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Johann Gottfried von Herder.
sie sich nie aufrecht erheben können, oder wenn immer anders ist und handelt, als sie sich vor-sie's wagen wollten, gar in Stücken auseinan- nahm, und schon nicht anders seyn und handelnder fallen. - - Bei allen guten Anlagen, kann. Sie ist in einem Moraste, wo sie mitdie dergleichen Menschen haben können, wird jedem neuen Schritte, den sie thut, oder thundoch niemand sagen wollen, daß sie einen ge- 5 will, immer tiefer sinket! — — freilich einwissen Zweck, eine gewisse Stufe des Bestre- elender Zustand!
benS mit sich selbst erreicht haben, zu der der Was ist aber, m. Z., gegen den Zustand
Mensch, jeder auf seiner Stelle in der Welt, noch bei guter Zeit anders zu machen, als nur
doch einmal da und ohne die er würklich Thier die Falschheit, den Zwang, die Unbeständigkeit
ist. Man nehme einem Menschen durchaus das IN der Seele mit sich selbst, zu bestürmen, und
Gefühl weg „das bin ich! das habe ich werden sich selbst treu zu werden, im Guten oder Bö-
wollen, und bin's geworden! das habe ich wer- sen, worin es sey. So verschrieen hier nunden wollen, und habe gesehen, daß ich's nicht, die theologische Sprache sein mag, so ist sie dochoder noch nicht werden kann! das bin ich noch einmal die einzige wahre Sprache, der Menschnicht, darauf arbeite ich aber, es zu werden!" 15'muß mit sich selbst Eins werden, muß Friede,man nehme, sage ich, einem Measchen doch das muß Bestandtheit seiner Handlungen in seinemGefühl, diesen Lichtstrahl einer edlen Besinnung Innern haben, muß sich selbst bekennen, was ersein selbst, einer würdigen Bespieglung in sich thut und will, muß nur kein Heuchler gegenselbst, weg, bei der fortgehenden Reihe seiner sich selbst werden, ehe was aus ihm werdenHandlungen weg — und man hat würklich die 20 kann. Und eben hiermit, m. Z-, sehen wir,Wurzel, die sich fortschlingende Wurzel seiner daß er auch kein Heuchler, etwa des eigenenMenschheit weggenommen, die allein edle Bau- Guten, werden müsse; daß er's eben sowohl
me, edle Stämme von guten Thaten hervor- fühlen könne und dörse und solle, „hier habe
schießen könnte. Es bleibt diesen entarteten, ich gut gehandelt! hier bin ich besser geworden!"unstolzen, unfühlbaren Geschöpfen alsdann nichts 25 als „dort war ich mit mir selbst uneins, dortübrig, als bloß dem Zuge der Triebe, der Sin- handelte ich unwürdig meiner selbst!" Ein Ge-ne, der Gelegenheiten, der Situationen zu fol- fühl wie das andere, gehöret zur innern Auf-gen: er ist alles von außen und nichts mehr richtigkcit und Thätigkeit der Seele, und einevon innen — Thier, aber kein edles, sich selbst warme und wahre Ueberzeugung hierin ist ebenfühlendes, aus edler Besinnung sich selbst zum 30 so wenig Hochmuth oder Selbstsucht, als esGuten sccibestimmendes Geschöpf mehr, was er Hochmuth ist, wenn sich ein Kranker oder Ge-als Mensch sein sollte. An ihm wird der Fluch nesender gesund fühlet, wenn sich ein Mensch
erfüllt: daß er auf seinem Bauch krieche und besinnt, daß er da und ein Mensch ist.
Erde esse sein Lebenlang. Und da, m. Z., der Aber freilich ist's nun eine ganz andre Sache,
Mensch es doch nie ganz zu dieser »»würde, 35 andere Menschen gegen sich zu verachten, her-zu dieser kriechenden Bergeffenheit sein selbst abzusetzen, auch nur im Kleinsten in schivarzenbringen kann: so wird meistens nur der un- Schatten zu drängen. Dich selbst schätzen, eh-
würdige Doppelsinn, die unerträgliche Falsch- ren, aufmuntern, kannst du; wer bist du aber,
heil der Seele daraus, die, wie ich gewiß bin, daß du der Richter und Schätzungs - Meister
der einzige Grund der meisten menschlichen 40 anderer werdest? Dich selbst fühlen, kannst du,Nichtswürdigkeiten und Unarten ist. Die mensch- wie du seyst? oder nicht seyst? fühlst du dich
liche Seele ist niemals ein Teufel, um das aber in der Person anderer?
Böse des Bösen wegen zu wollen; aber sie wird Wir haben zu anderer Zeit gesehen, M. Z-,
nur zu oft sich selbst untreu, unbeständig gegen wie schwer, wie fast unmöglich es sey, daß ein
ihre eigenen Gesinnungen und Ueberzeugungen 45 Mensch der innige, gerechte, allerforschende,und Vorsätze, fällt gleichsam von sich selbst ab, gcnugthuende Richter vom kleinsten Talent,
und wird also kein Teufel, aber eine ihr selbst vom kleinsten Zuge in der Denkart anderer
unwürdige menschliche Seele. Sie handelt ge- werden könne. Er fühlt immer nur sich selbst,gen sich selbst als Betrügerin; vergißt mit er urtheilt immer nur aus seiner Lage, von
Fleiß, was sie zur andern Zeit nie vergessen 50 Seele, von Erziehung, von Denkart, von Ga-wollle; verdrängt und verdunkelt, was sie zu den, von Stand, von Zweck, von Bestimmung,
anderer Zeit für wahr und gut und cinleuch- von Lebensart; er sieht also durch ein äußerst
tend erkannte; macht Ausnahmen, die sie sonst falsches, ungleich gebrochenes, tausendfach zu-
nichr gemacht haben würde, und auch jetzt im sammcngcsetztes Glas — wie kann er recht fest
Grunde ihrer Ueberzeugung noch nicht machen 55 hcn? billiger Richter, allgenugsamcr Beurthei-kann — Kurz, sie spielt mit sich das Spiel ler einer Denkart, eines Lebens, einer Reihe
verbundner Augen, ist untreu, unwahr, krie- Handlungen werden, die er gar nicht kennet,
chend gegen sich selbst. - Und »un kann. m. die ihm gleichsam eine angefühlte, andere,
Z-, wie alle oft wiederholte Berrichtungen in fremde Welt sind? Der einzige^ billige, innige/
der menschlichen Natur, auch dieser Zwang, 60 allgegenwärtig mitfühlende Richter, der Wahs'dieser Doppelsinn, diese unwürdige Falschheit heil, Treue und Tugend in jeder Gestalt, st'
gegen uns selbst, allerdings leider! zu einem jeder Verkleidung kennet, ist Gott; und w'
Grade von Geläufigkeit, von Fertigkeit, von sollen also, schon so allgemein betrachtet, nM'
zweiter Natur gemacht werden, über die wir oder äußerst behutsam richten,
alsdann »ach Jahren von Gewohnheit, nach 65 Allein nun besonders betrachtet, wannReihen von Handlungen bey uns oder bey an- theilen wir auch nur so unpartheyisch und a ^
der» erstaunen müssen - - ej„e untreue, eine gemein, indem wir uns gegen andere
Unbestandheit der Seele mit sich seihst, die schreck- Sobald wir über uns urtheilen, sind ww l
sich ist, die fast nichts ist, was sie seyn will; schon die parlheysche Parthey - der Punkt