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Johann Gottfried von Herder.
frühe, wie im Auszuge zu erben. Jene tragendie Schuld der Natur ab, indem sie lehren;diese füllen das ideenlose Bedürfniß ihrer Naturaus, indem sie lerne»; so wie sie nachher wiederihre Schuld der Natur abtragen werden, diesen 5Reichthum, mit eignem Gute vermehrt, weiterfortzupflanzen- Kein einzelner Mensch ist fürsich da; „er ist, in das Ganze des Geschlechtseingewebet, er ist nur Eins für die fortgehendeFolge." 10
Was dies auf die ganze Kette des Geschlechtsfür Wirkung habe, sehen wir später; hierschränken wir uns nur aus den Zusammenhangder ersten zween Ringe ein: auf „die Bildungeiner Familiendenkart durch den Unterricht der 15,Erziehung;" und —
Da der Unterricht der eignen Seele, derJdeenkrcis der Elcernsprache ist: so wird „dieFortbildung des menschlichen Unterrichts durchden Geist der Familie, durch den die Natur 20das ganze Geschlecht verknüpft hat, auch Fort-bildung der Sprache."
Warum hängt dieser Unmündige so schwachund unwissend an den Brüsten seiner Mutter,an den Knieen seines Vaters? Damit er lehr- 25begierig sei und Sprache lerne. Er ist schwach,damit sein Geschlecht stark werde. Nun theiltsich ihm mit der Sprache die Seele, die Denk-art seiner Erzeuger mit; und sie theilen es ihmgerne mit, weil es ihr Selbstgcdachtes, Selbst- 30gefühltes, Selbsterfundenes ist, was sie mitthei-len. Der Säugling, der die ersten Wortestammelt, stammelt .die Gefühle seiner Elternwieder, und schwört mit jedem frühen Stam-meln , nach welchem sich seine Zunge und Seele 35bildet, diese Gefühle zu verewigen, so wahr ersie Vater- oder Muttersprache nennet. Lebens-lang werden diese ersten Eindrücke seiner Kind-heit, diese Bilder aus der Seele und aus demHerzen seiner Eltern in ihm leben: mit dem 40Worte wird das ganze Gefühl wiederkommen,was damals frühe seine Seele überströmte: mitder Idee des Worts alle Nebenidecn, die ihmdamals, bei diesem neuen frühen Morgenblickin das Reich der Schöpfung, vorlagen — sie 54werden wiederkommen und mächtiger wirken,als die reine, klare Hauptidee selbst. Das wirdalso Familiendenkart, und mithin Familien-sprache. Da steht nun der Philosoph und fragt:„durch welches Gesetz denn wohl die Menschen 50ihre willkührlich - erfundene Sprache einanderhätten aufdringen, und den andern Theil hättenveranlassen können, das Gesetz anzunehmen?"Diese Frage, über die Rousseau so pathetisch,und ein anderer Schriftsteller so lange predigt, 55beantwortet sich, wenn wir einen Blick in die„Oekonomie der Natur des menschlichen Ge-schlechts" thun, von selbst, und man bewun-dert die leichten Wege, auf welchen sie ihreZwecke erreichte. 00
Ist sie nicht Gesetz, und Verewigung genug,diese Familiensortbildung der Spruche? DasWeib, in der Natur so sehr der schwächereTheil, muß von dem erfahrnen, versorgenden,sprachbildendcn Manne Gesetz annehmen, wenn 65es ja Gesetz heißen soll, was blos müde Wohl-that des Unterrichts ist. Das schwache Kind,das so eigentlich ein Unmündiger heißt, mußSprache annehmen, da es mit ihr die Milch
seiner Mutter und den Geist seines Vaters ge-nießet , und diese Sprache muß verewigt wer-den, wenn etwas verewigt wird. O die Ge-setze der Natur sind mächtiger, als alle Con-ventionen, die die schlaue Politik schließet, undder Philosoph aufzählen will. Die Worte derKindheit, diese unsre frühen Gespielen in dieMorgenröthe des Lebens, mit denen sich unsreganze Seele zusammen bildete — wann werdenwir sie verkennen? Wann werden wir sie ver-gessen? Unsre Muttersprache war ja zugleich dieerste Welt, die wir sahen, die ersten Empfin-dungen, die wir fühlten, die erste Wirksamkeitund Freude, die wir genossen. Die Nebenidecnvon Ort und Zeit, von Liebe und Haß, vonFreude und Thätigkeit, und was die feurige,aufwallende Jugendseele sich dabei dachte, wirdalles mit verewigt — nun wird die Spracheschon Stamm!
Und je kleiner dieser Stamm ist, desto mehrgewinnt er an innerer Stärke. Unsre Väter,die nichts selbst gedacht, nichts selbst erfunden,die alles mechanisch gelernt haben; was beküm-mern sich diese um den Unterricht ihrer Söhne?um Verewigung dessen, was sie selbst nur wieim Traume besitzen? Aber der erste Vater, dieersten dürftigen Sprachersinder, die fast an je-dem Worte die Arbeit ihrer Seele Hingaben,die überall in der Sprache noch den warmenSchweiß fühlten, den er ihrer Wirsamkeit ge-kostet — welchen Informator konnten die be-stellen? Die ganze Sprache ihrer Kinder warein Dialekt ihrer Gedanken, ein Loblied ihrerThaten, wie die Lieder Oßians auf seinen Va-ter Fingal.
Rousseau und andre haben viel Paradoxesüber den Ursprung und das Anrecht des erstenEigenthums gesagt; und doch, hätte der erstenur die Natur seines Lhiermenschcn befragt:so hätte der ihm geantwortet. Warum gehörtdiese Blume der Biene, die auf ihr sauget?Die Biene wird antworten: weil mich die Na-tur zu diesem Saugen gemacht hat: mein In-stinkt, der auf diese und keine andre Blumehinfällt, ist mir Diktator genug, der mir sieund ihren Garten zum Eigenthum anweise.Wenn wir nun den ersten Menschen fragen:„Wer hat dir das Recht auf diese Kräuter ge-geben?" Was kann er antworten, als: die Na-tur, die mir Besinnung gab. Diese Kräuterhabe ich mit Mühe kennen gelernt, mit Mühehabe ich sie mein Weilp und meinen Sohn ken-nen gelehrt, wir alle lebe» von ihnen; ich habemehr Recht daran, als die Biene, die daraufsummet, und das Vieh, das darauf weidet:denn alle die haben die Mühe des Kennenler-nens und Kennenlehrens nicht gehabt! JederGedanke also, den ich darauf zeichne, ist einSiegel meines Eigenthums, und wer mich da-von vertreibet, der nimmt mir nicht bloß meinLeben, wenn ich diesen Unterhalt nicht wiederfinde, sondern wirklich auch den Werth meinerverlebten Jahre, meine» Schweiß, meine Mühe,meine Gedanken, meine Sprache — ich habesie mir erworben! Und sollte für den Erstlingder Menschheit eine solche Signatur der Seeleauf eine Sache, durch Kennenlernen, durchMerkmal, durch Sprache, nicht mehr Recht desEigenthums sein, als ein Stempel in der Münze -