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Jokann Gottfried von Derber.
und zum Empfange der Dichtkunst am meistenthut; ists ein großer Unterschied/ etwas zu hö-ren und zu lesen, vom Dichter oder seinem Aus-leger, dem göttlichen Rhapsoden es selbst zuhören, oder sich es matt zu denken und vor-zusyllabircn: so- setze setze man nun, alles vori-ge dazugenommon, die neue Sitte in ihrenUmfang, wie viel mußte mit ihr die Dichtkunstan Kunst gewinnen, und an Wirkung verlieren !Jetzt schrieb der Dichter, voraus sang er: erschrieb langsam, um gelesen zu werden, vor-aus sammelte er Accente, lebendig ins Herz zutönen. Nun mußte ersuchen, schön, verständ-lich zu schreiben; Kommata und Punkte, Reimund Periode sollten fein ersetzen, bestimmen undausfüllen, was voraus die lebendige Stimmetausendmal vielfacher, besser und stärker selbstsagte. Endlich schrieb er jetzt gar für das liebeklassische Weck und Wesen, für die PapierneEwigkeit; da der vorige Sänger und Rhapsodenur für den jetzigen Augenblick sang, in dem-selben aber eine Wirkung machte, daß Herzund Gedächtniß die Stelle der Bücherkammerauf Jahrhunderte hin vertraten.
Die Musik ward eine eigne Kunst und son-derte sich von der Dichtkunst. So gewiß es ist,daß dadurch beide, als Künste, gewannen; soviel scheints, daß sie an bestimmter Wirkungbeide verloren. Die Empfindungen, die dieMusik allein sagt, kann sie nur dunkel sagen;nähme man nicht unvermerkt das Kunstgefühlimmer zu Hülfe, so wäre unS vieles in ihrein Buch mir unbekannten Lettern, und wirwürden sie nicht lange in solcher Unbestimmt-heit ertragen. Die Dichtkunst ohne Klang undGesang mußte bald Letternkram, Ralurwiffen-schaft,, Philosophie, Sittcnlchre, trockne Weis-heit, Studium werden.
Je mehr die Länder zusammenrückten, dieKultur der Wissenschaften, die Gemeinschaft derStände, Provinzen, Königreiche und Welttheilezunahm, je mehr also, wie alle Literatur, soauch Poesie an Raum und Oberfläche die Wir-kung gewann, desto mehr verlor sie an Ein-drang, Tiefe und Bestimmtheit. In engenStaaten, bey kleinen Bölkern, ihren einförmi-gen Sitten, engem und jedem einzelnen Gliedeanschaulichem Interesse, bey Thaten, wo jederRichter und Zeuge sein konnte, hatte sie ge-wirkt und geblühel; jetzt zerfloß ihre Flammein Staaten und Schimmer auf der Erde. Werkonnte übersehen, was ein Fürst wollte? undwas für Recht er dazu hatte? Und wenn man'skonnte, wer wollte, wer dürfte es? Weder Lolknoch Dichter. Den freien politischen Sat»render mittlern Zeiten war der Mund gestopft;aus der Mündung der Kanonen flammen keinepoetische Thaten. Weder Helden, noch Bürgerder allen Zeit ziehen zu den meistens entfern-ten, angereizten und unübersehbaren Kriegen;es sind arme Kriegsknechtc, die dahin ziehen,und den Landern ist's meistens gleich viel, wel-chem Götzen sie Höhnen und dienen. Die Kriegs-und Friedensposaune lassen also gern alle neunMusen liegen und beweinen höchstens Blutver-gießen, Hunger, Krankheiten und gekränkteRechte der Menschheit, von beiden Seiten
Endlich und am meisten, wenn die Sitte»und Herzen aller sogenannten gebildeten Bölker
allmählig abgegriffene Münzen werden, da dieDichtkunst nur mit Schaustücken zu thun ha-ben soll: wie anders, als daß diese auch sowerde? fein ausgearbeitet, bequem und schön,5 aber meistens ohne Inhalt und Werth der altenengen Nationaldichtkunst. Der meiste Theil istScheidemünze, wo das Kupfer durchblickt; denedcln Theil lassen wir ungebraucht ruhen, da-mit er unsre Laschen nicht reiße, oder wandeln10 ihn schnell in das, was wir nöthiger brauchen,als Sitten der alte» ächten Dichtkunst. Unsbilden Gesetze, Gesellschaften, Moden. Stände,Sorgen der Nahrung: unsre Musen sind dasVergnügen, und der Apollo derselben die liebe15 Noth. — Die Poesie ist Literatur: ein Para-dies voll schöner Blumen und lachender Früchte;nur zeugt die schöne Farbe nicht von Güte der-selben, »och weniger der süße Geschmack. —Die italienische Poesie war's, die sich zuerst20 formte. Ihre schöne Sprache, das Land, derCharakter der Nation, ihre Berfassung, diemithelfenden Künste, trugen bey, daß sie baldund in blühender Gestalt erschien, eine lieblicheBlume auf der Römer Grabe, aber nur Blume.25 Im großen Dante kämpfen noch alle seine Lei-denschaften: sein Gedicht ist Umfang seines Her-zens, seiner Seele, seiner Wissenschaft, seinesbesondern und öffentlichen Lebens: er ist nochein Stamm aus dem alten Walde der Freyheit50 und Mönchswirkung. — In Petrarca lebt seineLaura, sofern es die Gesetze des Sonnets unddes Liedes der Provenzalen zulassen; seine Mil-gehülfen ergaben sich noch mehr der lieben My-thologie oder den ausgelassenen Sitten des Zeit-35 alters. Im Jahrhunderte der Medicis wardalles klassisch: man schrieb Latein oder schöne Son-nette und liebliche Stanzen nach Petrarchs Weise.Ariost erschien, und der göttliche Ariost schriebeinen Roman zum Vergnügen, wo sein Herr40 und Freund vorzüglich zu bewundern hatte,wo er alle solch Zeug hätte auffinden können.Er und Tasso lebten von Nachlässen der mitt-lern Zeiten, weil zu ihren Zeiten wenig Poe-tisches mehr zu wirken war: die Nachfolger45 im vermehrten Verhältniß. Die Dichtkunst derItaliener ist wie ihre Seele, ein stilles Meer,voll gehaltener tiefer Leidenschaft und Stärke:rief unten kann der Sturm wüthen, und obenfließen noch sanfte Wellen. Vielleicht hat die50 Dichtkunst viel zu diesen Sitten, deren Bildsie trägt, selbst beygetragen. Sie unterhält sosanft, beruhigt und ergötzt so süße: der Gon-delfahrer auf dem Meere, und der Pilger zuLande singt, spielt und ist fröhlich. Vergnügt55 auch unterm Drucke, fröhlich auch in der Ar-muth. — Wie vieles zeigt nicht aber in auf-fahrenden Funken, was in ihnen für eine Flam-me schlafe, die nur auf andere Umstände, auseinen Wind des Himmels wartet?
60 Mit der Poesie Frankreichs sich spreche mitaller Bescheidenheit eines Idioten, der nur »a»)seinem Gefühle zu urtheilen waget) ist's in Be-tracht ihrer Wirkung auf Sitten noch unbe-stimmbarer. So wie dieses Volk vielleicht Mf'65 niger Poesie und poetische Sprache hat, als d>eItaliener, so hat auch nach Maaßgabc ihrt°Charakters diese mindere Poesie auch mindereWirkung auf Sitten haben müssen- Anst«"ist ihr großer Richter und Gesellschaftskreise d