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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
813-814
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Johann Gottfried von Herder.

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wollen studiern: zu viele wollen Buchstaben-männer werden. O! werdet Geschäftsmänner,liebe Jünglinge, Männer in vielerlei Geschäf-ten. die Buchstabenmänner sind die unglücklich-sten von allen und müssen es nach Lage unsrerSeit von Jahr zu Jahr immer mehr werden-Ein Handwerker, ein Künstler, ein Geschäfts-mann ist gewiß der brauchbarere Mensch vorso vielen unnützen halbgelehrten Buchstabenmah-lern ! Wie jetzt die Zeiten laufen, wird und mußseine Achtung zunehmen, dagegen bey der schreck-lichen Concurrenz und großen Menge der Un-würdigen die Achtung der Buchstabcnmännerabnehmen muß, und es kann vielleicht eine Zeitkommen, da sie verhungern. Die Welt hatder Wissenschaften, zumahl des Wortes Gottessatt; sie will amüsirt sein. Man muß sich ihr,durch was es auch sey, unentbehrlich zu machenwissen; im Studiren, oder was für ein Geschäftman sonst ergreife, muß mans von Jugend anhierauf anlegen; brauchbar, vorzüglich, unent-behrlich zu werden in einem unentbehrlichenGeschäft. O könntet ihr die Klagen der Un-glücklichen hören, die dort und hie und danach Brod schreien, auch bei guten Gaben, wieman sie oft persönlich, oft in Briesen wimmernhört; ihr würdet schaudern! — Wenn ihr einendicken Meßkalalog in die Hand nehmt, so denkt,den größten Theil dieser Bücher hat der Hun-ger geschrieben, die Noth hat ihn diktirt. Wennihr die Zänkereien, die Revolution-Schriften,die Verunglimpfungen ganzer Stände und Aem-ter leset, so denkt, einen großen Theil dersel-ben lehrte der Hunger bellen, der Ehrgeiz, dieHabsucht, der Neid, die Roth belfern. Siewürden ihren Vater und Freund ermorden,wenn sie den auffressen könnten: denn sie habendas unglückselige Handwerk erwählt) zu schrei-ben, sich von Dinte und Druckerschwärze zunähren. O weckt andre Gaben in euch auf,ihr Lieben, und wendet sie zu besserem Zweckan, brauchbar zu seyn für Aemter, unentbehr-liche tüchtige Männer zu Geschäften, gute Werk-leute, Handelsleute, Künstler! Thut, was ihrthun könnt und sollt, das zu wirken, wozueuch Gott, wozu die Natur euch bestimmt hat,und wählet nicht nach äußerm Rang und An-schein! Achtung wird euch die Zeit geben; nurim Gebrauch seiner eigensten, ausschließend eige-nen Gaben ist man vorzüglich, eminent, glücklich.

III. Geist heißt Kraft , Leben. Im todtenLeichnam ist kein Geist; in einem kranken, schwa-chen Organ ist der Geist gefangen und duldet.Wollen wir nicht wünschen, daß unsre Schuleeine Werkstätte des Geistes in gesunden, tüch-tigen, fröhlichen Organen sey und werde?

Man spielt mit dem Worte Genie; indemman jede leichte, flüchtige Anlage, jede leichterregte Lust und Neigung zu einer leichten,lockenden vergnügenden Wissenschaft Genie nennt,daher in unsern Zeiten sich die Genies vorzüg-lich durch Knabenstreiche auszeichnen, und denNamen Genie selbst zum Ekelnamen gemachthaben. Vor Zeiten war dies nicht also: Genieheißt Genius, Geist; eine bestimmte Anlage

zu einem Geschäft heißt Talent, Gabe. Geistaber äußert sich nur durch Kraft, durch Kraftzu denken, eine Idee auszuarbeiten, lange fest-halten zu können und sie in allen Schlupfwin-keln zu verfolgen: mithin äußert sich also Geistauch in Kraft zu arbeiten, sich einen feste»Punkt vorzusetzen und nach ihm zu streben; inKraft der Uebung, sich durch Hindernisse nichtabschrecken zu lassen, sondern durch sie wieneugestärkt zu erscheinen. Geist äußert sichdurch Geschicklichkeit, sich ei» Geschäft, wie einOrgan eigen zu machen und es durchaus zubeleben; Vieles in einem. Eines in Vielem zubemerken, die schwere Regel der Vollkommen-heit einzusehen sind auf sie »»abgewendet zuwirken. Wo dies alles nicht ist, da nenne manden leichten Schwätzer, den üppigen Schwäch-ling nicht Genie, und glaube nie, daß wo Geistfehlet, er je ersetzt werde. Weder durch einenlügenhaften Anstand, noch selbst durch eisernenFleiß, so schätzbar dieser ist, kann er ersetztwerden. Quäle sich niemand Geist zu habenoder zu simuliren, wenn er ihn nicht hat; vie-les läßt sich erzwingen, nur nicht Geist; dertodte Buchstabe kann niemand Geist geben. Alsoauch ihr Jünglinge, hört eine warnende Stim-me: Strebt nicht nach dem, was euch die Na-tur versagt hat, haschet nicht nach Stand undAmt, als ob ihr damit auch den Geist desStandes und Amtes erhieltet. In manchenStücken sind der geistlosen Maschinen so viel,daß man sich vor ihnen nicht zu lassen weiß:ganzen Ständen ist die Ehre durch sie geraubt.Das Wohl des Ganzen bedarf Geist, thätigenGeist, nicht seelenlose Leichname. Aber ein guterGeist muß es sein, der uns belebt, sonst sindwir Dämone, die eine Hölle in sich tragen undaußer sich umher verbreiten. — Bewahre derHimmel eine jede Schule und Akademie, daß sieein solches Pandämonium nicht werde!

Auch das Geschäft dieser Lage regiere Got-tes Geist! die Schule zeige sich als seine edleWerksteine. In allen Klassen mögen glücklicheOrgane dieses Geistes auftreten, gute Jüng-linge in Kenntnissen, Gemüth, Sitten undGeberde! Angesichts mögen vor uns dastehenmit freier Stirn, mit heiterm Auge, und jedeLippe spreche den Ton der wohlgefaßten, über-legten, verständigen Wabrheit. — Jede Klaffe,jede Arbeit zeige, daß sie mit Geist getriebensey, und zwar mit einem guten Geist, mit Ver-stand und Absicht, zur Bildung der Jünglingefür ihr künftiges Leben, zum Wohl der Mensch-heit, zum gemeinen Besten. Jeder Klasse mögedas Zeugniß gegeben werden, daß sie auch die-ses Jahr, so wie an öffentlichen und Privat-fleiß, so auch an guten Sitten, an einem gu-ten Geist zugenommen habe, daß wenn wirdieß Examen beschließen, wir alle mit freudigenHerzen aus diesem Haus und aus den andernSchulen gehen mögen, mit der fröhlichen Ueber-zeugung, daß in ihnen nicht der Geist desMüßiggangs und der Schlenterei, der Unord-nung und Luxune, des Dünkels und der salsch-berühmren Kunst, sondern Geist Gottes wohne!

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