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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
719-720
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Johann Gottfried von Herder.

er ist, wie Bake von einer andern Sache sagt,eine heilige Bestattn», Gott geweihet, aber un-fruchtbar, fromm, aber zu nichts nütze! Dermenschliche Ursprung erkläret alles und also sehrvieles. 5

Das erste Wörterbuch war aus den Lautender Welt gesammelt. Von jedem tönende» We-sen klang sein Name; die menschliche Seeleprägte ihr Bild darauf, dachte sie als Merk-zeichen: wie nun anders, als daß diese tönen- 10den Interjektionen die ersten Machtworte derSprache würden? Und so sind z- B. die mor-genländischen Sprachen voll Verba als Grund-wurzeln der Sprache. Der Gedanke an dieSache selbst schwebte noch zwischen dem Han- 15delnden und der Handlung: der Ton mußte dieSache bezeichnen, so wie die Sache den Tongab; aus den Verdis wurden also Nomina,und Nomina aus den Verdis. Das Kind nen-net das Schaaf, als Schaaf nicht, sondern als 20ein blöckendes Geschöpf, und macht also dieInterjektion zu einem Verbo. Im Stuffengangeder menschlichen Sinnlichkeit wird diese Sacheerklärbar, aber nicht in der Logik des höherenGeistes. ' 25

Alle alte, wilde Sprachen sind voll von die-sem Ursprünge; und in einem „philosophischenWörterbuch der Morgenländer" wäre jedesStammwort mit seiner Familie recht gestelletund gesund entwickelt, eine Charte vom Gange 30des menschlichen Geistes, eine Geschichte seinerEntwicklung, und ein ganzes solches Wörter-buch die vortrefflichste Probe von der Ersin-dungskunst der menschlichen Seele. Ob aberauch von der Sprach- und Lehrmethode Gottes? 35Ich zweifle.

Indem die ganze Natur tönt, so ist einemsinnlichen Menschen nichts natürlicher, als daßer denkt, sie lebe, sie spreche, sie handle. Je-ner Wilde sah den hohen Baum mit seinem 40prächtigen Gipfel, und bewunderte ihn; derGipfel rauschte: das, sprach er, ist webendeGottheit! er siel nieder und betete an. Sehetda die Geschichte des sinnlichen Menschen, hasdunkle Band, wie aus den Verdis Nomina 45werden, und zugleich den leichtesten Schrittzur Abstraktion.

Bei den Wilden von Nordamerika z. B. istnoch alles belebt: jede Sache hat ihren Genius,ihren Geist; und daß es bei Griechen und Mor- 50genländern eben so gewesen, davon zeugt ihrältestes Wörterbuch, ihre älteste Grammatik.

Sie sind, wie es die ganze Natur dem Erfin-der war, ein Pantheon, ein Reich belebter,handelnder Wesen. - 55

Indem der Mensch aber alles auf sich be-zog; indem alles mit ihm zu sprechen schien,und wirklich für ihn oder gegen ihn handelte;indem er also an ihm oder dagegen Theil nahm,es lieble oder haßte, und sich alles menschlich 60vorstellte: so drückten sich alle diese Spuren derMenschlichkeit natürlich auch in die ersten Na-men. Auch sie sprachen Liebe oder Haß, Fluchoder Seegcn, Theilnehmung oder Widrigkeit,und insonderheit wurden aus diesem Gefühl in 65so vielen Sprachen die Artikel. Da wurde al-les menschlich zu Weib und Mann personifizier:überall Götter, Göttinnen, handelnde, bösar-tige oder gute Wesen; der brausende Sturm,

und der süße Zephyr, die klare Wafferquellcund der mächtige Ozean — ihre ganze Mytho-logie liegt in den Fundgruben, den Verdis undNominibus der alten Sprachen, und das äl-teste Wörterbuch war so ein tönendes Pantheon,ein Versammlungssaal beider Geschlechter, alsden Sinnen des ersten Erfinders die Naturwar. In diesem Betracht ist die Sprache jeneralten Wilden ein Studium in den Jrrgängenmenschlicher Phantasie und Leidenschaften, wieihre Mythologie. Jede Familie von Wörternist ein verwachsenes Gebüsch rings um eine sinn-liche Hauptidee, wie um eine heilige Eiche, aufder noch Spuren sind, welchen Eindruck derErfinder von ihrer Dryade hatte. Die Gefühlesind zusammcngewebl: was sich beweget, lebt;was da tönet, spricht — und da es für oderwider dich tönt, so ist's Freund oder Feind;Gott oder Göttinn; es handelt aus Leidenschaf-ten, wie du!"

Ein menschliches, sinnliches Geschöpf liebeich über diese Denkart: ich sehe überall denschwachen, schüchternen Empfindsamen, der lie-ben oder Haffen, trauen oder fürchten muß,und diese Empfindungen aus seiner Brust überalle Wesen ausbreiten möchte. Ich sehe überalldas schwache und doch mächtige Geschöpf, dasdas ganze Weltall nöthig hat, und alles mitsich in Krieg und Frieden verwickelt; das vonallem abhängt, und doch über alles herrschenmöchte. — Die Dichtung und die Geschlcchter-schaffung der Sprache sind also Interesse derMenschheit, und die Genitalien der Rede gleich-sam das Mittel ihrer Entstehung. Aber nun —wenn sie ein höherer Genius aus den Sternenhinunter gebracht hätte; wie? wurde dieser Ge-nius aus den Sternen auf unserer Erde unterdem Monde auch in solche Leidenschaften vonLiebe und Schwachheit, von Haß und Furchtverwickelt, daß er alles in Zuneigung und Haßverflocht, daß er alle Worte mit Furcht undFreude bezeichnete, daß er endlich alles auf Be-gattungen bauete? Sah und fühlte er, wieein Mensch siehet und fühlet, daß sich ihm dieNomina in Geschlechter und Artikel paarenmußten, daß er die Verba thätig und leidendzusammen gab, ihnen so viel ächte und Dop-pelkindcr zuerkannte, kurz, daß er die ganzeSprache auf das Gefühl menschlicher Schwach-heiten bauete? Sah und fühlte er so?

Einem Vertheidiger des übernatürlichen Ur-sprunges ist's göttliche Ordnung der Sprache:„daß die meisten Stammwörter einsylbig, dieVerba meistens zweisylbig sind, und also dieSprache nach dem Maße des Gedächtnisses ein-getheilt sey." Das Faktum ist nicht genau,und der Schluß unsicher. In den Reste» derfür die älteste angenommenen Sprache sind dieWurzeln ordentlicher Weise zwcisylbige Verba;welches ich aus dem vorigen sehr gut erklärenkann, da die Hypothese des Gegentheils keinenGrund findet. Diese Verba nämlich sind aufdie Laute und Interjektionen der tönenden Na-tur gcbauct, die oft noch in ihnen tönen, hieund da auch noch als Interjektionen aufbehal-ten sind; meistens aber mußten sie, als halb-inartikulirte Töne, verloren gehen, da sich dieSprache formte. In den morgenländischcnSprachen fehlen also diese ersten Versuche der