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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
801-802
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Johann Gottfried von Herder.

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Schauplatz ihrer Poesie: selbst ihr Theater istKreis der Gesellschaft. Oben spielt eine PartieHerren und Damen, und oft der Verfasser durchsie; unten desgleichen, und wie elend ist oft diePythia , die schon vorher völlig den Ton stimmt!Oft werden Sentenzen, Liraden und Deklama-tion bewundert, d. i. alles, wovon in der Ge-sellschaft gesprochen werden kann, und so werdedenn gesprochen! Der theatralische Staats- undKriegsmann Corneille, der tragische Jdyllcn-richler Racine, Voltaire, der Mahler und Phi-losoph, herrschen nach angenommenem Gesell-schafts-Maßstabe, d. i. sie erleuchten und amu-siren. Voltaire insonderheit. Er, in PoesiePhilosoph und in Prose Dichter, Er, der großeLehrer unserer Zeit in leichter Philosophie undSkepticismus, der große Verfasser der „fliegendenBlätter" und der göttlichen „Jungfrau" — welcheMangel, welche Bedürfnisse des Jahrhunderts(anderer Länder beinahe mehr, als seines eignenVolks) füllet er nicht aus! Wie reine, festeSitten warens nicht, die er bildet! Als ob heutzu Lage ein Dichter schriebe, um Sitten zubilden? Und wozu schreibt er denn? Er suchetRuhm, er folgt der Laune, er opfert den Gö-tzen des Jahrhunderts, er amusirt. Gutes oderBöses, was daraus komme — was ist demDichter gut oder böse?

Meine Absicht ist nicht zu kunstrichtern,sondern zu bezeichnen, was mich also dünket.Seit dem goldnen Jahrhunderte Ludwigs wurdedie französische Poesie als unterhaltende Ge-sellschafterin aufgeführt, und ist sie das nichtgeblieben? Die Epopöe Fcnelons wurde ver-gessen, höchstens spricht man von ihren Blu-men; aus Quinault weiß man zarte Senti-ments; aus Boileau Maralen oder ungerechteStreiche; aus la Fontaine schöne Riäsereien.Moliöre dichtete als großer Dichter, dem übri-gens alles gleich war, was lachen machte, undjetzt — weiß ich nicht, was man dichtet. Manwiederholt, man trillert „denItalienern" tausend-mal einerlei nach, man bettelt. Geßner undUoung, Haller und Ossian, Shakesspcare undder Otahite, alles macht gleiche Wirkung —keine!

Das heißt, wie der große Voltaire meldet,das Licht ist so verbreitet, daß nirgend mehrFlamme werden kann. Die Sitten der Nationsind so gebildet, daß nichts mehr zu bilden ist -und o! eine Dichtkunst zu Paris die Sitte» derNation bilden! Warum nicht gar des Univer-sums? Und was sind „Sitten"? und was sind„Wirkung" und „Einfluß" nach dem französischenNachdrucke? Und endlich was ist wirkende Poe-sie? etwa ein Trinklied oder ein Roman derLiebe?

Wir schiffen über den Kanal und plötzlichsind wir in einem olim wilden Lande, das jetztauch sehr gesittet zu sein beginnt; es ist dasstolze England. Aus den Resten der Rittcrzeithat es Dichter, große Dichter — Chaucer,Spcnser, Shakespeare! Shakespeare insonderheit,der Mann, der eine Welt voll Charaktere,Kräfte, Leidenschaften, Sitten, BegebenheitenUmfasset, und eine Welt derselben nachbildendin uns wirkt. Welch ein Schatz der Nationist's, einen Shakespeare, ein Buch der Sittenund menschlichen Scenen aus und nach ihm zu

Kurz, Pros. rit.

haben ! Er hat freilich kein System; seine Seeleist weit wie die Welt, sein Schauplatz ist füralle Sitten und alle Völker. Eine ähnlicheSeele gehört auch dazu, Shakespeare zu um-fassen und wie er angewandt seyn will, anzu-wenden! Und da man jtzt alles nach dem flüch-tigen Augenblicke und mit dem Maßstabe desleichten Geschmackes mißt, so wird seine Desde-mone bald der Zaire und sein Hamlet dem fran-zösischen Hamlet billig weichen. Er ist, sagtman, für unsere Sitten zu stark, zu rauh, zuabwechselnd, zu geschmacklos.

Seitdem Geschmack an die Stelle des Genie'strat und England seinen letzten Genius, Swift,nach Irland verbannte, ist die Poesie viel kor-rekter, moralischer, klassischer, feiner geworden;aber nicht zugleich auch viel unwirksamer, un-poetischer, kälter? Wer hat schönere Moralenin Reimen geklingelt als Pope, und wer schö-nere Stubencharaktere gezeichnet ais Addison?Man frage indeß nicht um jedes Worts Ur-sprung , Zweck und Wirkung. So viel ist ge-wiß, wenn moralische Sentenzen und Wochen-blätter Sitten bilden können, so haben Pope,Addison, Steele ihre Ration (die beiden letztenauf allen Kaffeehäusern insonderheit) gebildet.Ihre Schriften werden die ersten ihrer Artbleiben, und Addison insonderheit der Sokratesseines Volkes.

Indessen ist's drückend wahr, der Geist desJahrhunderts, dem sich eben die edlen Schrift-steller ja auch in der Einkleidung bequemten,will, daß das alles als Gedicht, als periodi-sche Schrift, als Wochenblatt gelesen werde;und wie oft zerstört da eben die Schönheit derEinkleidung, eben ihre Kunst, ihre Feinheit alleWirkung! Der Reim ist eine schöne Sache, woer ungezwungen da ist: er stutzt, wie ein deut-scher Dichter sagt, und hebt die Phantasie —und leimt die Rede ins Gedächtniß ; indessen istseben auch so gewiß, daß, wenn keine andereSeele, kein höherer Geist weckt, der Reim ein-schläfert und mit süßem Geklingel sanft betäu-bet. Wird das Gemüth mit sogenannten Sa-menkörnern der Tugend überhäuft und gleich-sam zu dick besäet: so kann nichts ausgehe»,zumal ja alles allgemein ist, und nichts seinerechte Stelle findet. Werkt man's nun nochdem Dichter an, daß er Dichter ist, als Nach-tigall sang und als Versifikateur oder artigermoralischer Schriftsteller schrieb; so liest manihr auch als solchen; höret der Nachtigall alsNachtigall zu, läßt ihr seinen Dank widerfah-ren, und geht nach Hause. Bei allen morali-schen Dichtungen der Art kommt's also daraufan, wie wir's lesen, ob's uns Scherz oder Ernstist? Und mein! Warum mußte denn dies, dieHauplbedingung der Kraft auf unsere Sitten,warum mußte sie unbestimmt bleibe»? Ja wa-rum mußte der Dichter eben durch seine Kunst,durch seine ewige Bequemnisse für unsere Er-götzlichkeic uns gar überreden, daß es ihm nurum diese und um Lob dieserhalb zu thun sei?Löscht er nun überdies mir der Einen Handaus, was er mit der andern schrieb; wie istuns nun zu Muth? Was sollen wir glauben?Und bei wie vielen Dichtern, Reimern, Einklei-dern "ud Romanschriftstellern insonderheit, istgerade das der Fall!

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