt ihm Milch,die rieselnde Quelle Wasser, der rauschendeBaum Früchte; — Interesse genug, diese wohl- 60thätigen Wesen zu kennen, Dringniß genug,ohne Augen und Zunge in seiner Seele sie zunennen. Der Baum wird ihm der Rauscher,der West Säusler, die Quelle Riesler heißen;da liegt ein kleines Wörterbuch fertig, und 65wartet auf das Gepräge der Sprachorgane.Wie arm, und sonderbar aber müßten die Vor-stellungen sein, die dieser Verstümmelte mitsolchen Schällen verbindet!

Nun lasset dem Menschen alle Sinne frei;er sehe und taste und fühle zugleich alle Wesen,die in sei» Ohr reden; welch ein weiterer Lehr-saal der Ideen und der Sprache! Führet keinenMerkur und Apollo als Opernmaschinen vonden Wolken herunter; die ganze, vieltönige,göttliche Natur ist dem Menschen Sprachleh-rcrin und Muse. Da führet sie alle Geschöpfebei ihm vorbei; jedes trägt seine» Namen aufder Zunge, »nd nennet sich diesem verhälletensichtbaren Gotte selbst sein Vasall und Die-ner. Es liefert ihm, wie einen Tribut, seinMerkwort ins Buch seiner Herrschaft, damiter sich bei diesem Namen seiner erinnere, esbei demselben künftig rufe und genieße. Ichfrage ob je diese Wahrheit: „ eben der Verstand,durch den der Mensch über die Natur herrschet,war der Vater einer lebendigen Sprache, dieer aus Tönen schallender Wesen zu Merk-malen der Unterscheidung abzog;" ich frage, obje dieser trockne Satz auf morgenländische Weiseedler und schöner könne gesagt werden, als:„Gott führte die Thiere zu ihm, daß er sähe,wie er sie nennete; und wie er sie nennen würde,so sollten sie heißen!« Auf morgenländische,poetische Weise kann es schwerlich bestimmtergesagt werden; „der Mensch erfand sich selbst

Sprache aus Tönen lebender Natur, zu Merk-malen seines herrschenden Verstandes." — Unddas ist, was ich zu beweisen strebe.

Hätte ein Engel oder ein himmlischer Geistdie Sprache erfunden; wie anders als daß ihrganzer Bau ein Abdruck von der Denkart die-ses Geistes seyn müßte? Denn woran könnte ichein Bild, von einem Engel gemahlt, kennen,als an dem Englischen, Ueberirdischen seinerZüge? Wo findet das aber bei unsrer Sprachestatt? Bau und Grundriß, ja selbst der ersteGrundstein dieses Pallastes verräth Menschheit.

In welcher Sprache sind himmlische, geistigeBegriffe die ersten? Jene Begriffe, die auchnach der Ordnung unsers denkenden Geistes dieersten seyn müßten, die Subjekte, „gemeineBegriffe", die Samenkörner unsrer Erkennt-niß, die Punkte, um die sich alles wendet undalles zurückführt — sind diese lebenden PunkteElemente der Sprache? Die Subjekte müßtendoch natürlicher Weise vor dem Prädikat, unddie einfachsten Subjekte vor den zusammenge-setzten, das was da thut und handelt, müßtevor dem, was es handelt, das Wesentlicheund Gewisse vor dem ungewissen Zufälligenvorhergegangen seyn; und in unsern ursprüng-lichen Sprachen findet durchgängig das offen-bare Gegentheil statt. Ein hörendes, aushor-chendes Geschöpf ist kennbar, aber kein himm-lischer Geist: denn tönende Verba sind die er-sten Machtelemente der ältesten Sprachen. Tö-nende Verba? Handlungen, und noch nichts,was da handelt. Prädikate und noch kein Sud-jekt? Der himmlische Genius mag dieses sichfremd sinde", aber mäht das sinnliche mensch-liche Geschöpf; denn was rührte dieß, wie wirgesehen haben, eben inniger, als diese tönendenHandlungen - Und was ist also die ganze Bau-art der spräche anders, als eine Entwickelungs-weise seines Geistes, eine Geschichte seiner Ent-deckungen? Der göttliche Ursprung der Spracheerklärt nichts, und läßt nichts aus sich erklären;