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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
757-758
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Johann Gottfried von Herder.

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in einem Erdewinkel dahingesetzt und einem tau-sendfachen Ungefähr von Gefahren überlassen zuhaben - -

Wenigstens, fährt eine weniger behauptendeMeinung fort, wäre die Sprache eine natür-liche Produktion des menschlichen Geistes, diesich nur allmählig mit dem Menschengeschlechtnach fremden Klimate» hingezogen hätte: somüßte sie sich auch nur allmählig verändert ha-ben. Man müßte die Abänderung, den Fort-zug und die Verwandtschaft der Völker in Ver-hältnisse forrgehen sehen, und sich überall nachkleinen Nüanccn von Denk- Mund- und Le-bensart genaue Rechenschaft geben können. Weraber kann das? Findet man nicht in demselbenKlima, ja dicht an einander in allen Weltthei-len kleine Völker, die in einerlei Kreise so ver-schiedene und entgegengesetzte Sprachen haben,daß alles ein Böhmischer Wald wird? Wer Rei-sebeschreibungen von Nord- und Süd-Amerika,von Afrika und Asien gelesen hat, dem dürfendie Stämme dieses Waldes nicht vorgerechnetwerden. Hier, schließen diese Zweifler, hörtalso alle menschliche Untersuchung auf.

Und doch glaube ich, daß auch hier die Un-tersuchung nicht aufhöre, sondern daß sich diese»Verschiedenheit dicht an einander eben so na-türlich erklären lasse, als die Einheit der Fa-miliensprache in Einer Nation."

Die Trennung der Familien in abgesonderteNationen geht gewiß nicht nach den langweili-gen Verhältnissen von Entfernung, Wanderung,neuer Beziehung u. dgl., wie sie der kalte Phi-losoph den Cirkcl in der Hand, auf der Land-karte abmißt, und wie nach diesem Maaße großeBücher „von Verwandtschaften der Völker" ge-schrieben worden, an denen alles, nur die Regelnicht, wahr ist, nach der alles berechnet ward.Thun wir einen Blick in die lebendige, wirk-same Welt, so sind Triebfedern da, die dieVerschiedenheit der Sprache unter den nahenVölkern sehr natürlich veranlassen müssen; nurman wolle den Menschen nach keinem Lieblings-system zu etwas anders, als er ist, umbilden.Er ist kein Rouffeau'schcr Waldmann: er hatSprache. Er ist kein Hobbesischer Wolf: er hateine Familicnsprache. Er ist aber auch in an-dern Verhältnissen kein unzcitiges Lamm: erkann sich also auch eine entgegengesetzte Natur,Gewohnheit und Sprache bilden — Kurz! „derGrund von dieser Verschiedenheit so naher klei-ner Völker in Sprache, Denk- und Lebensartist gegenseitiger Familien- und Rationalhaß."

Ohne alle Verschwärzung und Nerketzerungder menschlichen Natur können zween odermehrere nahe Stamme, wenn wir uns in ihreFamiliendenkart setzen, nicht anders, als baldGegenstände des Zwistes finden. Nicht bloß,daß ähnliche Bedürfnisse sie bald in einen Streit,wenn ich so sagen darf, des Hungers undDurstes verwickeln werden, wie sich z. B. zwoRotten von Hirten über Brunnen und Weidezanken, und nach Beschaffenheit der Weltgegen-den oft sehr natürlich zanken dürfen; ein vielheißerer Funke glimmt ihr Feuer an: Eifer-sucht, Gefühl der Ehre, Stolz auf ihr Geschlechtund ihren Vorzug- Dieselbe Familienneigung,die, in sich selbst gekehret, Stärke der EintrachtEines Stammes gab, macht außer sich gekehrt.

gegen ein anderes Geschlecht, Stärke der Zwie-tracht , Familienhaß. Dort zogs viele zu Einemdesto fester zusammen; hier machts aus zwoParteien gar bald bittere Feinde. Der Grund5 dieser Feindschaft und ewigen Kriege ist in sol-chem Falle mehr edle menschliche Schwachheitals ein niederträchtiges Laster.

Da die Menschheit auf dieser Stuffe der Bil-dung mehr Kräfte der Wirksamkeit, als Güter1V des Besitzes hat: so ist auch der Stolz auf jenemehr Ehrenpunkr, als das leidige Besitzthumder> letzten, wie in spätern nervenlosen Zeilen.Ein braver Mann zu sei», und einer bravenFamilie, zu gehören, war aber im damaligen15 Zeitalter fast Eins, da der Sohn, in vielemBetracht noch eigentlicher als bei uns, seineTugend und Tapferkeit vom Vater erbte, lern-te; und der ganze Stamm überhaupt bei allenGelegenheiten für einen braven Mann stand.20 Es ward also bald das Wort natürlich: wernicht mit und aus uns ist, der ist unter uns!der Fremdling ist schlechter, als wir, er ist Bar-bar. In diesem Verstände war Barbar dasLosungswort der Verachtung: ein Fremder war25 zugleich ein Unedlerer, der uns an Weisheitoder Tapferkeit (oder was der Ehrenpunkt desZeitalters sei) nicht gleich kommt.

Run ist dies freilich, wie ein Engländer rich-tig anmerkt, wenn es blos auf Eigennutz und30 Sicherheit des Besitzes ankommt, eben keinGrund zum Haffe, daß der Nachbar nicht sotapfer als wir ist: wir könnten uns vielmehrin der Stille darüber freuen. Allein eben weildiese Meinung nur Meinung, und von beiden35 Theilen, die gleiches Gefühl des Stammes ha-ben, gleiche Meinung ist: so ist eben damit dieTrompete des Krieges geblasen. Das sodanngilt die Ehre, das weckt den Stolz und Muthdes ganzen Stammes: auf beiden Seiten cnt-40 stehen Helden und Patrioten. Und weil jedendie Ursache des Krieges traf, und jeder sie ein-sehen und fühlen konnte; so wurde der Ra-tionalhaß in bittern Kriegen verewigt. Und dawar die zweite Synonyme fertig: wer nicht mit45 mir ist, ist gegen mich. Barbar und Gehässi-ger; ein Fremdling, ein Feind, wie bei denRömern ursprünglich das Wort bostis!"

Das dritte folgte unmittelbar aus den zweiersten Stücken, nämlich eine völlige Trennung50 und Absonderung. Wer wollte mit einem sol-chen Feinde, dem verächtlichen Barbaren, wasgemein haben? Keine Familicngcbräuche, keinAndenken an Einen Ursprung, und am wenig-sten Einerlei Sprache, da Sprache eigentlich55 „das Merkwort des Geschlechts, das Band derFamilie, das Werkzeug des Unterrichts, einHeldengesang von den Thaten der Väter, unddie Stimme derselben au» ihren Gräbern" war.Unmöglich konnten diese Beiden Einerlei bleiben;00 und so schuf dasselbe Familiengefühl, das eineSprache ö^ll^et. hatte, da es Rationalhaßwurde, oft Verschiedenheit, völlige Verschieden-heit der Sprache. Ex ist Barbar, er redeteine fremde Sprache; "dies war die dritte, so65 gewöhnliche Synonyme.

So umgekehrt die Etymologie dieser Wortescheine, so beweiset doch die Geschichte allerkleinen Völker und Sprachen, über welche dieFrage gilt, ihre völlige Wahrheit; die Absätze