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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
789-790
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Johann Gottfried von Herder.

die Wirkung der Dichtkunst anschlug, da bil-dete sie Männer, die am Umfang von Talen-ten kaum anderswo ihres Gleichen hatten. EinRömer, der Held und Redner, Geschichtschrei-ber und Liebhaber der Dichtkunst war, ist ohneZweifel ein anderes Geschöpf, als ein Barbarunserer Tage mit Stieseln und Schwert. Dawurden edle Scipionen, ein Germanicus, einTitus, und auch dem Hadrian und seines Glei-chen schadete wenigstens ihre Liebhaberei) nicht-Ueberhaupt sind die edlen und sittlichen Blu-men, auch der römischen Sprache, unverwelk-lich; selbst in den dunkelsten Zeiten haben Vir-gils Georgica, Horazens Sermonen, BoethiusTröstungen der Philosophie zu wirken nicht auf-gehört und nebst Bildung des Geschmackes undder Sprache auch in Sitten wohl ihr Gutesgeleistet. Uebrigens wollen wir lieber den feinenGeschmack der Priapeen, einiger Catullischen,Horazischen und Martialischen Gedichte entbeh-ren , als daß wir uns die Sitten wünschen oderliebhaberisch nacherkünstcln sollten. Die deutscheUebersetzung Petrons wird also Stellen, Norenund dem Geiste des Buchs nach, trotz ihrerKunst, ein Fleck unserer Sprache bleiben.

Viertes Kapitel-

Wirkung der Dichtkunst bei den nordischen Böllern.

Wir kommen hier wieder in ein lebendigesFeld der Dichtkunst, wo sie wirkte, wo sie le-bendige That schuf. Alle nordischen Völker,die damals wie Wellen des Meeres, wie Eis-schollen oder Wallfische in großer Bewegungwaren, hatten Gesänge: Gesänge, in denen dasLeben ihrer Vater, die Thaten derselben, ihrMuth und Herz lebte- So zogen sie nach Sü-den, und nichts konnte ihnen widerstehen; siefochten mit Gesänge wie mit dem Schwert.

Den nordischen Gesängen haben wir's alsomit zuzuschreiben, daß sich das Schicksal Eu-ropens so änderte, und daß wir da, wo wirjtzt sind, wohnen. Daß Rom über Deutsch-land nichts vermochte, haben wir ihren Heldenund Barden zu danken, dem Schlacht- undFreiheitsgesange, der zwischen den Schilden ih-rer Väter tönte. *> O hätten wir diese Ge-sänge noch oder fänden wir sie wieder! Viel-leicht besitzt das Land, für das ich jetzt schreibe,einen irgend verborgenen Rest dieses Schatzes!Vielleicht hat der edle Kreis, in dem ich jetztgelesen werde, das Glück, ihn zu suchen undzu finden! Es wäre die lebendigste Beantwor-tung der Frage von Wirkung der Dichtkunstauf die starken, edlen, keuschen, redlichen Sit-ten unsrer Väter.

Die nordischen Völker sind glücklicher ge-wesen, haben ihrer mehr erhalten, und da esim Grunde Eine Sprache und Ein Volk ist, soist uns der Schluß frey, was für ein Muthindem unsern gelebt habe- Ein gelehrter Dänehat im Buche von „ Verachtung des Todes deralten Dänen" durch Proben und mit einerunermeßlichen Gelehrsamkeit gezeigt, was dieGedichte, die Sagen, der Glaube, die Mytho-logie der Skalder auf die Hcldenväter der

Nordländer für große Wirkung gehabt haben;wie sie furchtlos und ruhmvoll dem Tode zu-lächelten, auf dem Felde und nicht im Betteoder vor Alter zu sterben sich sehnten, Wunden5 im Rücken, Flucht und Gefangenschaft ärgerals die Hölle scheuten und was dazu die Vor-bilder ihrer Väter, ihre Gesänge, der Steinauf ihrem Grabe, ihr Glaube an Odins Mahl,an die Helden mit ihm, an die Freuden derlo Walhalla und an das Schicksal der Walkyriurbeytrug. In Regner Bodbrogs, Asbiom Prüde,Hako's Sterbegesängen und in unzähligen an-dern Schlachtliedern, die in den nordischen Sa-gen als Belege ihrer Helden - und Fabelge-15 schichte zu finden, lebet diese Wirkung noch.

Ueberhaupt hatten diese Nationen einen un-endlichen Glauben an die Kraft solcher Gesängeund Lieder. Sie setzten sie der Zauberei zu-nächst und Odin rühmt sich, Lieder zu wissen,20 wodurch er »Hülfe geben, Zank, Krankheit,Traurigkeit, Schmerz vertreiben, die Waffender Feinde stumpf machen, Bande und Kettenvon sich abwenden, den Haß auslöschen, Liebeerregen, ja Todte lebendig machen und zur25 Antwort bringen könne." Ein Glaube der Artmußte große Wirkung hervorbringen; er wardie Seele ihrer Lieder, auch haben ihn Thatenbewährt. Wo sind die Normänner nicht hin-gekommen in den mittlern Zeiten? Wo haben30 sie nicht gestreift, geschlagen und überwunden?

Rauher Heldenmuth war die Seele dieserGesänge, obgleich auch andere Stücke zeigen,wie zart sie vom weiblichen Geschlechte gedachtund, wie schon Tacitus von den Deutschen35 rühmt, das Göttliche in ihnen verehret wurde.Ihr Land, Klimas der Bau ihres Körpers undam meisten ihr langer Beruf und die Seele,die ihnen ihr Führer Odin eingehaucht hatte,machte sie den Rosen des Gesanges unempsind-40 lich; als sie diese in den Südländern genießenlernten, war die Stärke ihrer Brust dahin,sie entschlummerten in Armida's Armen. —Indessen zeigt der Charakter einiger großenMänner dieser Völker, die wir näher kennen,45 daß sie nicht so barbarisch gewesen, als sie ihreFeinde ausgaben und ausgeben mußten. IhrEroberungs - und Verwüstungsgeist war einetraurige Folge von vielerlei) zum Theil edlen,zum Theil zu entschuldigenden Gründen, obSO sie gleich freilich Ideal der Sittlichkeit damitnicht werden, auch nicht werden wollen.

Britten, Iren, Gallier, Schotten hattenDichter, vates, Religions-, Muth- und Tu-gendsänger wie alle alte Nationen, nur scheinet's55 nicht, daß die Gesänge dieser so hart und wildals der Normänner, gewesen. Sey Ossian ganzalt oder nur aus alten Gesängen zusammenge-setzt und geschaffen: welche weichere Seele 'istin ihm! Ein Zauber der Einsamkeit und Liebe,60 des Muths und der Schonung! Sturm undMondlicht, Mitternacht und die Stimme derVäter wechseln mit Thränen und mit den zär-testen Tönen der Harfe. Für uns haben dieseLieder noch so viel Macht; auf ihrer Stelle,65 zu ihrer Zeit, in ihrer Sprache, welche Wir-kung muffen sie gehabt haben! O hätten wir

y Tacitus, Deutschland.