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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
815-816
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Johann Gottfried von Herder.

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V. Ueber den Selbstruhm. — predigt.

Einer der Vorwürfe unserer Religion ist,

M. Z., auch unter andern die sogenannte christ-liche Demuth, die man . so oft mit Feigheit,mit kriechender Niederträchtigkeit, mit unwür- 10diger Wegwerfung sein selbst verwechselt. Diechristliche Religion, sagt man, was gibt sie,was den Geist erhebt? was Funken zu edlerWärme, Sauerteig, zu übertreffender Regsam-keit von Gesinnungen und Thaten in Herz und 15Geblüt mischte? was uns von Kindheit auf einStachel wäre, sich auszuzeichnen, andre zuübertreffen, einer Vollkommenheit nachzueifern,die nicht gemein ist? — Sie bildet vielmehrdie Seele bloß zu leiden, zu erdulden, zu füh- 20len, nicht nur nicht fremde Vollkommenheitenanzustreben, die man nicht hat, auch selbst dienicht sich eingestehen zu dürfen, die man hat.

Sie unterdrücke also den Geist, ermatte denTrieb der Wirksamkeit, schwäche das Gefühl 25einer edlen Würde sein selbst.

Und daher komme alsdenn auch mit derWiderspruch in unsern Sitten, und die uner-trägliche Falschheit, der sich ein jeder fast schul-dig machen müßte; vor den Augen, im Kreise 30des Umganges jener zu erniedrigende Ton der Höf-lichkeit, der sich selbst gleichsam vernichtigt, inder Sprache seiner Person fast kein Ich hat,sich ganz dem andern aufopfert, anheimstellet,unterwirft — ein ganzes lebendiges Kompli- 35menl! ein menschlicher sich bewegender, spre-chender Bückling! Und daß man nachher hinterdem Rücken, in Abwesenheit, in feigem Herzen,in der Einsamkeit sich um so vielmehr über denandern wegsetze, vor dem man sich so sehr er- 40niedrigen mußte; — man fühle nicht bloß sichselbst, wie man etwa sich fühlen solle, sondernfühle sich nur eben im Gegensatz von andern,durch Ueberhebung, durch Verachtung, durchZurücksetzung desselben. Da mit dem wahren 45Verdienst keine wahre offene Ehre verbundensey, und verbunden seyn könne: so müßte selbstdas Verdienst sie sich auf so krummen Wegensuchen, oder sich selbst geben — und so werdedie tiefste Demuth und die unwürdigste Hoffahrt 50eben mit einander gepaaret, und bringen sichwechsclsweise einander hervor.

Allerdings mag nun an dieser Heuchelet)und stolzen Schein - Demuth auch manchmalein Mißbrauch der Religion schuld, oder die 55Religion vielmehr nur unter hundert andernmit die Maske seyn, die der Demuth-Heuch-ler oft zu seinen beliebigen Zwecken wählt.

Da aber überhaupt, was man Sitten desJahrhunderts nennt, nie aus einer, sondern 00aus tausend Ursachen, und langen allmäligenVeranlassungen sich erzeuget — so wäre dieUntersuchung der Ursachen auch dieser Heu-chelsilte, für diesen Ort, für diese Stunde undVersammlung ein zu verflochtener und sehr un- 65gehöriger Plan: so wie es überhaupt schon einefeine und sehr schwebende Untersuchung ist, woWürde sein selbst aufhöre, und Ehrsucht an-fange: edler Stolz erlaubt sey, und wo er un-

würdiger Hochmuth werde? wie weit man sichselbst hochachtend fühlen, uud gleichsam sich an-kündigen könne? und wo man, um nicht selbstim Gefühle gegen sich entsetzlich klein zu werden,von sich schweigen müsse?

Zur letzten so nothwendigen und wichtigenUntersuchung haben wir heut, unserm Text ge-mäß, Veranlassung. Wir werden die Frageuntersuchen können, wie fern jedweder, der ansich selbst zu einem Zweck des Guten arbeitet,sein Gutes und jeden neuen Schritt desselben,mit einer gewissen Würde und Selbstgefühl nichtnur empfinden könne, sondern auch müßte, umAufmunterung und den süßesten Lohn der Tu-gend zu genießen; wo aber dieses edle Gefühlsich von niedrigem Stolz, Schwindel über sichselbst, unterdrückendem Hochmuth gegen andreund Puppeneitelkeit über unrichtige Vorzügehimmelweit unterscheide. — Die Untersuchung,M. Z., kann für keinen gleichgültig seyn, demdie Bildung sein selbst, die Führung seinesHerzens nur auf einem so schmalen Wege zurVollkommenheit irgend ein Ernst geworden.Und wer also auch in Betracht dieser Pflicht,wo uns unser Herz so oft verführt, und wodoch so richtige deutliche Grundregeln unsersVerhaltens uns vorliegen, sich unterrichten, auf-muntern, und in seiner Denkart des Gutenfester und edler werden will: der sammle seineGedanken zu dem Grade von stillem Lichte, indem die Gottheit überzeugend und bessernd anunsern Seelen wirket, u. s. w.

Text: 2 Corinth. 11, v. 19 — 33. Kapitel

12 , 1 - 11 .

Unser Text ist der längste im ganzen Jahr,er erstrecket sich über zwei Kapitel und fast wei-ter; er spricht mit einem Feuer, mit einer ge-drängten Kürze, und — spricht von sich selbst.Es ist eine Lobrede, die Paulus in so langemAthem auf sich selbst hält, da er sich seinenVerläumdern Schritt vor Schritt, Seite vorSeite entgegen setzet und gleichstellet, sich lo-bet, seine Thaten, Leiden, Begebenheiten desLebens an - und durchführet, seine Vorzüge, bisauf die Offenbarung, der er gewürdigt wäre,hermißt; kurz, der längste und lauteste Lob-redner sein selbst wird. So wie nun überhauptvielleicht nichts schwerer ist, als von sich selbstgut zu reden, und nichts seltner ist, als dasBild eines Mannes zu finden, der von sich mitWürde und ohne Hochmuth zu reden weiß, demder Selbstruhm wohlstehe — so werden wirauch jetzt das Vorbild des Apostels nicht bessernutzen können, als wenn wir die Stücke be-merken, die auch sein Selbstlob von dem ge-wöhnlichen Narrenruhm, und den edlen Stolzvon dem kriechenden Dinge, was man Demuthnennet, unterscheiden. .

I. Spricht er von sich, nicht aus Kitzel, nichtaus freiem Triebe, nicht ohne Anlaß, sondernnothgedrungen, aufgefordert, mit äußerstemZwange- Er wiederholt es selbst in die siebenMale, daß es Thorheit, Narrheit wäre, sich