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787 Johann Gottfried von Herder.
ist seine Sprache, mannigfalt und reizend seineDichtkunst; aber wie ist großen Theils ihr In-halt? Wie verfallen waren die Sitten, wo einKalull so schrieb und scherzte? Als er gegenCäsar dichtete, behielt ihn dieser zum Abend-schmause, und damit war der Zwist geendet.
August regierte, und nun blühcten dieDichter unter dem glänzenden August. Diegroßen, ewigen Namen Virgil, Horaz, Tibull,Proper;, Ovid, sie, mit der klassischen Rich-tigkeit, Zierlichkeit, Feinheit, Nebenbuhler derGriechen und ewige Muster des guten Ge-schmackes! — Alles wohl! nur verzeihe man,daß ich die Wirkung ihrer Dichtkunst in Rom,dem Rom, zu schildern ich mich nicht getraue.So viel ist gewiß, daß sie den Augustus feinlobten. Sie, vor allen Horaz, erquickte» ihn,daß er der kriegsmatten Erde den Frieden ge-geben hatte, in den Höhlen der Musen mitGesänge, sie schmückten seinen Hof, seine Spra-che , seine Regierung: Horaz gab dem römischenScherze, der römischen Muse eine Urbanität,die bisher nur die Atheniensische gehabt habensollte — — vieles dergleichen mehr. Wie weitdas aber auf Sitten reichte, kann ich nicht un-tersuchen. Ohne Zweifel wars die Absicht die-ser Dichter nicht, die Sitten der Zeit anzugrei-fen oder zu bessern; vielleicht konnten sie auchnicht, zumal durch sie nicht, gebessert werden.Horaz, der tiefste von ihnen, hat auch sittlichherrliche Oden, schildert die alten oder zu bes-sernden Sitten Roms vortrefflich; wenn manindessen andere Stellen liefet, so sollte mandenken, daß auch jenes nur Dichtcrglut, undnicht sein Ernst war. Er scheint sein Schildwegzuwerfen, wie er's in der Schlacht weg-warf; und auch in seinen Satyren spottet ernicht mehr als er bessert? Sein Brief an diePisone» ist wohl keine römische Nationaldicht-kunst: so wie Virgils Aeneide mehr den GlanzRoms anging, als die Sitten desselben. SeineGeorgica sollen den Feldbau empfehlen, sagtman, und seine Bucolica sollen das Hirtenle-ben empfehlen, sagt man ebenfalls. Am sicher-sten ist's wohl, daß beide die Nachahmung derGriechen empfehlen sollen, so wie eS gewiß ist,daß Ovids Kunst zu lieben diese Kunst wirk-lich und mit vielem Nachdrucke empfohlen habe.Der arme Herr mußte dafür unter die Scpthen,„daß er drei Bücher von der Kunst zu lieben ge-schrieben hatte", und winselte darüber, wie BussyRabutin etliche Meilen von Paris verbannet,bis ans Ende seines Lebens. Die feine Sitt-lichkeit des Dichters hatte zu nah in das Ge-schlecht des Kaisers gewirket und so mußte erjetzt dafür küssen. - Hatte die Dichtkunst die-ser Höflinge keine andere Wirkung, so war'sdie, poetische Blumenketten um die FesselnRoms zu winden, damit dieses etwa sie ange-nehmer und sanftgctäuscht trage.
Die dem August nachfolgenden Tyrannenzeigen, wie wenig die Dichtkunst, als Kunst,als «chulübung über lasterhafte Gemüther, zu-malen über Despoten des Menschengeschlechtsvermöge! Tiberius, Kaligula, noch mehrKlau-dius, und Nero °>m meisten, waren in ikrcmSinne große Dichter, schrieben, sangen, ließenausschreycn, und stifteten auch für die Dicht-kunst manches; aber scheußlich war alles, zu
ihrem närrischen Selbstruhme und zu andererMenschen, zumal besserer Dichter Verderben.Lukan, der überspannte, feurige und dichteri-sche Jüngling, erlag in seinem Blute. Juve-5 nal und Persius züchtigten die Sitten Roms,aber da half kein Züchtigen mehr. Das mimi-sche Schauspiel spottete, aber unvermerkt. An-dere schmeichelten, witzelten, krochen, und diehatten freilich den besten Theil. Ueberhaupt10 wird am meisten Tugend gelobt, wo am we-nigsten zu loben ist, und wo schon so viel ge-lobt wird, wo Panegyristen in Poesie und Prosadeklamiren, da ist's übles Zeichen, da wirktselbst das Lob nicht viel mehr. So gings mit15 Rom in seinen verfallenen Zeiten. Kein Heldkonnte retten, geschweige ein Dichter! Barba-ren mußte» kommen, und dem entvölkertenItalien, dem mit der Grundsuppe von Men-schen überschwemmten Rom Brand und Wer-20 Wüstung, und sodann neue Kräfte, neue Sitten,neuen Lebcnsgeist geben.
Nehmen wir alles zusammen, so ist in Romdie Dichtkunst wohl nie eine Triebfeder, nochweniger eine Grundsäule ihres Staats gewe-25 sen. Die Mauer» Roms wurden nicht unterdem Schalle der Leyer, sondern unter Waffen-klang und Brudcrblur erbauet: die NympheEgeria war keine Dichterin, sondern eine reli-giöse , strenge Bcstalinn. Das kämpfendc Rom30 hatte keinen Tyrtäus vor sich her, wenns aus-zog: seine Kriegszucht und Staatssitten hingenvon etwas Fester»! ab, als von dem Lonmaßeiner Flöte. Wenn dem Volke und den Edlendaher immer Rauhigkeit und Stärke blieb, so35 konnten ohne solche keine „Regulus" und „Scau-rus", kein „rauh umlockler Eurius", und kein^Camillus" werden,
„Den — zog zu Kricgsheilanden —Strenge Armuth auch und der Ahnenflur gleich,mäßiger Hausgott" -
(Horat. Oden I, 12, 41. ff.)
Die männliche Beredsamkeit und Rechtskraftder Römer vertrat die Stelle der Dichtkunst:45 des Menenius Agrippa Fabel, dadurch er dasentwichene Volk wieder nach Rom brachte, warmehr werth, als zehn blöde Trauerspiele nachMustern der Griechen.
Auch was auf einzelne edle Römer die Dicht-50 kuust wirkte, war mehr Zierde als Rothdurft,mehr Kranz auf ihren Helm als Brustharnisch.Die Scipionen waren Ennius Freunde, undselbst Dichter, sie dichteten aber nicht, sondernredeten im Senat, ordneten im Heer, schlugen-55 Als später die Ritter selbst Schauspiele machendurften, wissen wir, welche bittere Verse esden Laberius kostete, als Cäsar ihn sein Stückselbst zu agiren zwang: er hielcs für den größ-ten Schimpf seines Alters, und die Ritter nah-60 men ihn mit Mühe auf ihren Sitz wieder-August und Mäccnas wurden durch die lres-liche und zum Theil so altrömische Poesie ihrerDichter weder sittlicher noch stärker: Mäccnaskranke Wollust trug vielleicht mit zu seines65 Ruhm in der Dichtungsgeschichte bey. ^konnte nicht schlafen, und ließ sich also Werftvorlesen, und ward darüber der unsterblicheMäcenas.
Wo indessen auch in einzelnen Charakteren