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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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795-796
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Jobami Gottfried von Herder.

Feinere, bis sie so fein geworden sind, als dasheutige Tageslicht zeiget.

Zweites Kapitel. ^

Wirkung der christlichen Poesie auf die Sitten derVölker.

Das Christenthum hat höhere Zwecke, alsPoeten hervorzubringen; auch waren seine ersten 10Lehrer keine Dichter. Die Wirkung desselbenaufs menschliche Herz sollte nicht vom Schmuckeder Bilder und vom Geklingel ins Ohr, son-dern von einfältiger Wahrheit kommen und aufGeist und Leben wirken. Indessen konnt's nicht 15anders seyn, als daß auch die ersten Christenschon ihre Empfindungen in Lieder gössen lKoloss.

3, 10.) und sich damit gegen Spott und Ver-achtung stärkten. Bon Wüthrichen verfolgt, inNacht und Höhlen klangen ihre Lieder, deren 20Wirkung nicht von Kunst abbing, so wie sienicht für den Zeitvertreib gedichtet waren, son-dern Gott den Herrn in ihrem Herzen sangen.Wer ist noch, der den ältesten Gesängen derKirche, den Hymnen Ambrosius, Synesius, 25Sedulius Prudenz u. f. Kraft und Drang zurSeele absprechen könnte? Mit dem lieblichenKlänge des Liedes, sagt Auqustin, zieht sich dasWort Gottes ins Herz: die Seele wird hin-aufgeschwungen und fühlet mehr die Wahrheit, 30den Ton, das Leben ihrer Lehre.

An der Wirkung also, die das Christen-thum auf die Sitten der Welt gehabt hat,nimmt auch sein großes Werkzeug, das Lied,Theil; nur geht auch hier die Kraft des Him- 35mels stille und verborgen einher; die Wirkungkeiner Poesie ist vielleicht verkannter als dieser.

Und doch wirkt sie auf den besten, trcuestenTheil der Menschheit, und das nicht selten,sondern täglich; nicht über Gleichgültigkeiten, insondern eben bey den drückendsten Umständenam meisten, da ihm Hülse Noth thut. Jeneheilige Hymnen und Psalmen, die Jahrtau-sende alt, und bey jeder Wirkung noch neu undganz sind, welche Wohlthäter der armen Mensch- 15heit sind sie gewesen! Sie gingen mit dem Ein-samen in seine Zelle, mit dem Gedrückten inseine Kammer, in seine Noth, in sein Grab;da er sie sang, vergaß er seiner Mühe undseines Kummers: der erdcrmattete traurige 50Geist bekam Schwingen in eine andere Weltzur Himmelsfreude. Er kehrte stärker zurückauf die Erde, fuhr fort, litt, duldete, wirkteim Stillen und überwand — was reicht an denLohn, an die Wirkung dieser Lieder i oder wenn 55sie im heiligen Chor den Zerstreuten umfinge»,ihn in die hohe Wolke des Staunens versenkten,daß er hören und merken mußte: oder, wennnn dunkeln Gewölbe, unter dem hohen Rufeder Glocken, und dem durchdringenden Anhauch 00der Orgel sie dem Unterdrücker Gericht zurie-fen, dem verborgenen Bösewicht Gewalt desRichters: wenn sie Hohe und Niedere verein-ten, vereint auf die Kniee warfen, und Ewig-keit in ihre Sette senkten — welche Philoso- 05phie, welch leichtes, lichtes Lied des Spottsund der Narrheit hat das gethan, und wird'sje thun können? Wenn diese Poesie nicht aufCha-rakter und Sitten wirkt, welche wird den» wirken ?

Ich läugne nicht, daß in den mittlern Zei-ten die lateinische, die Mönchssprache viel Rüh-rendes in der Art gehabt hat. Außer dem,daß sie immer, weil sie lateinisch war, eine An-zahl anderer Schriften und Kenntnisse mit sicherhielt; sind mir im elenden Mönchsstyl Ele-gien, Hymnen zu Gesicht gekommen, die ichwahrlich nicht zu übersetzen wüßte. Sie habenein Feierliches, ein Andächtiges, oder ein sodunkel- und sanft-Klagendes, das unmittelbarans Herz geht, und dem zu seiner Zeit es ge-wiß an Wirkung nicht fehlte. Die ersten Stim-men in den Reformationszeiten waren Elegienoder Satyren; diese bereiteten die Gemüthervor, bis sie auch in der Landes- und Volks-sprache erschallen konnten. In England gingendie Plowman's Bisions und Plowman's CreedWiklefen, so wie in Deutschland Klagen undElegien Husten voraus. Bon beyden Seitenwird überall wie mit Streitschriften, so auchmit Liedern gefochten, und Lieder sind allemal,Gesinnungen unter das Volk zu bringen, daswirksamste Mittel gewesen. Was die Gesängeder böhmischen Brüder und Luthers Lieder aus-gerichtet, ist bekannt. Auch in unserm Jahr-hunderte unterließ Zinzendorf nicht, durch Ge-sänge auf seine Brüdergemeinen zu wirken.Ein Chor Singender ist gleichsam schon eineGesellschaft Brüder: das Herz wird geösnet:sie fühlen im Strom des Gesanges sich EinHerz und Eine Seele.

Die ersten wirksamen Gedichte in der Volks-sprache waren also auch, da sich die Dichtkunstwieder empor hob, Kinder aus dem Schoosund Busen der Religion. Danre's großesherrliches Gedicht umfaßt die Encyklopädie sei-nes Wissens, das Herz seines Lebens und sei-ner Erfahrungen, die Blüthe aller Mysterienund Moralitäten, Himmel und Erde. Vondiesem Baume brach Milron seinen Zweig, daer das Verlorne und wiedergefundene Paradiesschrieb. Die erhabensten und rührendsten Stel-len Petrarchs gewährt ihm die Unsterblichkeitseiner Laura. Die Poesie ist so sehr Kind desHimmels, daß sie sich nie reiner und voller inihrem Ursprünge fühlt, als wenn sie sich inHymnen, im unendlichen All verlieret.

Wenn also eine Poesie der neuern ZeitenWerth hat, so müßte es diese sein; und wiekommt's, daß eben sie und die moralische Dicht-kunst, ihre Schwester, am meisten ihre Kraftverloren? Wir gehen zu den neuern Zeitenüber, und wollen aus dem so vervielfältigten,reichen und bunten Garten der Dichtkunst nurdie für uns nothwendigsten Blumen und Früchtebrechen.

Drittes Kapitel.

Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten neuerer Zeile".

Als die Wissenschaften in Italien auflebten,entstand zuerst eine neulateinische, und wo mög-sich, neugriechische Dichtkunst. Man war indie wieder aufgefundenen Alte» so verliebt, daßman sie, wie man nur konnte, nachahmte, so-gar die alten Götter und Göttinnen als schöntPhrasen hervorbrachte, und sich nun überredete,daß man recht klassisch schrieb. Nun ging"freilich nicht a», sich flugs in einen Griechen