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Johann Gottfried von Herder.
einmal über die Erde reichen. Die Kunst, dieeinen griechischen Pallast bauete, zeigt sich beidem Wilden schon im Bau einer Waldhütte;wie die Mahlerei Mengs's und Dürers schonim rohesten Grunde auf dem bemahlten SchildeHermanns glänzte. Der Eskimau vor seinemKriegsheere hat schon alle Keime zu einem künf-tigen Demosthenes; und jene Nation von Bild-hauern am Amazonenstrome könnte vielleichteinen künftigen Phidias erzeugen, wenn die Mi-nerva Griechenlands sich ihrer annähme. Lastetandere Nationen vor - und jene umrücken: so istalles, wenigstens in den gemäßigten Zonen, wiein der alten Welt. Aegypter, Griechen, Rö-mer, und einige neuere Völker thaten nichtsals fortbauen; Perser, Tartaren, Gothen undPfaffen kommen dazwischen und machen Trüm-mer; desto frischer bauet sich's, aus und nachund auf solchen alten Trümmern weiter. DieKette einer gewissen Vervollkommnung der Kunstgeht über alles fort (obgleich andere Eigen-schaften der Natur wiederum dagegen leiden),und so auch über die Sprache. Die arabischeist ohne Zweifel hundertmal feiner, als ihreMutter im ersten rohen Anfange, unser Deutschohne Zweifel feiner, als das alte Deutsche. DieGrammatik der Griechen konnte besser werden,als die morgenländische, denn sie war Tochter;die römische philosophischer als die griechische,die französische als die römische; ist der Zwergauf den Schultern des Riesen nicht immer grö-ßer, als der Riese selbst?
Nun sieht man auch, wie trüglich der Be-weis für die Göttlichkeit der Sprache aus ihrerOrdnung und Schönheit werde. Ordnung undSchönheit sind da, aber wann, wie und wohersind sie gekommen? Ist denn diese so bewun-derte Sprache die Sprache des Ursprunges,oder nicht schon das Kind ganzer Jahrhunderte,und vieler Nationen? Siehe: an diesem großenGebäude haben Nationen und Weltthcile undZeitalter gebauet — und darum könnte jenearme Hütte nicht der Ursprung der Baukunstseyn? Darum mußte gleich ein Gott die Men-schen solchen Pallast bauen lehren? Weil Men-schen auf einmal solchen Pallast nicht hättenbauen können, darum ,muß ihn nothwendig einGott gebauet haben? Oder diese große Brückezwischen zwei Bergen begreife ich nicht ganz,wie sie gebauet sey: folglich hat sie der Teufelgebauet - welch ein Schluß! Es gehört über-haupt ein großer Grad Kühnheit oder Unwis-senheit dazu, zu läugnen, daß sich nicht dieSprache mir dem menschlichen Geschlechte nachallen Stufen und Veränderungen fortgebildethabe; dieß zeigt Geschichte und Dichtkunst,Beredsamkeit und Grammatik, ja, wenn allesnicht, so die Vernunft. Hat sie sich nun ewigso fortgebildet und nie zu bilden angefangen?Dder hat sie sich immer menschlich gebildet, sodaß Vernunft nicht ohne sie, und sie ohne Ver-dunst nicht gehen konnte; und mit Einmal wäre'hr Anfang anders? und das so ohne Sinn undEirund anders, wie wir anfangs gezeigt haben?
allen Fällen wird die Hypothese eines göttli-chen Ursprungs in der Sprache eine »verborgene^Seilschaft«, d. i. ein fein-versteckter Unsinn.
Ich wiederhole das mit Bedacht gesagte,harte Wort: Unsinn! und will mich zum
Schluß erklären. Was heißt ein göttlicher Ur-sprung der Sprache, als entweder: „ Ich kanndie Sprache aus der menschlichen Natur nicht. erklären: folglich ist sie göttlich?" Der Gegner5 sagt: „ ich kann sie aus der menschlichen Natur,und aus ihr vollständig erklären" — wer hatmehr gesagt? Jener versteckt sich hinter eineDecke und ruft hervor: „Hier ist Gott!" die-ser stellt sich sichtbar auf den Schauplatz, er10 handelt — „sehet! ich hm ein Mensch!"
Oder ein höherer Ursprung sagt: „ Weil ichdie menschliche Sprache „icht a„s der mensch-lichen Natur erklären kann: so kann durchauskeiner sie erklären - sie ist durchaus unerklär-15 bar." Der Gegner sagt; „ mir ist kein Ele-ment der Sprache in ihrem Beginn, und injeder ihrer Progressionen aus der menschlichenSeele unbegreiflich: ja die ganze menschlicheSeele wird mir «»erklärbar, wenn ich m ihr20 nicht Sprache setze. Das ganze menschliche Ge-schlecht bleibt nicht das Naturgeschlecht mehr,wenn's nicht die Sprache fortbildet." — Werhat mehr gesagt? Wer sagte Sinn?
Oder endlich die höhere Hypothese sagt gar:25 „ nicht bloß keiner kann die Sprache aus dermenschlichen Seele begreifen: sondern ich sehedeutlich die Ursache, warum sie ihrer Naturund der Analogie ihres Geschlechts nach durch-aus für Menschen unersindbar. Ich sehe in der50 Sprache und im Wesen der Gottheit die Ur-sache deutlich, warum keiner, als Gott, sie er-finden konnte." Nun bekäme zwar der SchlußFolge; aber nun wird er auch der gräßlichsteUnsinn. Er wird so beweisbar, als jener Be-35 weis der Türken von der Göttlichkeit des Ko-rans: „wer anders, als der Prophet Gotteskonnte „so schreiben?" Und wer anders, alsein Prophet Gottes, kann auch wissen, daßnur der Prophet Gottes so schreiben konnte?40 Niemand, als Gott, konnte die Sprache erfin-den; Niemand, als Gott, kann aber auch ein-sehen, daß Niemand, als Gott, sie erfindenkonnte. Und welche Hand kann es wagen,nicht bloß etwa Sprache und die menschliche45 Seele, sondern Sprache und Gottheit auszu-meffen?
Ein höherer Ursprung hat nichts für sich,selbst nicht das Zeugniß der morgcnländischenSchrift, auf die er sich beruft; denn diese gibt50 offenbar der Sprache einen menschlichen Anfangdurch Namennennung der Thiere. Die mensch-liche Erfindung hat alles für und durchaus nichtsgegen sich -. Wesen der menschlichen Seele undElement der Sprache; Analogie des menschli-55 chen Geschlechts und Analogie der Fortgängeder Sprache; das große Beispiel aller Völkeraller Zeiten und Theile der Welt.
Der höhere Ursprung ist, so fromm erscheine, durchaus ungöttlich; des jedem Schritte60 verkleinert er Gott durch die niedrigsten, un-vollkommensten Antropoinorphien. Der mensch-liche zeigt Gott >m größesten Lichte: sein Werk,eine menschliche Seele, durch sich selbst eineSprache schaffend und fortschaffend, weil sie65 sein Werk, eine menschliche Seele ist. Sie bauetsich diesen künstlichen Sinn ihrer Vernunft, alseine Schöpferin, als ein Bild seines Wesens.Der Ursprung der Sprache wird also nur aufeine würdige Art göttlich, sofern er menschlich ist.