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Johann Gottfried von Herder.
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Der höhere Ursprung ist zu nichts nütze,und sogar .schädlich. Er zerstöret alle Wirk-samkeit der menschlichen Seele, erklärt nichts,und macht alle Psychologie und alle Wissen-schaften unerklärter, denn mit der Sprachehaben ja die Menschen alle Samen von Kennt-nissen von Gott empfangen. Nichts ist alsoaus der menschlichen Seele; der Anfang jederKunst, Wissenschaft und Kenntniß also istimmer unbegreiflich. Der menschliche läßt kei-nen Schritt thun ohne Aussichten, und ohnedie fruchtbarsten Erklärungen in allen Theilender Philosophie, in allen Gattungen und Vor-tragen der Sprache. Der Verfasser hat einigehier geliefert, und kann deren vielleicht nochmehrere liefern, wenn ihm dazu eine nähereVeranlassung würde.
Wie würde er sich freuen, wenn er mitdieser Abhandlung eine Hypothese verdränge,
die, von mehreren Seiten betrachtet, dem mensch-lichen Geist nur zum Nebel dienen kann, unddazu lange gcdienct hat. Er hat eben deswegendas Gebot der Akademie übertreten und keine5 Hypothese geliefert: denn was wäre es, wennEine Hypothese die andere auf- oder ihr gleichwöge? und wie pflegt man alles, was die Formeiner Hypothese hat, zu betrachten? Er beflißsich lieber, „feste Data aus der menschlichen10 Seele, aus der menschlichen Organisation, ausdem Bau aller alten und wilden Sprachen,endlich aus der ganzen Haushaltung des mensch-lichen Geschlechts zu sammeln," und seinenSatz so zu beweisen, wie eine philosophische15 Wahrheit bewiesen werden kann. Er glaubtalso mit seinem Ungehorsam den Willen der Aka-demie eher erreicht zu haben, als er sich sonstvielleicht erreichen ließ.
IN. Ueber die Wirkung der Dichtkunst auf die Kitten der Völker in alten und
neuen Zeiten.
>, Sobald die Zucht der Sitten nachläßt,
Schänden Verbreche» des Geistes Adel." Hörnt. Ode», IV, l, 32. f.
Nach vielen Zeugnissen der Alten war Poesiebei ihnen vom stärksten Einflüsse auf die Sit-ten- Sie, die Tochter des Himmels, soll wiedie Dichtung sagt, den Stab der Macht gehabthaben, Thiere zu bändigen, Steine zu beleben,den Seelen der Menschen einzuhauchen, wasman wollte, Haß und Liebe, Muthund Sanft-muth, Ehrfurcht gegen die Götter, Schrecken,Zuversicht, Trost, Freude. Sie soll's gewesenseyn, die rohe Völker unter die Gesetze, Ver-drossene zu Kampf und Arbeit, Furchtsame zuUnternehmungen in Todesgefahr muthig undgeschickt gemacht. Sie war das älteste und nachder Erzählung das wirksamste Mittel zur Lehre,zum Unterricht, zur Bildung der Sitten fürMenschen und Bürger. *)
Wie? sind alle diese Nachrichten Fabel undselbst Poesie? oder, wenn sie Wahrheit enthal-ten , wie konnte Plato ihr den Eingang in seineidealische Republik versagen?
Oder hatte sie die Wirkung; hat sie sie noch?Was hat sie geändert? sie selbst, oder die Weltum sie, Zeit, Sitten, Völker?
Und hätte sie sie nicht mehr: was ist anihre Stelle getreten? Etwas besseres? schlech-teres? nichts? Und wie könnte man ihr in denbeiden letzter» Fällen ihre alte Würde und Ho-
heit wiedergeben? ihr zurückhelfen auf den Thronihrer Vätcr?
Oder wäre sie so tief verfallen, daß sie so-gar üblen Einfluß auf den Charakter und das35 Glück der Menschen hätte; wie könnte man die-sem Uebel steuern? ihr das Gift nehmen? unddie verderbten Seelen der Menschen zur reinernSprache des Olympus wieder gewöhnen? —
Mich dünkt, diese und andere Fragen liegen40 vor mir. Ein weites Gebiet! groß, wie dieGeschichte gebildeter und ungebildeter Nationen-Zugleich umfasset es Tiefen der menschlichenSeele, ihre edelsten Kräfte in Wirkung und imEmpfange fremder Wirkung, in dem, was wir45 Sitten, Charakter, Gutes und Böses im Ein-zelnen und im Ganzen, Menschen- und Völker-glückseligkeit nennen.
Nichts ist angenehmer und lehrreicher alsdie Aussicht auf ein solches Feld und eine sol-50 che Ausbeute der innersten Menschengeschichte;nichts ist aber auch schwerer, als dieß Feld zuordnen und diese Ausbeute zu Tage zu legen-Soll ich also, da ich von Poesie schreibe, einepoetische Muse, oder da ich von ihrem Einfluß55 auf die Sitten schreibe, Wahrheit und Ge-schichte zum Beistande rufen? Mich dünkt, dasletzte. Von Poesie als ein Poet zu reden,
„Majas Sohn! (denn deinem Beruf gelehrig.
Hat Gestein Amphion bewegt mit Wohllaut —
Hermes, du wohlrcdendcr Sproß des Atlas,
Der der Urwelt Mensche» aus rohem Ilnfng
Durch das Wort gebildet-
-auf dem kalten Hämus,
Dem sich wild cntdrängtc der Wald zur helle»
Stimme des Orpheus,
'Als durch Kunst der Zcugcrin er des BergsiromS
llähcn Fall aufhielt" ic. lHoratinS Ode», lll, 1l. l; l, tu, t j I, t2, lj.l