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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
791-792
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Johann Gottfried von Herder.

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noch die Gesänge der Barden! Hätte unter un-sern Vätern ein Ossian gelebt! — Bey allenNationen, die wir Wilde nennen und die oftgesitteter als wir sind, sind Gesänge der Artihr ganzer Schatz des Lebens: Lehre und Ge- 5schichte, Gesetz und Sitten, Entzückung, Freudeund Trost, die Stunden ihres Himmels hieraus Erden sind in ihnen. So lange es Bar-den gab, war der Nativnalgeist dieser Völkerunbezwinglich, ihre Sitte» und Gebräuche un- 10auölöschbar. Man weiß, welche Grausamkeitein Tyrann Englands in der mittlern Zeit anden malischen Barden verübte; die Kraft ihrerLieder war dauernder Aufruhr gegen die Ge-setze seines Reichs. In „Evan's Proben der 15Poesie der alten malischen Barden" sind einigerührende Elegien über diese Schicksale der letztenBarden.

Daher war auch das Schicksal der meisten,daß sie untergingen, als sich mit Art und Zeit 2Vdie Sitten des Volkes, ihre Religion und Denk-art änderte. Wie die Barbaren die Mytholo-gie, Kunst und Dichtkunst der Römer zerstör-ten, so ging auch die ihrige einem großenTheile nach zu Grunde, weil ihre alten Sitten, 25Meynungen und Sagen gar zu kräftig in ihrenGesängen lebten. Was wir haben, ist nurdem Schiffbruche entronnen und hat sich anKüsten, in den Winkeln der Erde, wo nochjetzt zum Theil mit diesen Gesängen die Sitten 30der Vater herrschen, gerettet. Sie kamen indie Mittagssonne und was sollten nun die klei-nen Lampen weiter?

Wie es indessen Providenz war, daß dieseVölker so lange in dem Zustande, den wir 35Wildheit nennen, wie unter einem wohlthuen-den Nebel schlummern, auf Licht warten, undfern von Verfeinerung, Gelehrsamkeit, Ueppig-keit und Reichthum ihre rauhen Kräfte erhal-ten sollten, so war gewiß auch Absicht darin, 40daß ihnen das Christenthum gerade jtzt und insolchem Zustande werden mußte. Späterhinhatten sie weder Einfalt für seine Lehre, nochgesundes starkes Herz für seinen Gesang. Eswäre ihnen so ekel gewesen, als der mytholo- 45gisch - atheistisch - deistischen Ueppigkeit der Grie-chen, Römer, oder unsers Jahrhunderts. Da-her war's auch meistens in Gesängen und Ge-bräuchen, das ist nach ihrer Weise, wie sie'Saufnahmen. Die Bibel ward in Verse ihrer 50Sprache gekleidet, so gut es ihre Bekchrcr konn-ten; Legende» der Heiligen kamen dazu undflössen mit den Gesängen ihrer Väter wunder-bar zusammen: es war der einzige Weg, aufsie zu wirken. Ihre Sprache war undiscipli- 55nirr, auch wurde sie von den lateinischen Fremd-lingen wohl nicht in aller Macht gefastet undbehandelt, daher sind die ersten Versuche dieserArt so roh, arm und elend; sie beweisen indeß,daß Ohr und Seele ihrer Bekehrten an nichts 00als so etwas gewöhnt war.

Und nun müssen wir abbrechen, wenn wirüber die folgenden mittlern Zeiten etwas Gründ-liches sagen wollen. Sowohl Dichtkunst alsSitten der Völker Europens waren damals ein 65so wunderbares Gemisch und zusammengesetztesGebäude, daß wir von allen Seiten der WeltMaterialien zusammenholen müssen, um den Ein-fluß des Einen ins Andere zu zeigen. Die enge

Nationaldichtkunst, so wie die enge Nationalwir-kung derselbe» auf Sitten und Charakter hörtauf; es wird eine bunte Fluth, eine Ueber-schwemmung Europens.

Dritter Abschnitt.

Welche Veränderung geschah mit der Poesiein den mittlern und neuen Zeiten? Undwie wirkt sie jetzt»?

Erstes Kapitel.

Wirkung der Dichtkunst unter den Arabern, die einenTheil Europens überschwemmten.

Von jeher waren die Araber Dichter, ihreSprache und Sitten waren unter und zu Ge-dichten gebildet. Sie lebten in Zeiten bey immer-währender Bewegung und Veränderung, unterAbenteuern und dabey in sehr einförmigen, al-ten, mäßigen Sitten, kurz ganz in dichterischerNatur. Statt der Kronen rühmten sie' sichder Turbane, statt der Mauern ihrer Zelte,ihrer Schwerter statt der Schanzen und stattbürgerlicher Gesetze ihrer Gedichte. Auch habendiese von jeher mehr auf ihre Sitten gewirket,als jene vielleicht je auf Sitten wirken können.

Welch ein Abdruck sind die Gedichte derAraber von ihrer Denkart, von ihrem Leben!Sie athmen Ununterwürsigkeit und Freyheit,sind voll des Abenteuergcistes, der Ehre zu Un-ternehmungen, des Muths, der so oft in un-auslöschliche Rachsucht gegen die Feinde, alsTreue gegen die Freunde und Bundesgenossenausbrach. Ihr Ziehen und Entfernen hat denAbenteuergeist auch in der Liebe geboren, ver-liebte Klagen sammt männlichem Muth, imAndenken seiner abwesenden Braut alles zu un-ternehmen. Lange vor Mahomet waren sieDichter; als dieser ihnen aber seine poetischeReligion und sein Meisterstück von Dichtkunst,wo er alle Dichter zum Wettkampf vorrief,den Koran eben aus poetischer Kraft und imdichterischen Glaube» aufgeschwatzt hatte, wirkteer dadurch in ihre Sitten, wie in ihre Dicht-kunst. Der Glaube an Gott und seine Pro-pheten, die Ergebung in seinen Willen, die Er-wartung des Gerichts und das Erbarmen gegendie Arme ward ihr Gepräge. Als sie von denGriechen alles annahmen, nahmen sie die My-thologie und den Geist griechischer Dichtkunstnicht an; sie blieben ihrer Poesie treu, wie ih-rer Religion und Sitten; ja durch jene habensich diese eben auch so lange unverändert undunverrückt erhalten.

Als Araber einen Theil Europens über-schwemmten und Jahrhunderte darin wohnten,konnten sie nicht anders als Spuren, wie ihrerDichtkunst, so auch ihrer Wissenschaften undSitten lassen. Durch jene, die Dichtkunst, ha-ben sie vielleicht so viel gewirkt, als durch diese,die Wissenschaften, die wir fast alle aus ihrenHänden empfingen, und die Sitten sind einGefolge von beiden. Es kam ein Geschmack desWunderbaren, des Abenteuerlichen in Unter-nehmung, Religion, Ehre und Liebe nach Eu-ropa, der sich unvermerkt von Süden imrmrweiter nach Norden pflanzte, mit der christu-