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Johann Gottfried von Herder.
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chen Religion und zugleich mit dem nordischen spielt. Die Mönche selbst machten dergleichen
Riesengeschmack mischte und einen sonderbaren und sie hatten des Volkes Ohr. Da man da-
Druck auf die Sitten der Völker machte, auf mals sehr wenig Bücher hatte, da außer geist-
die er flog. Artus und seine Tafelrunde, Karl lichen Gesängen und Legenden Erzählungen der
der Große und die Pairs von Frankreich, Feen-, 5 Art die beste Scelemveide waren und dazu eineRitter- und Riesengeschichten entstanden; denn so prächtige, wunderbare, serngeholte Weide,
der Geist dieser Völker war zu massiv, als daß so stand alles und gaffte und horchte. Die
er den Duft der arabischen Dichtkunst rein sas- Contours, longleurs, Musars, Comirs, Illai-
sen konnte; er mußte mit ihren Ideen vermengt soutius, kantoinj^gz, Itomanoiors, l'rouba-
und gleichsam in Eis und Erz gehüllet wer- lo «lours und wie sie zu verschiedenen Zeiten, inden. Die Araber mit ihren Stammtafeln haben verschiedenen Absichten und Oertern hießen, wa-
jene falschen Ableitungen und Chronologien er- ren damals Homere, sie sangen 6ssla und kA-
zeugt, von denen die Chroniken der mittlern bliaux fernher, und waren die Stimme der
Zeit voll sind; dieß mischte sich bald in die Le- Zeiten.
genden, und alles endlich, Mährchen aus Sü- 15 Wenn es nun schon ziemlich ausgemacht ist.
den und die wirklichen Abenteuer und Strn-fereien aus Norden bereiteten den Geist derKrcuzzüge nach Orient hin, der so erstaunendeWirkungen in Europa hervorgebracht hat.
Ueber Begebenheiten, die große Blätter ausdem Buche bes Schicksals sind, sollte man-nichtkunstrichlern, sondern nur Ursache, Art undFolgen zeigen. Das Wunderbare ist die einzigeNahrung der Menschen in dem Zustande, dadiese Völker damals waren: sie standen undstaunten, suchten zu umfassen, was sie nochnicht umfassen konnten und übten damit Gei-steskräfte und bereiteten sich zu besserer Speiseder Wahrheit. Ueberdieß kann ichs nie glauben,daß der männliche Geist von Unternehmung,Freygebigkeit, Erbarmen, zarter, wunderbarerLiebe, wenn er auch nur in Romanen undabenteuerlichen Erzählungen vorschwebte, damals,als man in Unwissenheit daran glaubte, einenbösen Eindruck gemacht haben kann- Die ro-mantische Liebe zum Frauenzimmer, unterstütztvon nordischer Keuschheit, hat Jahrhunderteherab viel Gutes auf Europa gewirkt, wasfreche Romane und zügellose Gedichte nie wir-ken werden. Laß alles steif und unnatürlichseyn; die Sitten der Zeit waren selbst steif undder Grad des Unnatürlichen oder Wahrschein-lichen richtet sich nur nach dem Maße unsererUnwissenheit und Fähigkeit zu glauben.
Ueberhaupt ist's thöricht, die Wirkung einerSache zu Einer Zeit aus dem Geiste einer ganzandern zu beurtheilen oder gar zu läugnen.Durch rohe Dinge von der Art wurden damalsUnternehmungen hervorgebracht, die wir jetztmit unserer feinen Poesie und Staatsklugheitkaum hervorbringen könnten; die Kreuzzügenach Orient sind deren gewiß Eine. So wiesie nun von Sitten und Sagen, mit Gründender Religion unterstützt, sonderbar hervorkamen,so hatten sie wiederum auf die Sitten und Sa-gen Europens noch einen sonderbaren Einfluß.Nun flössen Erzählungen, Wunder und Lügennoch eines dritten Welttheils dazu; Norden,Afrika, Spanien, Sicilien, Frankreich, das ge-lobte und das Feenland wurden gepaaret. Dereuropäische Rittergeist ward morgenländisch undgeistlich; es entstanden Heldengesänge, Abenteuerund Wundererzählungen, die aufs unwissendeund abergläubige Europa mit Erstaunen wirk-ten. Alles war voll Sagen, Romanzen undRomane. An den Höfen der Könige und inden Klöstern, auf Märkten und selbst in Kir-chen wurden Gedichte gesungen, allegorischeRitterspiele, Mysterien und Moralitäten ge-
was das Feudal - Riktcrwesen, Kreuzzüge undwas zur Herrlichkeit dieses Zeitalters gehört,für gute und nachtheilige Wirkung auf dieSitten ' Europens gemacht haben, so ist der20 Schluß über die Poesie, die davon sang, ziem-lich gleichförmig. Sie gehörte mit zur Prachtund zum Schmuck dieser Aufzüge, Einrichtun-gen und Abenteuer; die Dichter selbst zogenmit und waren den Fürsten zur Seite. Bei25 allem Unförmlichen erhielten diese Gesänge undAnstalten den Geist der Tapferkeit, des Ruhms,der Unternehmung, der Andacht und Lieberege. Solche Heere und solche Pracht hatteEuropa noch nicht gesehen, solche Erzählungen30 noch nicht gehöret. Die feindseligsten Nationen,Fürsten und Stände wurden Brüder, Christenunter Einer Kreuzesfahne; das harte Band derKnechtschaft sing an zu erschlaffe» oder hie undda aufgelöset zu werden. Die Kenntniß ver-35 breitete sich, das Wunderbare näherte sich schonvon ferne der Wahrheit; man sing an zu lesen;auch die sonst nie gelesen hatten, Ritter undHerren, lasen diese wunderbaren, tapfer», an-dächtigen Geschichten. Schade nur, daß ihre40 Sprachen für uns so veraltet sind, und wie esder Geist der Sache war, auch die Mundartein Gemisch von Sprachen seyn mußte! Da-durch ist für uns die Wirkung, auch wenn dieZeit sich nicht so sehr geändert hätte, großen-
54 theils verloren.
Eine andere Gattung von Poesie aus dem-selben Stamme und von eben der großen Wir-kung auf Sitten war der Minnegesang, dieAkademie der Liebe. Sie waren Blüthen derSO Galanterie des damaligen Rittergeistes. Kaiserund Könige, Fürsten und Grafen schämten sichnicht, daran Theil zu nehmen. Sie machtenSprache und Sitten geschmeidig, verwandelteneine wilde Leidenschaft in zärrere Empfindungen,
55 und ketteten die voraus zu sehr getrennten Ge-schlechter durch unschuldige Blumenkränze. Diesogenannte Perrarchische Liebe ist Geist gewordenerDuft dieser Zeiten, so wie Petrarca selbst seineschönsten Sonette und Lieder aus diesem Garten
60 der Liebe brach. Der spätere Mißbrauch unddie bald erfolgte erschreckliche Einförmigkeit derWendungen und Gedanken kann zwar die Sacheselbst nicht verleiden; indessen ist doch kaum zuläugnen, daß nicht zu viel Blumenspiel dabei65 statt fand, und daß alles endlich in die über-feinen Sentiments ausartete, die der wahrenLiebe wenig Nahrung gewähren. Wie alles vor-hergehende, so gehörte auch diese Poesie zumUebergange, zur Verschmelzung der Sitten ins