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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
821-822
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Johann Gottfried von Herder.

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sichtspunkt, die Sachen anzusehen, durch denTon, auf den man alle seine Urtheile stimmet, -dadurch kann man, wenn man gut denkt, schongnug Gemählde sein selbst geben, ohne daßman's eigentlich drauf anlegte, und sich zurLeinwand und zum Farbenbrete ausdrücklichhinsetzte. Hierin ist also das Vorbild Paulus, zumErsten, Muster: er redste von sich nur gedrun-gen, nur aufgefordert, nicht aus Schwindel,nicht ohne Roth; und so wirds ihm jede edleSeele nachzuthun suchen: stillen Ruhm liebenund es den Thoren überlassen, Trompeten ihrerselbst zu seyn, die zu dem Schalle Lust haben-

ll.

Paulus war hier auf die niedrigste Weise,bey elenden Persönlichkeiten, und eben von Seiteder Persönlichkeiten angegriffen worden, wo derAngriff am meisten zu schmerzen pflegt. Manhatte seine unansehnliche Person lächerlich, seineschwache Beredtsamkeit verächtlich, seine Schick-sale und Amtsverrichtungen niedrig gemacht;sein Ansehen war weg; man scheint ziemlichoffenbare Geringschätzungen schon bewiesen zuhaben. — Das Gerücht vergrößert — und se-het! bei allem verfährt er nur vertheidigend,nur rettend , nicht angreifend, nicht zum Nach-theil anderer. Es ist ihm genug, sich ins Lichtzu setzen, da er's muß, ohne daß es, wie ge-wöhnlich, Hauptton wird, andere in den Schat-ten zu drängen.

Man setze sich einmal in die Person Paulus,und man wird das Schwere dieser Einschrän-kung, dieser Mäßigung fühlen. Ist einmal un-sere Ehre beleidigt, unser Herz und Blut auf-gebracht, unser Zorn im Gange, in Regung.

- Wer bleibt da stehen, wo der Apostel stand?und wo man stehen bleiben sollte? Man stelltsich nicht bloß hin, sondern wirft andere nie-der; tritt nun eben so grausam auf die Köpfederer, die uns verdrängen wollten, mordet,macht, daß nicht bloß unser Gutes wieder her-gestellt wird, sondern am andern gar keinFunke, kein Strich gutes bleibt — man kehrtnicht eher aus dem Felde der Ehre recht zu-frieden zurück, bis man, wie die Wilden inihren Kriegen, die Haut vom Schädel des Fein-des mitbringet.

Das ist doch nun schon immer eine grau-same, menschenfeindliche, beleidigende Denkart,wenn sie auch von der einen Seite noch so sehrrecht hätte, sich noch so beleidigt fühlte. Esist ein wilder Stolz, eine grausame Ruhmsucht,nicht mehr eine edle, sich fühlende Selbstwürde.Und überhaupt gehen Stolz und Hochmuth,edle Würde und unterdrückender Neid, oderGrausamkeit hier am offenbarsten auseinander.Der edle Stolz fühlt sich, der niedrige Hoch-muth fühlt sich nur im Gegensatz anderer. Je-ner ist mit sich zufrieden, und wen» er auchder Einzige auf der Welt wäre; dieser missetsich nur im Grade der Verachtung, Zurück-setzung, Verfolgung anderer. Jener ist edlerBegleiter, Aufmunlerer und Lohn der Lugend

- dieser ein abscheuliches kriechendes Laster. —Wenn bloß die Namen, m. Z., verwechseltwürden, so wäre nichts daran gelegen; aberme Eigenschaften, die Gemüthsarten selbst. —Da ist der Unterschied gar zu schrecklich.

Eine gewisse Würde des Guten an undüber sich selbst zu fühlen — wir wollen nichteinmal fragen, m. Z., ob das dem Menschenerlaubt sei, sondern nur, ob er, wenn er gutseyn, wenn er auf Güte des Herzens arbeitenwill, ob er im geringsten ohne dieselbe, ohnedieß Gefühl des Edlen und Würdigen sey» könne -und das kann er in der That nicht: Sobaldein Mensch mit Fleiß und innerer Wahrheitder Seele zu dem Endzweck strebt, „siehe! sowollte ich gern seyn! mich gxr„ als den Guten,als den Bessern, im Besitz der Gemüthsart,der Ueberwindung, der edlern Wirksamkeit, dergrößer» Stille des Geistes, der fortdauerndenGesinnung fühlen! Diese und jene That möchteich gern, und so lange, und auf solche Weise,und mir dem erreichten Endzweck gethan, michvon dem Fehler, der Unbestandheit mit mirselbst, der Schwachheit, der Zerstreuung befreithaben, und freudig fühlen, daß ich davon freibin!" So bald und lange der Meusch auf die-sen Endzweck strebt, so muß er auch bei jedemSchritte des Sirebens, bei jeder Theilerreichungseines edlen Endzwecks es fühlen, daß, undwie fern er ihn erreicht habe! — es mit L-tolz,mit Wonne, mit Süßigkeit fühlen! — dieseSüßigkeit ihm Aufmunterung und innere Be-lohnung seyn! dieß edle Selbstgefühl, gut, besserzu seyn, als er war, ihn insonderheit auch daaufregen, wo die Erlangung der Lugend, Kampf,Ueberwindung ist. — Und ist das, m. Z., sosehen wir, ein edler, ein würdiger Stolz istnicht bloß ein erlaubter, sondern ein nöthiger,ein unabtrennlicher Gefährte der Tugend undguten Bestrebungen! Er ist es, der dem lech-zenden, ermattenden Wanderer neue Lust, neueKraft und Rege mittheilt, und auch in die Be-strebungen des Lebens, die bittrer Trank wer-den, Seligkeit und Wonne mischet. Er ist dasGefühl der Gesundheit, oder der Genesung,was ja das beste Labsal der Kranken ist, undüber alle Freuden geht, die ihm von Außengegeben werden können. — Das Gefühl, wasuns insonderheit da stärken und aufmunternmuß, wo von Außen unsere Bestrebungen ent-weder zu scheitern oder ins Unermeßliche zuverschwinden scheinen, „wohlan! wenn es auchunerreicht bliebe, wenn es auch mißglückte! sowerde ich doch wenigstens die Zufriedenheit ha-ben, es mißglückt zu sehen, und es doch ge-wollt zu haben! die Rege, die Wirkung, dieThätlichkeit der Seele bleibt mir!«

Ich wüßte auch nicht, m. Z., wer ohnedieses Gefühl von Würde, Werth und innererBelohnungen der Handlungen leben, fortgehen,und doch gut fortgehen könnte? Jener Wirbel-wind von einem Menschen, der immer im Tau-mel ist, und sich nie Zeit nimmt, zu überlegen,was? wie? oder warum er handle? Jene Ko-mödianten menschlicher Gesinnungen, die immersind, wie sie der Schauplatz haben will, aufdem sie spielen, und an sich nichts sind, diedie Maske und Kleidung ihrer Tugend mit je-dem neuen Auftritt verändern, und immer auchnichts als Maske und Kleidung verändert ha-ben. Jene feige, niedrige Seelen, die

gleichsam nie das Herz haben, sich selbst zu ge-stehen , wer sie sind? oder nicht sind? die sichso ganz von Leim- und Koth-Erde fühlen, daß

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