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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Gottfried von Herder.

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und Römer zu verwandeln, und noch schwererwar's, die ganze Welt um sich griechisch undrömisch zu machen; aber das schadete nicht: eswar doch eine so schöne Sprache: es waren soschöne Muster: man versificirte und dichteterömisch.

Daraus mußten Nachtheile entstehen, dieeinem gewissen Theile der Menschen das ganzeZiel der Dichtkunst verrückt haben. Das Volkverstand diese Sprache nicht, und aufs Volkkonnte die Dichtkunst also nicht wirken; der bestelebendige Zweck und Prüfstein der Güte gingalso verloren. Gelehrte schrieben für Gelehrte,Pedanten für Pedanten, die meistens (wie ihreherrliche Auslegung der Alten zeigt) gar keinerWirkung der Dichtkunst fähig waren. Schriebman also für die, so brauchte es auch keinerpoetischen Talente, keiner Kraft und Absichtzur Wirkung. Die Muster der Alten warenda, schrieb man nur, wie diese, in schönen,abgemessenen Zeilen, nach allen, oft sehr elendabgezogenen' äußern Regeln, Geist der Altenmochte sein, wo er wollte, ein Schreiber klatschtedem andern zu: „du bist klassisch! ich bin'sauch — jene, das Volk, sind Barbaren, Pöbelder liebe» Frau Muttersprache, sind verflucht!"So wurden nun elende, lendenlahme, kraftlosegemahlte Schatten geheiligt; sie waren derTraum von einem Traume und wurden Mu-ster- — Und so ward Dichtkunst nun das laueDing, das Niemand zu haben und zu genießenwußte, der Natur, dem Sinne des Volks, sei-nem Herzen, dem Herzen des Dichters selbstfremde; und sollte Wunderdinge wirken! Wielange quälte sich Italien mit dieser Nachah-mung, und jede andere Narion, im mindernGrade, gerade wie vormals im Anfange dieRömer mit dem griechischen Schauspiele. Apo-stolo Zcno vermachte den Dominikanern in Ve-nedig eine Bibliothek von 4060 Stücken, imGeschmack der sogenannten alten Komödie, diealle in Einem Jahrhundert geschrieben, und allein demselben Jahrhundert vergessen waren.Mit dem Trauerspiele ging's eben so, und Ita-lien hat noch keines. Zeno wandte alles an, dieOper griechisch zu machen; von Pastoralen,von arkadischen Ländelcpen, die im Geschmackder Alten sein sollten, wimmelte Italien, undda diese dem Lande, der Zeit, den Sitten sofremde, zum Theil so unnatürlich waren, aufwen konnten sie wirken? Die Dichtkunst warErgötzlichkeit, schöne Kunst, Spiel.

Ursachen aus aller Welt Ende kamen da-mals zusammen, Europens Sitten zu ändern,mithin ward auch ihr Nachbild, die Dichtkunst,theils anders, theils kam diese immer mehraußer Wirkung. Aus Spanien wurde» dieMohren vertrieben; ihr Karthago war alsozerstöret: der Riltergeist siel allmählig-. dasLand kam in sanften Tod, d. i. in politischeOrdnung- So gings dem Rittergeiste in allenLändern: statt der Mohre» wurden die Vasallengedemüthigt, die Provinzen vereinigt: Monar-chie im Staate erhob ihr Haupt. Je mehrnun Freyheit, Natur, Eigenheit der Sitten inallen Ständen abnahm, je mehr einzelne Kräftegeschwächt wurden, um zu den Füßen des Ei-nen zu ruhen, je mehr überall mechanische Ord-nung an die Stelle des Muths, der Wirkung

individueller Seelen trat; je mehr entging derDichtkunst lebendiger Stoff und lebendige Wir-kung. Der alte Rittergeist konnte nur zumSpotte gebraucht werden: die neuern Sitten —sie hingen so wenig mit Poesie zusammen, alssie von ihr abhingen, — vom Gesetze uud Rechteund ganz veränderten Umständen der Welt gin-gen sie aus. Den Regenten schmeicheln, ein-förmige Kriegszüge, politische Rechtshänder,machiavellische Negotiationen besingen, war dasZweck der Dichtkunst?

Wie mit dem Rittergeiste, war's mit derReligion; ihre Wirkung ward verlacht; siekonnte in Gedichten nur als Fratze oder alsMythologie, neben rein lateinischen, antikenund mythologischen Namen gellen und so tratsie auch hervor. Ich will bekannte Gedichteund zum Theile sehr berühmte Namen nichteinzeln nennen; es war der sonderbare Geschmackdieser mit neuem Lichte aufgehenden Zeiten.Nun wird mit der Religion des Volks, der Dicht-kunst Herz und Seele genommen; ein Volk,das keine Religion hat, oder sie als Burleske brau-chet: für das ist keine wirkende Poesie möglich.

Meistens nennen wir diesen Zustand Wachs-thum der Philosophie: er sey's; aber diese Phi-losophie dient der Dichtkunst und dem mensch-liche» Herzen wenig. Streicht alles Wunder-bare, Göttliche und Große aus der Welt aus,und setzt lauter Namen an die Stelle; deß wirdsich kein Geschöpf auf Gottes Erdboden, alsetwa der Weltgelehrte freuen. Die Dichtkunstkann nie entspringen und nie wirken, als woman Kraft fühlt, lebendige Kraft selbst siehet,aufnimmt und fortpflanzet. Bayle's atheisti-scher Staat wird wahrlich keine oder elendeDichter haben, so wie alle philosophische Na-men Kerker. Sie lassen Dichter weder zu,noch können sie solche erzeugen; und diese kön-nen an einem philosophischen Schatten- undPlaudervolke ihre Kunst nimmer erweisen.

Alle große Revolutionen damals flössen wieein Meer zusammen, aus dem die Dichtkunstnicht anders, als zum Spiel hinfürder schwim-men konnte. Zween Welttheile wurden erfun-den — man denkt vielleicht beim ersten An-blicke: ei, wie neuer, reicher Stoff zur Dicht-kunst! Der Erfolg zeigt, daß dieser Stoff nichtszu bedeuten hatte, gegen die Wirkung, die imGanzen die Dichtkunst durch diese Entdeckungenverlor. Gold und Silber, Gewürze und Be-quemlichkeiten mögen viel Gutes hervorbringennur nicht neues Leben für die Poesie; die Kaffee-tasse ist kein Trank des Odin, und die Pricke-lest» fremder Gewürze auf unsrer Zunge undin unserm Blute kein goldner Stachel desApollo.

Die Buchdruckercy hat viel Gutes gestiftet;der Dichtkunst hak sie viel von ihrer lebendigenWirkung geraubct. Einst tönten die Gedichteim lebendige» Kreise zur Harfe, von Stimme,Muth und Herz des Sängers oder Dichtersbelebet; jetzt standen sie da schwarz auf weiß,schön gedruckt aus Blätter von Lumpen. Gleich-viel zu welcher Zeit einem lieben geneigten Lesernun der Wisch kam: er ward gelesen, sachtund selig überflogen, überwischt, überträumelt.Jst's wahr, daß lebendige Gegenwart, Aufwe-ckung, Stimmung der Seele so ungemein viel

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