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Johann Gottfried von Herder.
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Kleinigkeiten übersehen, die hie und da Altenoder Ausländern zu weit nachfolgen? Jst Gleimdenn nur Anakreon, oder ist er nicht auch derwackre Helden- und Tugendsänger? Und ist ersin jenen Scherzen denn auch je außer den Gren-zen der Zucht? Hat Wieland hie und da sichmit der Muse Crebillons zu nahe befreundet;wie viel anders im andern Geschmacke hat ergeschrieben! In der That ist's viel, was wirvon den lieben Musen des heiligen römischenReichs verlangen, und äußerst wenig, was wir,das lesende Publikum, ihnen gewähren; Ge-schenke und Gaben verstehe ich damit nicht.Gebt uns andere Zeiten, andere Sitten, andreLeser und Leserinnen, andere Schriften, die Le-ser und Leserinnen bilden, und die Dichtkunstwird ihnen nicht widerstreben.
Freilich ists auch hier edel, vorzugehen undeinem Gottgegebenen Dichter wird nie seinKreis williger Ohren und Herzen mangeln.Ein Dichter ist Schöpfer eines Volkes um sich:er gibt ihnen eine Welt zu sehen und hat ihreSeelen in seiner Hand, sie dahin zu führen.So soll's sein: so war's ehemals: immer aberund überall kann nur ein Gott solche Dichtergeben. Was Menschenwerk ist, folgt auchmenschlichen Sitten um sich her; es ist von derErde und spricht irdisch: der Sänger, der vomOlymp kömmt, ist über alle, und eben derStab seiner Wirkung ist das Kreditiv seinesBerufs. Wie der Magnet das Eisen, kann erHerzen an sich ziehen" und wie der elektrischeFunke allgegenwärtig durchdringt, allmächtigsortwandelr: so trifft auch sein Blitz, wo erwill, die Seele. Er wird weder Weichling sein,noch Kitzler, noch Sittenverderber, nicht ausGesetzen von Außen, sondern weil er edleresFeuer, höhern Beruf in sich fühlet.
Wir, die keine Götter sind, solche Sitten-verwandler zu schaffen und der dürftigen Zeitzu geben, wollen ihren Werth wenigstens er-kennen und ihr irdisches Werden nicht aufhal-ten. So lang unsere Dichtkunst Meßgut istund Karmen an den Geburtstagen der Großen,so wird jeder Chiron in den Fels gehen undeinen junge» Achilles etwa allein die Leyer leh-ren. Kein Tyrläus wird vor unsern nachAmerika verkauften Brüdern einherziehen undkein Homerus diesen traurigen Feldzug singen.Sind Religion, Volk, Vaterland unterdrückte,nebelichce Namen, so wird auch jede edle Harfedumpf und im Nebel tönen. Ja endlich (dieUrsache von allem!> so lange wir in natukloserWeichheit, Unentschlossenheit und üppigem Za-gen für Geld und Ruhm singen, wird nie eineLeier erschalle», die Sitten schaffe, die Sittenbilde.
„Von Helden stammen Helden und Treffliche:
Es lebt im jungen Farcen, es lebt im Roß'Der Vater Kraft; kein wilder AdlerZeugele friedlich gesinnte Tauben.
Zwar Unterweisung stärkt angeborne Kraft,
Und kluge Bildung härtet den Muth; allein
Sobald die Zucht derSitten nach-läßt,
SchändenVerbrechen desGeistesAdel.«
iHorat. Oden IV. 4, 29 - 36.,
„Noch ward keiner ein guter Dichter, dernicht vorher ein guter Mann gewesen ist.«Strabo- — „ Die Dichtkunst ist etwasHeiliges und Göttliches. Wer ohne Be-geisterung der Musen zur Schwelle derPoesie gelangt, und da glaubt, daß erschon mit Hülfe der Kunst ein tauglicherDichter werden könne, der ist ungeweiht,und die Poesie des kalt uebcrlegenden ver-schwindet vor der Begeisterten.« Plato.
Beschluß.
Die Hauptsätze meiner Abhandlung wärenalso diese:
1) Dann ist die Dichtkunst am wirksamsten,wenn sie wahre Sitten, lebendige Natur dar-stellt: sind die Sitten gut, stellet sie die leben-dige Natur zu guten Zwecken dar, so kann sieauch gute Sitten wirken, und lange erhalten.
2) Unter den Hebräern wies Gott, welchesder Zweck der Dichtkunst sei, auf welche undzu welchen Sitten sie wirken müsse; das Volkblieb der Absicht des Gottes, der sie begeisterte,unendlich zurück; und unter den Griechen warddie Dichtkunst nach guten Anfängen und miteinzelnen herrlichen Ausnahmen, Mythologie,Machwerk, schöne Kunst, Mährchen und end-lich mit die Verderberin ihrer Sitten.
3) In Rom war sie unabhängig vom Staate:gut, aber roh, so lange die Sitten gut waren;unnütz, müssig oder böse und verschlimmernd,in dem Maße als diese sielen. Unter Nord-ländern, Arabern und allen einzelnen thätigenVölkern hatte, und erhielt sie den Charakterder Nation im Guten und Bösen.
4) Als Europa von den nordischen Völkernneue Sitten und neue Verfassung erhielt, än-derte sich auch die Dichtkunst. Eben aber dieMischung und Wanderung der Völker gab ihreinen unbestimmten, zusammengeflossenen Mähr-chencharakter. Auch in den rohesten Zeiten hatdie simple Poesie des Christenthums großenNutzen gehabt, und hat ihn noch.
5) Mit der Nachahmung der wiedergefun-denen alten und dem neuen Zustande der Weltward die Dichtkunst regelmäßiger, aber auchunwirksamer; abgetrennt von Wirkung leben-diger Sitten. Sie hat sich unendlich verfeint,alle Borstellungsartc» und Maralen erschöpft,'wirkt aber wenig, und kann und soll jetzt lei-der nur wenig wirken; sie ist zum lieben Ver-gnügen-
6) Proben darüber in einzelnen Gattungen,bey mehr als einem Volke; und stille Winke,daß sie lebendiger und wirksamer werde.
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