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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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763-764
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Johann Gottfried von Herder.

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auf Eine Art aus ihn gefallen waren; daß siealle die weit natürlichern Zeichen, die Bilder vonSachen, vorbei ließen, und Hauche mahlten,unter allen möglichen dieselben zwanzig mahl-ten , und sich gegen die übrigen fehlenden dürftigbehalfen, daß zu diesen zwanzig so Viele die-selben willkürlichen Zeichen nahmen. — Wirdhier nicht Ueberlieferung sichtbar? Die morgen-ländischen Alphabete sind im Grunde eins: Dasgriechische, lateinische, runische, deutsche u. s. w.sind Ableitungen; das dculschc hat daher nochmit dem koptischen Buchstaben gemein, und ei-nige Inländer sind kühn genug gewesen, denHomer für eine Uebersetzung aus ihrer Sprachezu erklären. Wer kann (so wenig oder viel erdarauf rechne) im Grunde die Verwandtschaftder meisten Sprachen ganz verkennen? „WieEin Menschcnvolk nur auf der Erde wohnet,so auch nur Eine Menschensprache: wie aberdiese große Gattung sich in so viele kleine Land-arten nationalisirt hat: so ihre Sprachen nichtanders."

Viele haben sich mit den „ Stammlistcn die-ser Sprachengeschlechter " versucht; ich versuchees nicht; denn wie viele, viele Nebenursachenkonnten in dieser Abstammung, und in derKenntlichkeit dieser Abstammung Veränderungenmachen, auf die der etymologisircndc Philosophnicht rechnen kann, und die seinen Stamm-baum trügen. Zudem sind unter den Reisebe-schreibcrn und selbst Missionarien so wenig wahreSprachphilosophen gewesen, die uns von demGenius und dem charakteristischen Grunde ihrerVölkersprachen hätten Nachricht geben könnenoder wollen, daß man im Allgemeinen hier nochin der Irre gehet. Sie geben meistens bloßVerzeichnisse von Wörtern. Die Regeln derwahren Sprachdcduktion sind auch so fein, daßwenige — — doch das alles ist nicht meinWerk. Im Ganzen bleibt das Naturgesetz sicht-bar: „Sprache pflanze und bilde sich mit demmenschlichen Geschlechte fort;" in diesem Gesetzezähle ich nur Hauptarten auf, die eine verschie-dene Dimension geben.

I. Jeder Mensch hat freilich alle Fähigkei-ten, die sein ganzes Geschlecht besitzet, und jedeRation die Fähigkeiten, die alle Nationen ha-ben; es ist indessen doch wahr, daß eine Ge-sellschaft mehr als ein Mensch, und das ganzemenschliche Geschlecht mehr als ein einzelnesVolk erfinde. Und das zwar nicht bloß nachMenge der Kopfe, sondern nach vielfach - undinnig vermehrteren Verhältnissen, Man solltedenken, daß ein einsamer Mensch, ohne drin-gende Bedürfnisse, mit aller Gemächlichkeit derLebensart vielmehr Sprache erfinden, ja daßfeine Muße ihn dazu antreiben werde, seineSeelenkräftc zu üben, mithin immer etwasNeues zu erdenken. Allein das Gegentheil istklar. Er wird ohne Gesellschaft immer auf ge-wisse Weist verwildern, und bald in Unkhätig-keit ermatten, wenn er sich nur erst in denMittelpunkt gesetzt hat, seine nöthigsten Be-dürfnisse zu befriedigen ; er ist immer eine Blume,die, aus ihren Wurzeln gerissen, von ihremStamme gebrochen, da liegt und welket. —Setzet ihn aber in Gesellschaft und in mehrereBedürfnisse: er habe für sich und andere zusorgen — man sollte denken, diese neuest Lasten

nehmen ihm die Freiheit, sich empor zu heben;dieser Zuwachs von Peinlichkeiten nehme ihmdie Muße, zu erfinden; aber gerade umgekehrt.Das Bedürfniß strengt ihn an, die Peinlichkeit5 weckt ihn; die Rastlosigkeit hält seine Seele inBewegung; er wird desto mehr thun, je wun-dersamer es wird, daß er's thue. So wächstalso die Fortbildung einer Sprache von einemEinzelnen bis zu einem Familienmenschen schon10 in sehr zusammengesetztem Verhältniß. Allesandre abgerechnet, wie wenig würde doch derEinsame, selbst der einsame Sprachcnphilosophaus seiner wüsten Insel erfinden! Wie viel mehrund stärker wirkt der Stammvater, der Fami-15 lienmann! Die Natur hat also diese Fortbil-dung gewählet-

II. Eine einzelne, abgetrennte Familie,denkt man, wird ihre Spräche bei Bequemlich-keit und Muße mehr ausbilden können, als bei Zer-

20 streuungen, bei Kriegen gegen einen andernStamm, u. s. w.; allein nichts weniger. Je mehrsicgegen andere gekehrt ist, desto stärker wird siein sich zusammengedrängt, desto mehr setzt siesich auf ihrer Wurzel fest, macht die Thaten25 ihrer Vorfahren zu Liedern, zu Ausrufungen,zu ewigen Denkmalen, erhält dieses Sprachan-denkcn um desto reiner und patriotischer. —Die Fortbildung der Sprache, als Mundart derBäter, geht desto stärker fort: darum hat die3V Natur diese Fortbildung gewählet.

III. Mit der Zeit aber setzt sich auch dieserStamm, wenn er zu einer kleinen Nation an-gewachsen ist, in seinem Cirkel fest. Er hatseinen gemeßncn Kreis von Bedürfnissen, und

35 für diesen auch Sprache; weiter gehet er nicht,wie wir an allen kleinen, sogenannten barba-rischen Nationen sehen. Mit ihren Nothwendig-keiten abgetheilt, können sie Jahrhunderte langin der sonderbarsten Unwissenheit bleiben, wie40 jene Insel» ohne Feuer, und wie so viel an-dere Völker ohne die leichtesten mechanischenKünste; es ist, als ob sie nicht Augen hätten,zu sehen, was ihnen vorliegt. Daher alsdanndas Geschrei anderer Völker auf solche, als auf45 dumme, unmenschliche Barbaren: da wir alledoch vor weniger Zeit eben dieselben Barbarenwaren und diese Kenntnisse nur von andernVölkern bekamen. Daher auch das Geschrei somancher Philosophen über diese Dummheit, als50 über die unbegreiflichste Sache, da doch nachder Analogie der ganzen Haushaltung mit un-serem Geschlecht nichts begreiflicher ist, als sie. --Hier hat die Natur eine neue Kette geknüpft,die Ueberlieferung von Volk zu Volk. „ So55 habe» sich Künste, Wissenschaften, Kultur undSprache in einer großen Progression Nationenhinab verfeinert." - Das feinst- Band derFortbildung, das die Natur wählen konnte.

Wir Deutsche würden noch, ruhig, wie die60 Amerikaner, in unsern Wäldern leben, oder viel-mehr noch in ihnen rauh kriegen und Helden seun,wenn die Kette fremder Kultur nicht so nahan uns gedrängt, und mit der Gewalt ganzerJahrhunderte uns genöthigt hätte, mit einzu-«5 greifen. Der Römer holte seine Bildung ausGriechenland, der Grieche bekam sie aus Astenund Aeguptcn, Aegppten aus Asien, Sina viel-leicht aus Aegppten — so geht die Kette voneinem ersten Ringe fort, und wird vielleicht