Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
759-760
JPEG-Download
 

76 «

759

Johann Gottfried von Herder.

der Etymologie sind nur Abstraktionen, nichtnicht Trennungen in der Geschichte. Viele sol-cher nahen Polyglotten sind einander die grim-migsten, unversöhnlichsten Feinde; und zwarnicht alle ssus.Raub- und Habsucht, da sie oftnicht plündern, sondern nur tödten und ver-wüsten , und dem Schatten ihrer Vater opfern.Schalken der Leiter sind die Gottheiten, unddie einzigen unsichtbaren Maschinen der ganzenblutigen Epopee, wie in den Gesängen Oßians.Sie sinds, die den Anführer in Träumen we-cken und beleben, und denen er seine Nächtewacht: sie sinds, deren Namen seine Begleiterin Schwüren und Gesängen nennen: sie sinds,denen man die Gefangenen in allen Marternweihet; und sie sinds auch Gegentheils, die denGemarterten in seinen Gesängen und Todeslie-dern stärken. „Verewigter Familienhaß " istalso die Ursache ihrer Kriege, ihrer so eifer-süchtigen Abtrennungen in Völker, die oft kaumnur Familien gleichen, und nach aller Wahr-scheinlichkeit auch Ursache der „völligen Unter-schiede ihrer Gebräuche und Sprachen."

Eine morgcnländischc Urkunde über die Tren-nung der Sprachen s die ich hier nur als einpoetisches Fragment zur Archäologie der Völker-geschichte betrachte) bestätigt durch eine sehrdichterische Erzählung, waS so viel Nationenaller Welttheile durch ihr Beispiel bestätigen.„Richt allmählig verwandelten sich die Spra-chen," wie sie der Philosoph durch Wanderun-gen vervielfältigt: „die Völker vereinigten sich,sagt das Poöm, zu einem großen Werke; dafloß über sie der Taumel der Verwirrung undder Vielheit der Sprachen, daß sie abließen undsich trennten." — Was war dieß als eine schnelleVerbitterung und Zwietracht, zu der eben einsolch großes Werk den reichsten Anlaß gab?Da wachte der vielleicht bei einer kleinen Ge-legenheit beleidigte Familiengcist aus: Bund undAbsicht zerschlug sich; der Funke der Uneinig-keit schoß in Flammen: sie flogen auseinander,und thaten „das jetzt um so heftiger, dem siedurch ihr Werk hatten zuvor komme» wollen:sie verwirrten das Eine ihres Ursprungs, ihreSprache. So wurden verschiedene Völker; undda sagt der spätere Bericht, heiße» noch dieTrümmer: „Verwirrung der Völker!" Wer denGeist der Morgenländer in ihren Einkleidungenund Geschichten kennet (ich will hier für dieTheologie keine höhere Veranstaltung ausschlie-ßen) der wird vielleicht den sinnlich gemachtenHauptgedanken nicht verkennen, daß Verunei-nigung über einer großen gemeinschaftlichenAbsicht, und nicht blos die Völkerwanderungmit eine Ursache zu so vielen Sprachen ge-worden.

Aber auch dies morgenländische Zeugniß ldasich hier nur als Poöm anführen wollte) dahin-gestellet, siehet man, daß die Vielheit der Spra-chen keinen Einwurf gegen das Natürliche undMenschliche der Fortbildung einer Sprache ab-geben könne Hier und da können freilich Bergedurch Erdbeben Hervorgehoben sein; folget aberdaraus, daß die Erve im Ganzen mit ihrenGebirgen und Strömen und Meeren nicht ihreGestalt aus Wasser könne gewonnen haben? —Nur freilich wird auch eben damit den Etymo-logistcn und Völkcrforschern ein nützlicher Stein

der Behutsamkeit auf die Zunge gelegt, „ausden Sprachunähnlichkeiten nicht zu despotisch aufihre Abstammung zu schließen." Es könnenFamilien sehr nahe verwandt sein, und doch5 Ursache gehabt haben, die Verwandtschaft derWappen zu unterdrücken, die ihnen einst gemeingewesen. Der Geist solcher kleinen Völker gibtdazu Ursache genug.

ko Viertes Naturgesetz.

„So wie nach aller Wahrscheinlichkeit dasmenschliche Geschlecht Ein progressives Ganzevon Einem Ursprünge in Einer großen Haus-15 Haltung ausmacht: so auch alle Sprachen, undmir ihnen die ganze Kette der Bildung."

Der sonderbare charakteristische Plan ist be-merkt, der über Einen Menschen waltet: seineSeele ist gewohnt, immer das, was sie sieht,20 zu reihen mit dem, was sie sah, und durch Be-sonnenheit wird also „ein progressives Eins allerZustände des Lebens, mithin Fortbildung derSprache."

Der sonderbare charakteristische Plan ist be-25 merkt, der über das Menschengeschlecht waltet,daß durch die Kette des Unterrichts Eltern undKinder Eins werden, uud jedes Glied also nurvon der Natur zwischen zwei andre hingescho-ben wird, um zu empfangen und mitzutheilen;30 dadurch wird „Fortbildung der Sprache."

Endlich geht dieser sonderbare Plan auchaufs ganze Menschengeschlecht fort; und dadurchwird „eine Fortbildung im höchsten Verstände,"die aus den beiden vorigen unmittelbar folget.55 Jedes Individuum ist Mensch, folglich denkter die Kette seines Lebens fort. Jedes Indivi-duum ist Sohn oder Tochter, es ward durchUnterricht gebildet, folglich bekam es immereinen Theil der Gedankenschätze seiner Vorfah-40 rcn frühe mit, und wird sie nach seiner Artweiter reichen ; also ist auf gewisse Weise „keinGedanke, keine Erfindung, keine Vervollkomm-nung , die nicht weiter, fast ins Unendliche rei-che." So wie ich keine Handlung thun, keinen45 Gedanken denken kann, der nicht auf die ganzeUnermeßlichkeit meines Daseins natürlich hin-wirke; so gibt es kein Geschöpf meiner Gattung,das nicht mit jedem auch für die ganze Gat-tung und für das fortgehende Ganze der gan-50 zen Gattung wirke. Jedes treibt eine großeoder kleine Welle: jedes verändert den Zustandder einzelnen Seele, mithin das Ganze dieserZustände, wirkt immer auf andre, verändertauch in diesen etwas — der erste Gedanke in55 der ersten menschlichen Seele hängt mit demletzten in der letzten menschlichen Seele zusam-men.

Wäre Sprache dem Menschen so angeboren,als den Bienen der Honigbau, so zerfiele mit60 Einmal dies größeste prächtigste Gebäude inTrümmern. Jeder brächte sich sein wenig Spra-che auf die Welt, oder da doch das „auf dieWelt bringen" für eine Vernunft nichts heißt,als sie sich gleich erfinden — welch ein trauri-65 ges Einzelne würde damit jeder Mensch! Jedererfindet seine Rudimente, stirbt über ihnen,und nimmt sie i»s Grab, wie die Biene ihrenKunstbau: der Nachfolger kommt, quält sichüber denselben Anfängen, kommt eben so wenig