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Johann Gottfried von Herder.
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schaften, ihre fast unübersehbare Vermehrunghat uns zu Sclaven des Wissens gemacht, oftohne alle Selbstbildung; wie manche Jugend-Seele ging im trügerischen Ocean der Viel-wissenheic, der Allgelehrsamkeit, a» einer Scylla,bei einer Eharpbde oder auf glatter Woge un-ter! O kehre Geist Gottes zurück! Geist Got-tes der alten und ältesten Zeiten! als die Weis-heit noch Uebung, als das Lernen noch Weis-heit war. Kehre insonderheit in die Schulenzurück! In unsern Zeilen, da hinter den Schu-len auf Akademien oft das wüsteste, wildesteGewirr der Jch's -f- Nicht-Jch — Ich -l- mitIch, und ein Gebrüll niedriger, grober Zänke-reien sie erwartet. Kann man auch Traubenlesen von den Dornen? Jeder gute Baum bringtgute Früchte; an den Früchten erkennt manden Baum; an Sitten und Thaten lernt maneine Weisheit erkennen, wes Geistes sie sey?Ob jene Weisheit von oben her ist, die, wieJacobus sagt: keusch, sriedsam, gelinde, läßtihr sagen, ist voll guter Früchte, unpartheiisch,und ohne Heuchelei. Oder jene andere psychi-sche dämonische Weisheit, die Neid und Zank,Unordnung und eitel böses Ding bezeichnen?Geist Gottes kehre zurück in die Schulen, umda einen guten Grund in den Gemüthern derJünglinge zu legen, und ihnen den festen, rei-nen Charakter anzubilden, der sich durch dieausgelassene Unsittlichkeit, die grobe Frechheit,die naseweise Zudringlichkeit, die jetzt in sovielen Schriften herrscht, nicht verführen lasse!sondern der aus einem reinen Selbst unwandel-bar feststeht und nicht wankt. Er kehre zurückund wohne in den Schulen unsers Ortes, da anihm, wie niemand es läugnen kann, so vieleGelegenheit zu Zeitvertreib und Zeitverdcrb undzu jener Keckheit ist, die sich von Anstand undSittlichkeit gerade lossagt. Von Jugend auf,von innen wehe Geist Gottes uns an; dennvon außen leben wir zu unsrer Zeit in einerbösen Zugluft, in der garstigen Dämonen-Welt.
II. Jede gute Gabe hieß bei den Ebräerneine Gabe des Geistes; Geist hieß ihnen, wasdie Gabe belebte, läuterte, brauchbar machte,und zum Zweck des Ganzen anwandte. Soll-ten wir nicht wünschen, daß in diesem BetrachtSchulen Werkstätten des Geistes würden? wieviele und mancherlei Gaben keimen in diesenJünglingen, allesammr gute, von Gott gegebneGaben? Was könnten wir denn Schönereswünschen, als daß Geist sie erwecke und belebe,daß ein guter Geist im Menschen diese Gabenkenne» lerne, sie zu ihrem Geschäft absondreund leite? Dem Geist Gottes sind alle Gabender Menschen gleich werrh, denn die menschlicheGesellschaft fordert verschiedene Gaben. Er ar-beitete in jenen Künstlern am Bau des Heilig-tums, und weissagte in den Propheten. Ersprach in ihnen ans Volk, richtete in den Rich-tern, gab Muth den Befreiern des Volks, denHelden. Auf Davids Harfe sang er Psalme;und in den Weisen war er Lehre und Weisheit:im Geschäftsmann trieb er sei» Geschäft. Alsdas Christenthum entstand, war es sein unter-scheidender Charakter, daß ohne Rücksicht desAlters und Standes ein neuer Geist auf alleausgegasten ward, und jede gute, jede nützlicheGabe ans Licht treten sollte; denn, sagt Pau-
lus, alle mancherlei Gaben hat Euch Gott ge-geben, Ein Geist soll sie beleben. Wodurch an-ders erwarb sich das Christenthum die Herzender Menschen, als daß es die Lorurtheile, dieeine Reihe von Menschen unbrauchbar machte,niederriß, und in allen alle und allerlei Gabenzu gemeinschaftlichem Nutzen weckte? Hier istkein Jude noch Grieche, kein Sklave noch Frei-geborner, kein Mann noch Weib, alle sind Einsim christlichen Gemeinwesen. Dadurch verbandsich das Christenthum die Herzen der sonst sovernachläßigten Stände, durch Herablassung,durch Allgefälligkeit und Popularität; Brauch-barkeiten traten ans Licht, die sonst ewig inder Dunkelheit gelegen hätten und es wardjene große weite Basis der Kultur gelegt, diealle Stände, alle Völker umfaßt und von derdie alte Welt nicht wußte. Daß dieß mit denersten Versuchen nicht anders als unvollkom-men geschehen konnte, daß sich hieran mit jedemSchritt der Zeit neue Mißbräuche hefteten, daßdie Popularität des Christenthums oft zu ple-bejem Geschmack ausartete, dies alles und hun-dert Dinge mehr, die davon zu sagen wären,kann die Wahrheit und Reinheit des großenGesetzes nicht ändern, das da will, daß allenMenschen geholfen werde, indeß sie zur Er-kenntniß der Wahrheit kommen, daß jederMensch in dem Fache gebraucht werde, woriner der brauchbarste ist, und von der schönstenSaat, die Gott gestreuet hat, durch mannich-falcige Gaben im Menschen, die Frucht, dervielseitige Nutze gezogen werde, die wir ja aufAeckern und Wiesen, von jedem Halm undStrauch, von jedem Schwamm und Baum, zuziehen suchen. Göttliche, edle Talente im Men-schen unbenutzt liegen, verrosten und sich selbstaufreiben zu lassen, ist nicht nur Hochverrathgegen die Menschheit, sondern der größesteSchade, den ein Staat sich selbst zufügen kann:denn mit jedem dieser vergrabenen todten Ka-pitale geht nicht nur, wie man glaubt, Kapitalund Zins verloren; sondern da diese lebendigenKräfte sich nicht eben immer wie todte Kapitalebegraben lassen, so gerathen sie an und durcheinander und machen dem Gemeinwesen vielVerwirrung, viel Störung. Ein nicht ange-wandter Mensch ruht nicht, sondern weil erleben muß, zumal wenn er erbittert ward,kann seine Gaben auch sehr übel anwenden;bis zuletzt alle diese lebendigen Räder in unddurcheinander gerathen und der ganzen Ma-schine ein trauriges Schauspiel gibt. Das äl-teste Christenthum hielt also sehr viel auf Ge-be», Gebrauch der Gaben, Anwendung allerGaben, vorzüglich auf die Gabe Talente zukennen und hervorzusuchen, Geister zu prüfe»und zu unterscheiden; alle große und billigeMenschen, die ander» vorstanden, suchten die-sem belebenden Geiste nachzuahmen, Talente z»wecken und auszubilden, sie hervorzuziehen, a»Ort und Stelle zu setzen, zu gemeinschaftliche»'Nutz-
Werde also diese Schule auch eine Werk-stätte des prüfenden Geistes, darin, daß unterwohlbegabten Jünglingen nicht alle einerlei be-gehrten und sich führen ließen, wohin sse ^Zeitgeist, der Hauch der Mode treibt! Alledrängt zu unserer Zeit sich hinauf; zu
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