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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
817-818
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Johann Gottfried von Herder.

selbst zu rühmen: er müßte aber jetzt einmal,nicht um feinet-, sondern um ihretwillen, umdes Guten willen, das zerstöret würde, denselbstlobenden Thoren mitmachen.

Offenbar also unterscheidet sich sein Lob vonder Aufgeblasenheit, von dem ewigen Schwindelihrer selbst, mit dem Narren umhergehen undvon sich tönen.

II. Er rettet bloß und verfolgt nicht. Ersagt nur immer: „sie sind das? ich bin's auch-Ich könnte wohl gar noch mehr seyn!" aberer verschwärzet, verläumdet seine Verfolgernicht. Er stellet sich in's Licht, ohne es zurHauptsache zu machen, sie in den tiefsten Schat-ten zu drängen.

Hier gehen also himmelweit die Pfade derWürde, des Gefühls sei» selbst, und des Hoch-muths , des unterdrückenden Neides auseinander.

III. Er behilft sich nicht mit Scheingrün-den, mit guten Meinungen, mit höflichen men-schenliebenden Entschuldigungen, sondern führtlauter Facta an: Thaten, dieser gethan: Be-gebenheiten, in denen er gewesen: Austritte,die jedermann bekannt waren, oder um die sichjedermann erkundigen konnte. Die läßt er fürsich reden, ohne daß er ihnen einspricht: seinRegister an Lobsprüchcn ist eine Kette vonHandlungen, Situationen, Verdiensten —

Hier unterscheidet sich der wahre, gute,männliche Stolz von aller Puppeneitclkeit aufNichtswürdigkeiten und armseliges Blendwerk.

I.

Es gibt Leute, die immer von sich selbstreden, das ist hohle Köpfe, die auf jeden Stoßund Lusthauch tönen, und doch nichts als ihrehohle, ihre Leerheit widertönen — gebornc Lob-sprecher ihrer selbst. Jede Kleinigkeit, die ih-nen begegnet, eben weil sie ihnen begegnet, istwichtig; die Welt muß sie wisse», jede Kleinig-keit von Ruhm im Tone des löblichen Ichswissen, die andern Menschen sind für sie nurOhr.

Zu erklären ist diese Schwachheit endlich,aber sie wird eben dadurch auch, als kleinfügigeSchwachheit offenbar. Jeder lebt am meistenmit sich selbst, geht mir sich am meisten um;natürlich also ist er sich auch der Nächste, derWichtigste, der Beschäftigendste: natürlich alsowird ihm auch jede Kleinigkeit von sich wichtig -denn aus Kleinigkeiten bestehet das ganze Le-ben! - jeder Zug seiner Denkart, seines Le-bens, seiner Begebenheiten, kann ihm nichtgleichgültig seyn — aus solchen bestehet dasganze seines Daseins! Und je mehr nun einsolcher Mensch gleichsam mit sich umgehet, jetiefer und inniger und abgesonderter er sich mitstch selbst beschäftigt, desto wichtiger, desto al-leiniger wird ihm von sich selbst alles; er geht»n Traume von sich umher, und der Traumwird alsdann nur zu oft ein wachender, einsprechender Traum — er dreht sich selbst umseine eigene Idee, alles, die ganze Welt sollssch um sie drehen, wie ungefähr nach jenemalten Wahne Sterne und Sonnen und WeltenUm den einzigen kleinen Erdkloß und Staub-klumpen, die Erde.

Das wäre nun wohl recht gut, wenn's nurMöglich wäre, wenn's nur anginge, daß jedes

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fremde Auge, jedes fremde Ohr an uns so vielAntheil nehmen könnte, als wir selbst. Aberda nun andere eben so gut ihr Ich, ihr wer-thes Selbst, ihren Kreis um sich haben, zu5 dem wir bloß Außengeschöpfe sind: da jede Ameiseim menschlichen Geschlechte zu ihrem Haufen,zu ihrer Republik hinzutragen muß, wie wir fürdie unsrige thu^: da es doch nur äußerst we-nige Augenblicke und Situationen in der Mensch-10 heit gibt, daß sich einer gleichsam in den an-dern verwandelt, ganz sein eigenes Daseyn ver-gißt, um in der Person des andern zu denkenund zu fühlen: so sieht man, welche Anmu-thung eines Narren es sey, jeden Augenblick15 so etwas fordern zu wollen: immer aus seinemSchatze eine Kleinfügigkeit nach der andern her-vorzulangen und zu fordern, der andere sollebloß Werkzeug, bloß Hand sevn, sie zu em-pfangen, es zu vergessen, daß der andere auch20 etwas ist, und so kalt, so fremde, so verschie-den er auch mir uns denke, uns ihm nur zei-gen — wenn etwas leer seyn, hohl seyn ge-nannt werden kann, so ist's dieses!

Wie schwer ist's doch, sich selbst ins Licht25 zu setzen, daß der andere uns siehet, wie wiruns fühlen — — Wer acht gehabt, und in ein-zelnen selbst wichtigen Fällen, die Kälte be-halten hat, zu bemerken, wird nur zu oft denVersuch hierin gemacht haben. Damit der an-30 dere uns, wie wir selbst, fühle; muß er anuns Theil nehme», muß sich für uns erwär-men, muß eine so gleichgestimmte Seele, einso gleichklingendes Herz haben, daß unser Ton,die Saite unsers Herzens, unmittelbar dieselbe35 Saite in dem seinigen erregt, oder es ist mitdem Mittheilen sein selbst die kälteste, erbärm-lichste Sache. Der andere bleibt der kalte Zu-schauer vor einem gleichgültigen Bilde, oderdenkt, empfindet gar anders als wir selbst alles40 sehen und empfinden; je mehr wir uns für undüber uns erwärmen, desto kälter wird der an-dere — in der Welt kann kein Kontrast ver-drießlicher und häßlicher seyn als dieser. Undwie oft, und wie fast allgemein ist er doch!45 Wie äußerst selten sind doch die Augenblicke derErwärmung,, da der andere ganz mit uns undzu uns fühlet, sich gleichsam in unser Wesen,in unsere Denkart verwandelt hat, um unsereGeschichte mit aller Empfindung derselben innig50 zu theilen? Wie selten sind die Augenblicke!und die Freunde, die dergleichen Augenblicke,nur der Beschaffenheit ihres Herzens nach,ben können? die die weiche Fühlbarkeit undBiegsamkeit der Natur haben, sich in das Leben55 der andern nicht hineinzudenken, sondern un-mittelbar hineinzuempsinden! die die zarte Mit-stimmung von Empfindungen besitzen, jeden Tondes Menschlichen, des Guten, des Edlen ausder andern Seele, rn der ihrige» zu fühlen!60 sich über ein fremdes Gute, wie über ihr eige-nes zu freuen! und ihr Leben tausendfach mehrdurch die Glückseligkeit anderer zu genießen. —Wie selten sind solche Seelen! wie selten, daß,wenn und wo sie sind, sie sich begegnen! wie05 selten bei ihrer Begegnung die Augenblicke derwahren Vertauschung der Herzen, der wahrenTheilnchmung! Und wer nun auf alles dasnicht rechnet, wer gegen jede» Fremden, in je-dem fremden Augenblicke seine Geschichte und