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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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Johann Gottfried von Herder.

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fortbilden konnten. Da sollen die stumpfen,späten Gesetze der Grammatiker das Göttlichstesein, das wir verehren; und vergessen dse wahregöttliche Sprachnatur, die sich mit dem mensch-lichen Geiste vereint bildete: so unregelmäßigsie uns auch scheine. Die Sprachbildung ist indie Schatten der Schule gewichen, aus denensie nichts mehr für die lebendige Well wirket:drum soll auch nie eine hellere Welt gewesensein, in der die ersten Sprachbildner leben,fühlen, schaffen und dichten mußten. — Ich be-rufe mich auf das Gefühl derer, die den Men-schen im Grunde seiner Kräfte, die das Mäch-tige, Große in den Sprachen der Wilden, jadas Wesen der Sprache überhaupt nicht ver-kennen - Daher fahre ich fort:

Zweites Naturgesetz.

Der Mensch ist, seiner Bestimmung nach,ein Geschöpf der Heerde, der Gesellschaft; dieFortbildung einer Sprache wird ihm also na-türlich, wesentlich, nothwendig.

Das menschliche Weib hat keine Jahreszeitder Brunst, wie die Thierweiber; und die Zeu-gungskraft des Mannes ist nicht so ungebän-digt, aber fortwährend. Wenn nun Störcheund Lauben Ehen haben; so wüßte ich nicht,warum sie der Mensch aus mehrern Ursachennicht haben sollte?

Der Mensch, gegen den struppigen Bärund den borstigen Pgel gesetzt, ist ein schwä-cheres, dürftigeres, nackteres Thier: er hatHöhlen nöthig, und diese werden, mit den vo-rigen Veranlassungen zusammen genommen,sehr natürlich gemeinschaftliche Höhlen.

Der Mensch ist ein schwächeres Thier, dasin mehrern Himmelsgegenden sehr übel denJahreszeiten ausgesetzt wäre: das menschlicheWeib hat also als Schwangere, als Gebärerineiner gesellschaftlichen Hülfe mehr nöthig, alsder Strauß, der seine Eier in die Wüste leger.

Endlich insonderheit das menschliche Junge,der auf die Welt gesetzte Säugling: wie sehrist er ein Vasall menschlicher Hülfe und gesel-liger Erbarmung! Aus einem Zustande, wo erals Pflanze am Herzen seiner Mutter hing,wird er aus die Erde geworfen — das schwäch-ste, hülfloseste Geschöpf unter allen Thieren,wenn nicht mütterliche Brüste da wären, ihnzu nähren, und väterliche Kniee ihm entgegenkämen, um ihn als Sohn aufzunehmen. Wemleuchtet hicmir nicht eine Haushaltung der Na-tur zur Gesellung der Menschheit entgegen.und zwar die so unmittelbar, so nahe am In-stinkt ist, als es bei einem besonnenen Geschöpfsein konnte. —

Ich muß den letzten Punkt mehr entwickeln,denn in ihm zeigt sich das Werk der Naturam augenscheinlichsten, und mein Schluß wirdhieraus um desto schneller. Wenn man, wieunsere groben Epikuräer thun, aus blinderWollust oder aus unmittelbarem Eigennutz alles"klären will; woher erklärt sich das Gefühl derAltern gegen Kinder, sammt den starken Ban-den, die dadurch bewirkt werden? Siehe diesenarmen Erdbewohner! Er kommt elend auf die^elt, ohne zu wissen, daß er elend sei: er istder Erbarmung bedürftig, ohne daß er sich ihrer

im mindesten werth machen könnte: er weinet- aber selbst dies Weinen müßte so beschwer-lich werden, als das Geheul des Philoktetes,der doch so viel Verdienste um sie hatte, denGriechen war, die ihn der wüsten Insel über-gaben. Hier müßten also, nach unserer kaltenPhilosophie, die Bande der Natur am ehestenreißen, wo sie am stärksten wirken! Die Mut-ter hat sich der Frucht, die' ihr so viel Unge-mach machte, endlich mit Schmerzen entledigt;kommts bloß auf wildes Vergnügen und aufneue Wollust an: so mirft sie sie weg. DerVater, der seine Brunst längst gekühlet hatte;was soll er sich weiter um Mutter und Kind,als um Gegenstände seiner Mühe, bekümmern:er läuft, wie Rousseau's Mannthier, in denWald und sucht sich einen andern Gegenstandseines thierischen Vergnügens. — Wie ganz um-gekehrt ist hier die Ordnung der Natur beiThieren und bei Menschen; und wie weiser istsiel Eben die Schmerzen und Ungemächlichkei-ten vermehren die mütterliche Liebe. Das Be-jammerns- und nicht Liebenswürdige des Säug-lings, das Hinfällige seines Temperaments, diebeschwerliche, verdrießliche Mühe der Erziehungverdoppelt die Regungen seiner Eltern; dieMutter sieht den Sohn mit wärmerer Wallungan, der ihr die meisten Schmerzen gekostet, derihr am öftersten mit seinem Abschiede gedrohet,auf den ihre meisten Zähren des Kummersfloffön. Der Vater sieht den Sohn mit wär-merer Wallung an, den er frühe aus einerGefahr riß, den er mit der größten Mühwal-tung erzog, der ihm in Unterricht und Bildungdas meiste kostete. Und so weiß auch „im Gan-zen des Geschlechts die Natur aus der Schwach-heit Stärke zu machen." Eben deswegen kommtder Mensch so schwach, so dürftig, so verlassenvon dem Unterrichte der Natur, so ganz ohneFertigkeiten auf die Welt, wie kein Thier, da-mit er, wie kein Thier, „eine Erziehung ge-nieße, und das menschliche Geschlecht, wie keinLhiergeschlecht, ein innigvcrbundenes Ganzewerde >" "

Die jungen Enten entschlüpfen der Henne,die sie ausgebrütet, und hören, vergnügt in.dem Elemente plätschernd, in welches sie derRuf der mütterlichen Natur hinzog, die war-nende rufende Stimme ihrer Stiefmutter nicht,die am Ufer jammert. So würde es das Men-schenkind auch machen, wenn es mit dem In-stinkt der Ente auf die Welt käme. Jeder Vo-gel bringt die Geschicklichkeit, Nester zu bauenaus seinem Ei, und nimmt sie auch, ohne siefortzupflanzen, in sein Grab; die Natur hatfür ihn unterrichtet. Alles bleibt also in ihremGeschäft Einzeln, das unmittelbare Werk derNatur, und so wird keine „Progression derSeele des Geschlechts, kein Ganzes, wie es dieNatur am Menschen wollte. Den band sie alsodurch Noth und durch einen zuvorkommendenElterntrieb, für den die Griechen das Wort„Storge" holten, an sein Geschlecht, und knüpftedadurch „om Band des Unterrichts und derErziehung , das ihm wesentlich würde. Dahatten Eltern den Kreis ihrer Ideen nicht fürsich gesammelt; er war zugleich da, um mit-getheilt zu werden, und der Sohn hat denVortheil, den Reichthum ihres Geistes schon

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