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Johann Gottfried von Herder.
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IV. Von Zehnten als Werkstätten des Geistes Gottes oder des heiligen Geistes.
(Eine Schulrede.)
Unsre Vorfahren nannten die Schulen Werk-stätten des Geistes Gottes; eine altvätrischeBenennung, von der man sich vielleicht wundernwird, daß ich sie in unsern Zeiten wiederhole,und nicht lieber vom Tempel des Apollo, derMusen und Grazien rede. Die Benennungrecht verstanden, drückt aber eine so edle Sache,und zwar viel wahrer und inniger aus, alsalle jene Jdolenausdrücke vom Tempel desApollo, der Musen und Grazien nur bezeichnenmögen.
Geist Gottes hieß bekanntermaßen von denältesten Zeiten her, bewegende mächtige Natur-kraft, jene lebendige Regung, die den Geschö-pfen Leben mittheilt, die durch Wirksamkeit ihrLeben erhalt, ihre Kräfte stärkt und fördert.Geist Gottes hieß ihnen in menschlichen Seelenjede edelste Kraft, wenn sie sich in vollem Ge-nuß ihres Daseins auf die vorzüglichste Weiseäußert. Geist Gottes hieß ihnen endlich jenefortwährende Tendenz des Menschen, immervollkommener zu werden, Heller im Verstände,reiner im Herzen, kräftiger im Willen, von in-nern, Vorwurf frei, der Gottheit nahe, ihrverwandt, nach ihr gebildet. Die schönste Sprücheund Aufmunterungen hierüber stehen in einemvom Geist Gottes geschriebenen Buch, der Bi-bel, die uns viel angenehmer und lockenderwären, wenn wir sie ohne Eckel und Vorur-theil, in dem Geist, in dem sie geschrieben sind,hell und aufrichtig läsen. Es sey mir vergönnt,eine kurze Anwendung hievon auf die Schulenzu machen, und den alten Ausdruck „Schulenseyen Werkstätten des Geistes Gottes, eines hei-ligen Geistes", nicht nur zu rechtfertigen, son-dern christlichen Schulen als den eigensten undangemessensten zu vindiciren.
I. Was vom Fleisch geboren wird, das istFleisch; das heißt, nicht nur es ist schwach undunkräfcig, sondern auch es gehet dem sinnlichenGenuß, dem Zeitvertreib und Zeitverderb, an-genommenen Gewohnheiten , Instinkten und Be-gierden nach; Geist muß ihm ungebildet, mußin ihm, wie durch eine neue Geburt erwecktwerden, daß er einen edleren Genuß als denGenuß der Sinne, einen ediern Zweck des Le-bens als Zeitvertreib und Zeilverderb kennenlerne, daß Uebung hierin ihm zur Gewohnheitwerde, und er sich in diesem höhern schönernInstinkt gleichsam als ein neues höheres Ge-schöpf, froh, frei, wirksam und glücklich fühle.Wir wissen alle, die Zeit der Kindheit und Ju-gend ist die schönste Zeit dieser moralischen Bil-dung und Umbildung, daß aus dem kleinenMenschcnthier ein Mensch, daß aus dem Scla-ven der Sinne ein überlegendes, freithätigesWesen werde. Alle Erziehung gehet dahin, odersoll dahin gehen, dem Menschen diese innereMacht, diese einwohnende Weisheit, dieß reineAuge, diesen hellen Verstand, heiligen Geist zugeben, ohne welche alle erworbene Kenntnisseund Geschicklichkeiten müßiges Zubehör oderWerkzeuge zum Verderben werden. Wie schön
kleidet das Kind, den Jüngling jede Spur einermoralischen Bildung, die man an ihm wahr-nimmt! Gibt es holdere Stirn, ein schö-bt) neres Auge, als in welchem Zucht und Schaam,Aufrichtigkeit, Zutrauen, Bescheidenheit undLiebe — Geist Gottes wohnen! Gibt es einenschönern Reiz der Gebehrden und Glieder, alswenn sie mit reiner Unschuld, mit sanfter Ge-15 fälligkeit, gleichsam wie mit dem Oel der Freu-den zur schönsten Thätigkeit gesalbt sind, undtäglich gesalbt werden. Der Ausdruck jenescbräischen Jünglings, in dem von Kindheit aufder Geist Gottes wohnte, und ihn zu seiner20 Aufmunterung eine fröhliche Zukunft seines Le-bens, zeigte: ,„Wie sollt' ich etwas unwürdigesthun, und wider Gott, das Heilige, das inmir ist, sündigen?" hat so etwas Schönes undMächtiges, daß es allein im Stande ist, einen25 Jüngling, der dieß heilige in sich, der sich alsden Tempel eines göttlichen Geistes erkennt,vor allem Unwürdigen, Niedrigen, Gemeinenzu bewahren. Wie sollt ich etwas unwürdigesthun, und wider das edlere Gefühl in meiner30 Brust sündigen? Alle ausgezeichneten Menschenhatten dies edlere Gefühl in sich, das eben sievon gemeinen Menschen auszeichnete, das sievor allem Gemeinen, Niedrigen und Nieder-trächtigen bewahrte. Es war ihr Schutz und35 Schirm, ihr Rathgeber und Wächter, ihr war-nender Freund, ihr gebietender Dämon, derihnen, statt der weiten Heerstraße üppigerPhantasie und Lüsternheiten, den schmalen Weg,die enge Pforte des Ruhms und Wohlgefallens40 bey Gott und Menschen zeigte; sie ihnen nichtnur zeigte, sondern diesen Weg zu gehen, diePforte zu durchdringen sie antrieb. — Einmächtiger, belebender, ruhiger Geist, der Geisteiner fortwährenden Selbstbesserung, der Geist45 der Weisheit. „Er kömmt, sagt jenes alte,schöne Buch, nicht in eine boshafte Seele; erwohnet nicht in einem von Lastern entweihetenKörper. Der heilige Geist, der recht zu den-ken lehrete. weicht von den Ruchlosen, und50 überläßt sie der Strafe, die sie über sich selbstverhängen, da sie denn nie ungestraft bleiben:denn Gott ist Zeuge über alle Gedanken underkennet alle Herzen, und höret alle Worte."
Dünkt es ihnen nicht, m. H., dünkt es55 euch nicht, liebe Jünglinge, daß es in diesemSinn für die Schule ein edler Name sei, Werk-stätten des heiligen Geistes zu heißen? Und wassie heißen, zu sein oder zu werden? Was hel-fen alle Wissenschaften ohne Sitten? Was hel-60 fen alle erworbenen Kenntnisse ohne Gemüth?— Wir wissen alle, daß unsern Zeiten mitRecht der Vorwurf gemacht wird, daß nicht,wie in den allen und ältesten Zeiten unsreWeisheit im Leben ausgedrückt wird, und von65 Sitten ausgehend, auf Sitten zurückkehrt. Siewohnt bei uns mehr im Kopf als im Herzen,und hat meistens mehr unser Gedächtniß berei-chert als unsre Denkart und Sinnesart gebil-det. Die unermeßliche Luxuric in den Wissen-