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Johann Gottfried von Herder.
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stammelnden Zunge; aber, daß sie fehlen, undnur ihre regelmäßigen Reste in den Verdis tö-nen, das eben zeugt von der Ursprünglichkeitund Menschlichkeit der Sprache. Sind dieseStammwörter Schätze und Abstraktionen ausdem Verstände Gottes, oder sind sie die erstenLaute des horchenden Ohrs, die ersten Schälleder stammelnden Zunge? Das Menschenge-schlecht in seiner Kindheit hat sich eben dieSprache geformt, die ein Unmündiger stamm-let: es ist das lallende Wörterbuch der Ammen-stube, das natürlich im Munde der Erwachsene»sich sehr verändert.
Was so viele Alte sagen und so viele Neuerenachgesagt haben, nimmt hieraus, wie ich glaube,sein sinnliches Leben: „daß nämlich Poesie ältergewesen sey, als Prosa"! Denn, was wardie erste Sprache, als eine Sammlung vonElementen der Poesie? Eine Nachahmung dertönenden, handelnden, sich regenden Natur;aus den Interjektionen aller Wesen genommen,und von Interjektionen menschlicher Empfindungbelebet; die Natursprache aller Geschöpfe, vomVerstände in Laute gedichtet, in Bilder vonHandlung, Leidenschaft und lebender Einwirkungpcrsonisicirt, ein Wörterbuch der Seele, daszugleich Mythologie und eine wunderbare Epo-pee von den Handlungen und Reden Aller war.Also eine beständige Fabcldichtung voll Leiden-schaft und Interesse: was ist Poesie anders? —
Ferner: Die Tradition des Alterthums sagt:die erste Sprache des menschlichen Geschlechtssey Gesang gewesen; und viele gute musikalischeLeute haben geglaubt, die Menschen könntendiesen Gesang wohl den Vögeln müßiger Weiseabgelernt haben; — das ist freilich viel geglaubt!Eine große wichtige Uhr mir ihren scharfen Rä-dern und neugespannten Federn und Centncr-gewichten kann wohl ein Glockenspiel von Tönenmachen; aber den neugeschaffnen Menschen mitseinen wirksamen Triebfedern, mit seinen Be-dürfnissen, mit seinen starken Empfindungen,mit seiner fast blind beschäftigten Aufmerksam-keit , und endlich mit seiner rohen Kehle dahin-setzen, „m die Nachtigall nachzuäffen, und sichvon ihr eine Sprache zu ersingen, ist, in wievielen Geschichten der Musik und Poesie es auchstehe, ziemlich unwahrscheinlich. Freilich wäreeine Sprache durch musikalische Töne möglichswie auch Lcibnitz auf den Gedanken gekommenist). Aber für die ersten Naturmenschen wardiese Sprache kaum möglich, so künstlich undfein ist sie. In der Reihe der Wesen hat jedesDing seine Stimme und eine Sprache nach sei-ner Summe. Die Sprache der Liebe ist imNeste der Nachtigall süßer Gesang, wie in derHöhle des Löwen Gebrüll; im Forste des Wildeswiehernde Brunst, und im Winkel der KatzeZettergeschrei; jede Gattung redet die ihrige,nichr für den Menschen, sondern für sich, undfür sich so angenehm als Petrarchs Gesang anseine Laura. So wenig also die Nachtigall singt,um den Menschen, wie man sich einbildet, vor-zusingen: so wenig wird der Mensch sich da-durch je Sprache erfinden wollen, daß er derNachtigall nachtrillert. —
War die erste Sprache des Menschen Ge-sang; so war's Gesang, der ihm so natürlich,stinen Organen und Naturtrieben so angemes-Kurz, Pros. Lit.
sen war, als der Nachrigallengesang ihr selbst,die gleichsam eine schwebende Kehle ist; und daswar eben unsere tönende Sprache. Cvndillac,Rousseau und Andere sind hier sehr aus denWeg gekommen, indem sie die Prosodie und denGesang der ältesten Sprachen vom Laut derEmpfindung herleiten; denn ohne Zweifel be-lebte die Empfindung jene ersten Töne und er-hob sie. So wie aber aus den bloßen Tönender Empfindung nie eine menschliche Spracheentstehen konnte, die dieser Gesang doch war,so fehlt noch etwas, ihn hervorzubringen: unddas war eben die Namennennung eines jedenGeschöpfs nach seiner Sprache. Da sang undtönte also die ganze Natur dem Menschen vor:und der Gesang des Menschen ward ein Con-cert aller dieser Stimmen, so fern sie sein Ver-stand brauchte, seine Empfindung faßte, seineOrgane sie ausdrücken konnten. Es ward Ge-sang, aber weder Rachtigallenlied, noch «cib-nitzens musikalische Sprache, noch ein bloßesEmpfindungsgeschrei der Thiere: Ausdruck derSprache aller Geschöpfe, innerhalb der natür-lichen Tonleiter der menschlichen Stimme.
Selbst als die Sprache späterhin regelmä-ßiger und eintöniger gereihet wurde, blieb sienoch immer eine Gattung Gesang, wie es dieAccente so vieler Wilden bezeugen; und daßaus diesem Gesänge, als solcher nachher ver-edelt und verfeinert ward, die älteste Poesieund Musik entstanden, hat jetzt schon mehr alsEiner bewiesen. Der philosophische Engländer(Brown), der sich in unserm Jahrhunderte andiesen Ursprung der Poesie und Musik machte,hätte am weitesten kommen können, wenn ernicht den Geist der Sprache von seiner Unter-suchung ausgeschlossen hätte, auch minder aufsein System ausgegangen wäre, Poesie undMusik auf einen Bereinigungspunkt einzuschlie-ßen, als auf den Ursprung beider aus der gan-zen Natur des Menschen. Ueberhaupt, da diebesten Stücke der alten Poesie Reste diesersprachsingenden Zeiten sind: so sind die Miß-kenntnisse zahlreich, die man unter dem Namender Geschmacksfehler aus dem Gange der älte-sten Gedichte, der griechischen Trauerspiele undDeklamationen herausbuchstabirt hat. Wie vielhätte hier noch ein Philosoph zu sagen, derunter den Wilden, wo gcwissermaaßen noch dießZeitalter lebt, den Ton gelernt hätte, dieseStücke zu lesen! - Doch ich verlöre mich inein zu weites Feld, wenn ich mich in fernereeinzelne Sprachanmerkungen einlassen wollte-also zurück auf den ersten Ersindungsweg derSprache!
Wie aus Tönen, vom Verstände zu Merk-malen geprägt, Worte wurden, war sehr be-greiflich ; über nicht alle Gegenstände tönen-Woher nun^für diese sinnliche Merkworte, beidenen die Seele sie nenne? woher dem Men-schen die Kunst, was nicht Schall ist, in Schallzu verwandeln? Was hat die Farbe, dieNund-heit, mit dem Namen gemein, der aus ihr sonatürlich entstehe, wie der Name Blöken ausdem Schafe? Die Vertheidiger des übernatürli-chen Ursprunges der Sprache wissen hier so-gleich Rath. „Willkürlich! sagen sie; wer kann's46
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