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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
825-826
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Johann Gottfried von Herder.

Ehre ist ja fast der zarteste Punkt im mensch-lichen Herzen - und wenn dieser nun garauch nur von fern, nur mit einer Nadelspitzegetroffen wird — Wer ist, der sich da nochgleich bleibe? dem sich nicht alsdann alle gutenSeiten meistens bey einem Gegner verdunkeln,der nur eine unserer guten Seiten schmälert?Der gerechteste Mann kann in solchen Augen-blicken Ungerechtigkeiten, der kälteste und hel-lest« Mann Ungereimtheiten begehen, vor denener sich zu anderer Zeit selbst entsetzet. Auchin den edelsten Seelen wird alsdann die Ehre einSauerteig, der nur zu oft, auch Neid, auchwirklichen Hochmuth, auch Grausamkeit, auchmenschenfeindliche Unterdrückung hervorgähret.

Hier sehen wir also am deutlichsten, wieweit und fern die beyden Wege des Stolzesund Hochmuths auseinander gehen, und wieschwer sie zu erkennen sind? Der Hochmülhigesieht nur immer den Splitter im Auge desandern, und des Balkens in seinem Auge wirder nickt gewahr. Er sucht nur immer Fehler,Nachtheile, Zurückblcibungen auf der Laufbahnanderer, die an ihn grenzen — er erhebt sichnur auf den Trümmern anderer; die wahre,edle, gute Natur genießt sich selbst, und wa-rum sollte sie auch nicht anderer genießen? fühltsich selbst, aber gar nicht aus dem Gegensatze— sie ist, was sie ist, warum sollten's anderenicht auch seyn? warum und wie sollte sie et-was bloß dadurch werden, daß andere nichtssind? wer ist nun von beyden Denkarten mehr?wer ist der einzige Würdige — Muß der nichtschon äußerst wenig eigenen Werth haben, derbloß daher Werth bekommt, daß andere ihnnicht haben-, ist's nicht eine elende Schönheit, dienur im Kreise von Häßlichen schön ist, und einschlechtes Licht, das nur, wie faules Holz, inder Finsterniß glänzet? Hingegen die wahre,edle, gute Natur, die alles für sich selbst ist,und nicht bloß für andere etwas zu sein studi-rct, warum sollte die auch nur von anderneinen mchrcrn Schein borgen? Muß eine hei-tere, blühende, muntere Gesundheit denn bloßan Kranken- und Todtenbetten seyn, um sichlebend und gesund zu fühlen, oder gar allenUmstehenden Krankheit und Tod auf ihre Wan-gen mahlen? oder würde sie sich nicht frei undgesund fühlen, auch wenn niemand anders,auch wenn sie die einzige auf der Welt wäre?und fühlt sie nicht eben ihre Gesundheit, ihreFreude, ihr Daseyn um so mehr, je mehr freu-dige Geschöpfe sie um sich sieht.

Und eben dieß ist der edelste, subtilste Pro-bestein des wahren Stolzes, daß er nämlichvon, mindesten Neide nichts weiß, daß er Ab-gunst und Verkleinerung anderer nicht in sichfühlt. Auf den untern Stufen und in denVorzimmern der Verdienste mögen sich die Kncch-tes-Scelen um einige Zolle von mehrerm Rangezanken; im Kabinette des Verdienstes und derTugend, wer und wie viele dahinein kommen,sie haben alle einen Grad von Hoheit; nur jederhat Hoheit in seinem Kreise, in seiner Gattung,und da wird und will er sich mit andern nichtvergleichen. Selbst der Gedanke kommt ihm,dem wahrhaftig Edcln, nicht ein, sich verglei-chen zu wollen, und »och weit weniger, bloßdadurch zu gewinnen. Es gehört schon ein

großer Grad, eine höhere Stufe des Edlen da-zu, das Edle in andern zu finden, und wer's> überall in den verschiedensten Graden und Denk-arten und Berufsweisen und Verkleidungen,5 und überall auch bei denen, die ihm am näch-sten grenzen, ohne Neid, ohne die mindeste An-wandlung von Neid fühlet - nur der ist Ver-wahre Edle! der einzige Würdige! das Eben-bild der Gottheit! Alle , die noch neiden und1V verkleinern können, kriechen auf den unterstenStufen der Verdienste, und wer bloß von derVerkleinerung anderer lebt — der zeigt, daß erselbst kleiner ist, als alle. Ein Teufel, dervielleicht Engel sein könnte, aber jetzt Teufel15 ist! Ein Morgenstern vom Himmel gefallen,und nun im Abgrunde mit einigen schwachenStrahlen dämmernd.

III

20 Paulus im Text, der sich selbst lobet, führtnicht etwa eine Reihe von Wahngründen, vonschönen Selbstmeynungen, von rühmlichen Aus-kommenheiten und Zierrathen an; sondern lau-- tcr Facta, Handlungen, Begebenheiten — „Da25 bin ich gewesen! das hab' ich gethan! gelitten!erfahren! erduldet! ausgerichtet!" — Schlagauf Schlag! That auf That! Prob auf Probe!Erfahrung auf Erfahrung! das ist unser gan-zer, langer, feuriger Text!

3» Und mich dünkt, das ist auch das einzige,tüchtige Mittel des Selbstruhms, der Ueberzeu-gung an sich und andere, zumal Feinde, zumalNeider. Es ist auch das einzige Mittel, denwahren edlen Stolz von allem abzubiegen, was35 Wahn, Flittergold, kindische und puppenhafteEitelkeit ist. Das Feld der guten Meynungen,des schönen Wahns, des schönen Anscheins istunermeßlich groß, ist sehr lustig anzusehen undzu gehen; aber ein Feld voll unermeßlicher4l> Irrwege. Die Bahn der Thaten, des Seyns,der Erfahrung, ist enge, schmal, rauh, unbe-haglich; aber sie ist die einzige wahre Straße,der einzige gerade Weg zum Ziele. Es ist wohlkein Mensch, m. Z-, der nicht von gewissen45 Seiten und zu gewissen Stunden, ein rechtguter Mensch sey, das ist, er hat einige rechtgute Gedanken, Meynungen, Grundsätze, Ab-sichten, auch wohl Entschlüsse, auch wohl würk-liche Anlage zu Thaten. Solche gute Seiten50 und gute Stunden nimmt man denn nun ge-meiniglich zusammen, wenn man von dem an-dern und am meisten, wenn man von sich selbstein gutes Bild machen will, das ist, wenn mandarauf ausgeht, ein gutes Bild machen zu wol-55 len. Das gute Bild ist alsdann gänzlich aufguten Wahn, auf gute Meinung von sich ge-baut, und diese gute Meinung wieder aus denguten Meinungen einiger guten Stunden, undalso wieder aus purem, eitlem, leerem Wahn6» gcschöpftt. Alsdann sind alle Menschen gut,und welcher unthätige Müßiggänger, welcherwörtliche Bösewicht ist, der sich nicht über die-sen guten Wahn noch immer entsetzlich lobenkönne?

65 Nun aber werden wir's schon finden, M.I., daß dieser Wahn, dieß Aufwallen guterMeynungcn, was man gemeiniglich Sentimcntsnennt, nicht bloß mit der Zeit aus unserm An-denken schwindet, sondern auch mit der Zeit,