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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
785-786
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785 Johann Gottfried von Herder.

unter harten Stürmen erwuchs, waren sie zubeschäftigt und zu roh, als daß sie dichten undGedichte empfangen können. Die Musik beiihren Opfern, die rohen Werfe ihrer salischenPriester, und die frühen Gesänge von den Tha-ten ihrer Vorfahren bei Gastmählern') warendie einzige Poesie der Römer: roh war sie ge-wiß, aber vielleicht von großer Wirkung. Allehetrurischcn Reliaionsgebräuche, die Rom insein Staats- und Kriegssystem eingefluchtet!hatte, waren bei ihnen in den ersten Zeitenso schauerlich groß, die Thaten ihrer Vater leb-ten in ihnen, daß, was hier der Kunst abging,gewiß die Wahrheit des Gefühls und Stärkedes Ausdrucks ersetzte. Selbst Horaz, wenn erseinen August hoch loben will, gehet in dieseZeiten und ruft

„Doch wir, am Arbeitstag und am Feiertag,Von Bacchus segensreichem Geschenk erfreut,Wir wollen stets mit Fraun und Kindern,Fromm an die Götter zuvor uns wendend,NachBärerbrauch, Heerführer von tapfremMuth,

Im Hochgesang und lydischem Flotenhall,Und Troja, sammt Archises Lob', undVenus, der holden, Geschlecht erheben."

(Oden IV. 15, 25 ff.)

Sobald die Römer eigne Poesie bekamen,so ging auch ihre Wirkung in den ersten undbesten Zeiten hauptsächlich zu diesem Zwecke.Denn wenn ich die ersten rohen Spiele der rö-mischen Jugend ausnehme, die wohl nichts alsGaukeleien, Possen und Erholungen von derArt gewesen sein mögen, wie alle rohe Natio-nen sie als Zeitvertreib in den Zwischenzeitenmuffiger Ruhe haben und haben müssen; soverwandelte sich diese Satyre bald ins römischeSchauspiel, das am glücklichsten die Geschichteihrer Vorfahren dargestellt haben soll. An ei-nem andern blos Künstlichen, Erborgten, Frem-den konnten sie lange nicht Geschmack finden,und hatten eigentlich gar keinen Begriff, wasdie schöne feine Dichtkunst für ein rühmlichesAmt im Staate sei. Lange waren ihre Schau-spieler Knechte, und ihre Dichter überwundenemüssige Griechen aus den Provinzen.

Im sechsten Jahrhunderte Roms kam, nachder Eroberung Siciliens, Livius Andronikusnach Rom, Nävius, Plautus, Ennius, Terenzfolgten. Entweder bildeten diese den Griechennach und dann hatten sie wenigstens die Wir-kung, Sprache und Sitten auf dem Schauplatzezu verfeinern; oder sie bequemten sich nach demrömischen Geiste, und da waren wohl Plautusund Ennius die Ersten. Jener durch seinenreichen Witz und so treue Gemählde der nied-rigen Stände; dieser, der erste eigentliche Dichterder Römer, der ihre Unternehmungen in seinen

Jahrbüchern schrieb, und auch zu seinen Trauer-spielen die Geschichte dieses Volkes wählte- MitRuhm heißt er also Vater der römischen Dicht-kunst: noch z« Gellius Zeilen wurden seine5 Jahrbücher auf dem Schauplatze zu Pozzuolivor dem ganzen Volke vorgelesen, und seineBildsäule stand „eben den beiden Scipionen ausihrem Grabe.

Ungeachtet der Menge Schauspiele dieser10 Dichter hat die Bühne Roms nie Wirkung aufsVolk gehabt, die eine Bühne haben soll oderdie solche bei den Grieche,, hatte. Quintilianbekennet, daß das römische Trauerspiel demLustspiele vorgehe, weil zu diesem der römischen15 Sprache und den römischen Sitten Feinheitfehle. Das Trauerspiel selbst, wenn es nichtrömische Geschichte war und als solche reizte,beschäftigte wenig. Mitten in ihrer Vorstellungforderte das Volk Thier- und Gladiatorengefechte20 und die Ritter wünschten Triumphe von Köni-gen, überwundnen Völkern und erbeutetenSchätzen zu sehen mit einem Getöse und Hän-deklatschen, daß man von den Schauspielernkein Wort vernehmen konnte. Was sich daher25 auch am längsten erhielt, waren die mimischenSpiele- Die Römer liebte» sie sehr, und wasauch Cicero von seinem Roscius prahle, so warer vielleicht mehr mimischer Spieler, als Schau-spieler, wie wir das Wort nehmen.

30 So wie der Mensch zu mehrerem da ist,als zum Geschmacke: so ist auch ein Staat, dieHauptstadt eines Reiches, wie das römische war,zu etwas anderem da, als zum Schauspiele-. Wären sie Römer geworden, wenn sie Griechen35 hätten sein wollen oder sein können? Gladiatorenund verliebte Helden, Lhiergefechte und rüh-rende Schauspiele zusammen kann Eine Bühneniemals leiden, und da Rom einmal zur Er-obcrin der Welt eingerichtet war, so konnten40 damals sanftere Sitten und die Blumen feine-rer Dichtkunst wohl nicht gedeihen. Auch Lu-cilius, der Erfinder der römischen Satyre, warein Dichter von römischer Stärke und -Kühn-heit: Wahrheit war seine Mühe, die römische45 Tugend und Freimüthigkeit die Ader seinerBegeisterung- Man muß sich an Horaz viel-leicht nicht zu sehr kehren, wenn er über dieseältern Dichter spottet. Er spottet als Mannvon Geschmack, als Dichter des goldenen Zeit-50 alters, als Höfling Augusts, der freilich solchealte Zeiten und Sitten nicht anpreisen konnte.

Je feiner Rom ward, desto feiner wardseine Dichtkunst, desto schlechter und schwächer'aber auch deren Wirkung. Es bekam einen55 philosophischen, gar epikurischen Dichter, Lukrez-Je edler die Stärke seiner Sprache, desto schlech-ter, auch für das stoische Rom schlechter, ist seinSystem. Rom, in den Gärten Epikurs, konntekein Rom mehr bleiben. Katull erschien; schön

1) „Angemessen ist die Macht des Rhythmus in Gedichten und Gesängen, auch wurde sie von dem sehr klugenKönig Nnma Pompilius und von unser» Borfahren nicht vernachlässigt, wie die Laute» und Flöten der feierlichenGastmähler und die Verse der Salier darth-u»." Cicero vom Redner. III. „In den Urgeschichten (des Cato)heisst cS, dass die Gäste bei Gastmählern gewohnt waren, unter Begleitung eines Flötenspielers von den Tugendenberühmter Männer zn singen. — Wenn doch jene Gesänge noch vorhanden wären, von welchen Catv in den llrgeschichten berichtet hat, dass sie viele Jahrhunderte vor seiner Zeit bei Gastmählern von den einzelnen Gästen zumLobe berühmter Männer gesungen worden seien." Cicero, von den berühmten Rednern.

Kurz, rros. Lii. 50