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755 Johann Gottfried von Herder.
Verschiedenheiten, die sich schriftlich so schwerausdrücken lassen, Ton und Accent, Vermeh-rung und Verringerung desselben, und hundertandere zufällige Kleinigkeiten in den Elementender Sprache durch; und bemerke auf der andernSeite die Verschiedenheit der Sprachwerkzeugebei beiderlei Geschlecht, in der Jugend und imAlter, auch nur bei zween gleichen Mensche»,nach so manchen Zufällen und Einzelnheiten,die den Bau dieser Organe verändern, bei somanchen Gewohnheiten, die zur zweiten Naturwerden u. s. w. ^So wenig als es zweenMenschen ganz von einerlei Gestalt und Ge-sichtszügen: so wenig kann es zwo Sprachen,auch nur der Aussprache nach, im Mundezwecner Menschen geben, die völlig Eine unddieselbe Sprachen wären."
Jedes Geschlecht wird in seine Sprache einenHaus- und Familienton bringen: das wird, derAussprache nach, schon eine verschiedene Mund-art.
Klima, Luft und Wasser, Speise und Trankwerden auf die Sprachwerkzeuge und natürlichauch auf die Sprache einstießen.
Die Sitte der Gesellschaft und die mächtigeGöttin Gewohnheit werde» bald nach Ge-benden und Anstand diese Eigenheit, jene Ver-schiedenheit einführen; mithin wird ein Dialekt.— „Ein philosophischer Versuch über die ver-wandten Spracharte» der Morgenländer" wäreder angenehmste Beweis dieser Sätze.
Das war nur Aussprache. Aber Worteselbst Sinn, Seele der Sprache — welch einunendliches Feld von Verschiedenheiten thut sichmit ihnen auf! Wir haben gesehen, wie dieältesten Sprachen voll Synonyme haben werdenmüssen; und wenn nun von diesen Synonymendem Einen dies, dem Andern jenes geläufiger,seinem Sehepunkt angemeßner, seinem Empsin-dungskreise ursprünglicher, in seiner Lebensbahnöfter vorkommend, kurz von mehrerm Eindruckauf ihn wurde: so gabs Lieblingsworte, eigneWorte, Idiotismen, ein Idiom der Sprache.
Bei jenem ging jenes Wort aus; diesesblieb. Jenes ward durch einen Nebengesichts-punkt von der Hauptsache weggcbogen; hierveränderte sich mit der Zeitfolge der Geist desHauptbegriffs selbst; da wurden also eigne Bie-gungen, Ableitungen, Veränderungen, Nor-und Zusätze, Versetzungen, Wegnahmen vonganzen und halben Bedeutungen, also ein neuesIdiom; und das alles ward so natürlich, alsSprache dem Menschen ein Sinn seiner Seele ist.
Je lebendiger eine Sprache, je näher sieihrem Ursprünge, und also noch in den Zeilender Jugend und des Wachsthums ist: destoveränderlicher ist sie. Eine Sprache, die nurin Büchern da ist, wo sie nach Regeln gelernt,nur in Wissenschaften und nicht in lebendigemUmgänge gebraucht wird, wo sie ihre bestimmteZahl von Gegenständen und von Anwendungenhat, wo also ihr Wörterbuch geschloffen, ihreGrammatik geregelt, ihre Sphäre fixirt ist:eine solche Sprache kann noch eher im Merk-lichen unverändert bleiben, und doch auch nurim Merklichen. Allein eine im wilden freienLeben, im Reich der großen, weiten Schöpfung,noch ohne förmlich geprägte Regeln, noch ohneBücher und Buchstaben und angenommene Mei-
sterstücke; so dürftig und unvollendet, um nochtäglich bereichert werden zu müssen, und sojugendlich gelenkig, um es noch täglich auf denersten Wink der Aufmerksamkeit, auf den ersten5 Befehl der Leidenschaft und Empfindung werdenzu können; sie muß sich verändern in jeder neuenWell, die man sieht, in jeder Methode, nachder man denkt und fortdenkt. Selbst Aegypti-sche Gesetze der Einförmigkeit könnten hier nicht10 das Gegentheil bewirken.
Nun ist offenbar der ganze Erdboden fürdas Menschengeschlecht und dies für den ganzenErdboden gemacht; (ich sage nicht, jeder Be-wohner der Erde, jedes Volk ist plötzlich durch15, den raschesten Uebersprung für das entgegenge-setzteste Klima und so für alle Weltzonen ge-schaffen ; sondern das ganze Geschlecht für denganzen Erdkreis.) Wo wir uns umher sehen,da ist der Mensch so zu Hause, wie die Land-20 thiere, die ursprünglich für diese Gegend bestim-met sind. Er dauret in Grönland unter demEise und bratet sich in Guinea unter der senk-rechten Sonne: er ist auf seinem Felde, wenner in Lappland mit dem Rennthier über den25 Schnee schlüpft, und wenn er die arabischeWüste mit dem durstigen Kamee! durchkratzet.Die Höhle der Lroglodyten und die Bergspitze»der Kabylen, der Rauchcamin der Oastiken undder goldne Pallast des Moguls enthält Men-30 sehen. Für sie ist die Erde am Pol geplättetund am Aequator erhöhet: für sie wälzt sie sichso und nicht anders um die Sonne: für siesind ihre Zonen und Jahrszeiten und Verände-rungen ; und sie wiederum sind für alle Zonen,35 Jahrszeiten und Veränderungen der Erde. DasNaturgesetz ist also auch hier sichtbar: „Men-schen sollen überall auf der Erde wohnen, dajede Thiergattung blos ihr Land und engereSphäre haben kann:" der Erdbewohner wird40 sichtbar. Und ist das, so wird auch seine Spra-che Sprache der Erde. Eine neue in jeder neuenWelt; Nationalsprache in jeder Nation; dieSprache wird ein Proteus auf der runden Ober-fläche der Erde.
45 Manche neue Philosophen haben diesen Pro-teus so wenig fesseln und in seiner wahren Ge-stalt erblicken können, daß es ihnen wahrschein-licher vorgekommen ist, die Natur habe in jedengroßen Erdstrich so gut ein Paar Menschen zu50 Stammeltern hinschaffen können, wie in jedesKlima eigne Thiere. Diese hätten sich sodannsolch' eine eigne Land- und Nationalsprache er-funden, wie ihr ganzer Bau nur für dies Landsei geschaffen gewesen. Der kleine Lappländer55 mit seiner Sprache und mit seinem dünnenBart, mit seinen Geschicklichkeiten und seinemTemperament, sei ein so ursprünglich-lapplän-disches Menschenthier, als sein Rennthier; undder Neger mir seiner Haut, mir seiner Tint-00 blaffenschwärze, mir seinen Lippen und Haarund Truthünersprache, und Dummheit undFaulheit, sei ein natürlicher Bruder der Affe»desselben Klima's. Es sei so wenig eine Einheitdes Ursprungs zwischen den Sprachen der Erde05 auszuträumen, als zwischen der Bildung allerMenschengattungen; und es hieße sehr'einweisevon Gott gedacht, nur ein Paar Menschen alsStammeltern für die ganze Erde, schwach undschüchtern , zum Raub der Elemente und Thiere