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Johann Gottfried von Herder.
Die Engländer haben zwo Gattungen der den derselben ausgetilgt haben soll (das wohlRomanklaffe: die eine ist idealisch, die andere des Dichters Absicht nicht war; wenn mit ihremtreue Natur: Richardson und Fielding sind Fehltritte die himmlische Klarisse und die philo-ihre Führer. Beide Gattungen haben Vortheile sophische Julie, so wie bei Lerenz jenes Ju-und Nachtheile; alles kömmt hier, wie überall, 5 pitersgemälde, geärgert, und Jünglinge zuauf den Gebrauch an. Sich in idealische We- Tom-Jones gesagt habe» sollen: „Wenn jene, wa-sen verlieben, kann herzlich gut sein, aber auch rum ich Menschlein nicht auch?" Wenn Fälle dersehr gefährlich- Man findet den schönen Traum Artwahrsind, welcherDichterwirdnichtselbst überentweder, wo er nicht ist, sieht allenthalben zu lautes Lob und warmes Aufwallen zittern, undEngel, Klariffen und Grandisons fliegen und 10 so viel an ihm ist, das g»>ü llonustuiu, utile,wird jämmerlich betrogen; oder der Engel Kla- üevvn»? ja nicht schwankend sei» lassen! Uebcr-risse thut nur einen kleinen Fehltritt, den ihm Haupt aber sind Schriften der Art leider zuja jedermann verzeihet, und der Folgen hat, sehr das Ruhekissen weicher Bequemlichkeit, alsvor denen sich jeder gesunde Bauernverstand, daß man die hohen moralischen Wirkungen der-ber kein Engel ist, bewahrt hätte. In beider- 15 selben für etwas anders, als sie selbst sind,lei Fall hilft das Uebertrciben und Jdealisire» für Dichtung und Roman halten könne. Ichzum Unfall: und überhaupt ist's eine so feine sage dieß bei den Engländern, es gilt aber beiSpeise, ein so süßer Duft, daß er starke Be- allen Nationen.
wegung und gute Säfte fordert, wenn er nicht Endlich hat die englische Wuth der Freiheit
schädlich sein soll. Bekanntermaßen haben nun 20 sich einer Gattung Dichter bemeistert, die rechtdie, die sich am meisten dieses Duftes bediene», national sein, und auf Sitten wirken wollen;nicht viel Bewegung, nicht viel Anblick der es sind ihre politischen Parteigänger und Sa-ganzen gesunden Menschheit in wahren Bezie- tyrs. Buttler mit seinem Hudibras steht obenhungcn des Lebens; was Wunder also, daß sie an, Swift in der Mitte, Churchill und „derenträumet», und kränkeln und wenn sie einmal 25 lasterhaftere Nachkommenschaft?" folgen. Be-an dies Opium gewöhnt sind, nie mehr davon stimmt genug ists, was sie sagen, und an Leiden-laffen können. Das nennen wir Verfeinerung schüft und Stärke fehlt's auch nicht, womit sieder Sitten und Gesinnungen durch angenehme alles beleben; ob aber der moralische Nutze davon sound unterhaltende Lektüre; die Verfeinerung ist groß sey, kann ich nicht entscheiden. Meistensaber oft wahres Verderbniß. Meistens macht 30 ist alles so partheylich, grimmig und schrecklichsie zu aller gesunden Speise, zu gründlicherer übertrieben, daß jedem Fremden auch bey denNahrung des Geistes und Herzens, am meisten stärksten Stellen weh ist. So spottet Buttlerzu wahren Freuden und wahrem Gebrauche des und hat Schaden angerichtet: so zerfleischtLebens untauglich. Wenn die romantische» En- Swift mit Tiegerklauen die Menschheit, daßgel aus ihrem Mondparadiese zur Erde kom- 35 man Mitleid über ihn, und nicht über diemen und die im heiligen Schleyer der Entfer- Menschheit weinen möchte. So züchtigt Chur-nung erschienenen Liebhaber einander i» der chill — es sind blutreiche Auswüchse, cckle,
Nähe von Angesicht zu Angesicht schauen; so aber saftvolle Geschwüre der gepriesenen engli-
ist in mehr als Einem Verstände der Roman scheu Freiheit, die wir ihnen nicht zu beneiden
aus; die durch schöne Dichtung verdrängte 40 haben. Meistens sind sie auch durch sich selbstWahrheit kömmt, wie die Göttinn Ate, nach unkräftig-. die Gegrnparthei handele, und läßtund rächet sich gewaltig. diese sprechen, wüthen; und nach wenigen Jah-
Die Fieldingschc Gattung des Romans ist ren ist alles entweder vergessen oder die schärf-dcm Auge nicht unterworfen, sie öffnet das sten Pfeile des Genies, in Glut der Hölle ge-Auge ungemcin für Wahrheit. Und wenn sie 45 härtet, haben ihre Spitze verloren. — Ueber-nun mit eben der Wahrheit das Herz für Güte Haupt ist alles Uebertriebene (und wer übertreibtöffnet und diese zum bestimmten Zwecke hat; mehr und lieber als ein Engländer?) in eben
so kann sie die schönste Gallerie des menschli- dem Maße unkräftig. Wo Milton Teufels-
chen Lebens heißen. Wie kömmts nun aber, brücken baut, rühret er nicht, und wo Uoungdaß meistens auch diese Gattung Schriften den 50 den Gräbern des erhabenen Unsinns zu naheSchwächen der Zeit nachgibt, statt diese zu wirbelt, wird er nicht bessern. Wo Thomsonüberwinden? Wie kömmts, daß auch die indi- und seine Gesellen zu viel schildern, ermattenviduellen Charaktere meistens in einem Lichte sie, und ermüden andere: und wo die Adlerstehen, wie sie das liebe Herz ejcrn hat? War ihrer pindarischen Oden mit Beywörtern bela-den Verfassern an dieser kranken Sympathie, 55 den und vollgestopft sind, da kommen sie gewißan diesem ängstigen Zuwallen gelegen, das eben nicht zur Sonne. Vielleicht gleicht die Poesiedaher rührt, weil ihre Hand den Wunden un- dieses Landes ansetzt einem überfüllten Körper,fers Herzens schmeichelt? Dichter, bist du als- der zuletzt für lauter Epithelen-Fülle und Ge-dann Mann? Ehrlicher Menschenfreund? Die- sundheit auf dem Lcichengerüste pranget! ""ner der Gesundheit, Glückseligkeit und Wahr- 60 und da bey ihnen alles so national ist, so muß,Heck? Was würdest du von dem Arzte halten, je mehr die Sitten sinken, je mehr Ueppigke^der Opium oder süßes Gift reichte, nur daß und selbstgcnügsamer Stolz, heroische DuM»u
die schöne Kranke ihm die Hand drücke? Soll heit und Bestechung regieren, auch die Dich^
der Dichter schwachen Seiten, bösen Sitten kunst sinken und davon Farbe tragen.
seines Jahrhunderts fröhnen? oder soll er sie 65 letztes, so vergöttertes Genie, Sterne —bessern? lese seine weiche» Schriften, und hintennach du
Wenn Cervantes trefflicher Roman den Sit- Briefe seines Lebens, herausgegeben von se>^.
ten seiner Nation Leid angethan, und mit dem eignen Tochter, und man wird fühlen woraul
Lächerlichen der Rltkerschafr auch viele Tugcn- ich deute.