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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
805-806
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Johann Gottfried von Herder.

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Jetzt soll ich von meiner Nation reden, aberich kann kurz sein, weil ich oft nur wiederholenmüßte, was ich bey andern, denen wir langenachgebuhlt haben, schon sagte. Von jeher hatdie Poesie weniger Wirkung auf uns gehabt,als auf die beregten Nationen. Unsre Bardensind verloren, die Minnesänger lagen auf derPariserbibliothek ruhig; die mittlere Zeit hin-durch ward Deutschland immer außer Deutsch-land geschleppt oder mit andern Völkern über-schwemmet; bekam also nicht Zeit, sich zu sam-meln, und auf die Stimme seiner eignen Dicht-kunst zu merken. — Ueberdem ist's ein gerheil?tes Land, ein Sund von kleinen monarchischenInseln. Eine Provinz versteht die andere kaum:Sitten, Religion, Interesse, Stufe der Bildung,Regierung sind verschieden, hindern und sonderndie beste Wirkung. Opitz sang für gewisse Pro-vinzen Deutschlands lange, als ob er in Sie-benbürgen gesungen hätte. Schweizer undSachsen wollten sich lange nicht für Landsleureerkennen , und Nord- und Süddeutschland wol-lens in manchem Betracht noch nicht. — Ue-berdem kommt bey uns das Volk in dem, waswir Sitten und Wirkung der Dichtkunst aufSitten nennen, gar nicht in Betracht: für sieeristirt noch keine, als etwa die geistliche Dicht-kunst. Was bleibt uns nun für ein lesendesPublikum übrig, von dessen dichterischen Sittenwir reden sollen? Gelehrte? aber die haben ihreSitten schon, und sind oft keiner Wirkung derDichtkunst sähig: sie lesen zum Zeitvertreib,einen dumpfen Kops sich etwa zu erheitern.Also Kunstrichrer: aber die iob sie gleich mei-stens nicht Gelehrte sind) haben mit jenen theilsein gleiches, theils noch das ärgere Schicksal,daß sie als Kunstrichter lesen, von Buchhänd-lern gemiethet, wohl gar gestimmet, und oftan Leib und Seele erblindet. Genießt der Krä-mer den Duft seiner Gewürze? und ist's nichtWohlthat für den Reiniger dunkler Gemächer,daß ihn sein Geruch nicht mehr störet? — Alsodichte man für Jünglinge? aber auch die sindnach dem neuesten Geschmack selbst Dichter, unddienen an einem Almanach deutscher Musen;also ist auch da die Wirkung gebrochen undveräffet. Also für geschmackliebende Jungfraun,ihre Bonnen und Tanten? Oder für jene vor-nehme Leser und Leserinnen, die es neulichstvon den Franzosen vernommen, ersehn und er-lernt haben, daß auch Deutschland Dichter be-sitze, und daß man diese wirklich lesen könne?Allein, was ist nun auch für diese zu dichten,und was an ihre,: Sitten zu bilden? Nach zehnfranzösischen Büchern ein deutsches zu durch-laufen, mit matter verdauungsloser Seele eszu durchträumen, durchnaschen, durchjähnen;sodann zu jenen zehn hinstellen, und abermalsnach den neusten Modebiffen schnappen — istdas Dichterleklüre? was kann sie nützen? wermag für sie dichten? wer in den Armen einerverwelkten Buhlerin liegen, und ihr gar Sit-ten geben wollen? Also bliebe nichts, als dieBuchhändler übrig, sür die denn auch wirklichdie meisten Meßjünger schreiben; was diese er-wählte Schaar aber (die Jupiters, Apvllo's undMäcene der deutschen Musen!) was diese ausihrer poetischen Meßwaare für Sitten ziehen,wögen sie selbst untereinander am besten wissen!

Was für Wirkung können Gabe» thun, dieverhandelt und erhandelt werden? Was fürSitten kann ein Tempel der Dichtkunst stiften,wo Wechslertische und Taubenkrämer, Recen-senten und Ochsenhändler ihr Gewerbe treiben?Ihr, Dichter der Vorwelt, Ossian und Orpheus,erscheint wieder, werdet ihr eure Mitbrüder er-kennen ? werdet ihr für die Presse singen, undjetzt in Deutschland gedruckte, recensirte, ge-lobte, elend nachgeahmte Dichter werden? Manverzeihe, daß ich bey diesem Acußcrn verweile;von solchem Aeußern hängt das meiste Innereab. Der Buchhändler kauft und verkauft, er-handelt sich Autor und Recensenten, bestimmtden Werth seines Meßguts und nach dem An-klänge geht die Stimme fort. Dem liebenDeutschland ist alles gleichviel, wenn's in denZeitungen nur gelobt ist. Siegwart und Aga-then, Messias und den Nothanker, WerthersLeiden und Werthers Freuden lieset's mit glei-chem Muthe; und das ausländische Gemisch,woher es auch komme, und was für Sitten eswirke, bleibt billig im Vorrecht.

Bei diesem dürftigen Zustande der Lesereyhaben wir uns über die Dichter und die Sitten,die sie wirken wollen, gewiß nicht zu beklagen.Opitz und Brockes, Geilert und Hagedorn.Kleist und Geßner, Haller und Witlhof sinduntadelhaft von dieser Seite; der ehrliche from-me Charakter der Deutschen zeigt sich auch hier.Sie wollten lieber minder Dichter sein, als un-sittliche und unweise Dichter. Der erste Dich-ter, der auf die Nation vorzüglich gewirkt,war gewiß fromm, Geliert.

Auch der höhere Kranz, nach dem sodanndie deutsche Muse lief, war den Sitten für-wahr unschädlich: es war die biblische Dicht-kunst. Hätte diese Wirkung auf die Nationmachen, und den Glauben des Volkes verdienenkönnen, der einem Inhalte der Art gebühret!Aber dann hätte vor Klopstock kein Milton sein,dann hätte sei» Messias nicht mitten in einemHaufen Dichtungen und Episoden stehen müssen,die ewig allen Glauben abzwingen und abwür-gen! — Wie es indessen sei, verdient seineDichtkunst nicht den Preis der Engel, so ver-dient sie den Kranz unschuldiger Menschen, nach-gebender Jünglinge, zärtlicher Kinder. Niewird man ihr und der Muse des kälteren, ge-lehrten moralischen Bodmers sittliches Uebelnachsagen können, wenn auch nicht alles himm-lisches Gold wäre.

Vielleicht war's selbst diese übergroße Mo-ralität der Deutschen, die, wie an so vielenPatriarchaden, an den Bardengcsängcn desjüngsten bald verstrichenen Zeitalters Schuld

war. Unmaßgeblich reizte die Tugend der FrauThusnelde so stark, als die Tapferkeit des HerrnHermanns: man freute sich dessen, übersah dasandere, und da Ossian dazu kam, war derBardengesang gebohren. Sollte es also auchmit der Wirkung dieser Gesänge und Fabel-lehre auf unsere Sitten nicht so ganz recht sein,so bleibt dem errichteten Altare immer eineAufschrift: „der Pietät!" „Ein etwclches Denkmal,der Tugend, und den Sitten der Vätcr heilig."

Da die deutsche Muse eine so ehrwürdigeVestalinn, die Priesterin der Wahrheit undTugend ist: warum sollten wir nicht auch die

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