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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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835-836
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835 Jmnmiiilcl Kant.

er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte:dafür sorge» schon jene Vormünder, die dieOberaufsicht über sie gütigst auf sich genommenhaben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dummgemacht haben, und sorgfältig verhüteten, daß 5diese ruhigen Geschöpfe einen Schritt außer demGängelwagcn, darin sie sie einsperrte», wagendurften; so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr,die ihnen droht, wenn sie es versuchen alleinzu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so 10groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallenwohl endlich gehen lernen; allein ein Beispielvon der Art macht doch schüchtern, und schrecktgemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen 15schwer, sich aus der ihm beinahe zu Natur ge-wordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Erhat sie sogar lieb gewonnen, und ist vor derHand wirklich unfähig, sich seines eigenen Ver-standes zu bedienen, weil man ihn niemals den 20Versuch davon machen ließ. Satzungen undFormeln, diese mechanischen Werkzeuge einesnernünftigcn Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchsseiner Naturgaben, sind die Fußschellen einerimmerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch 25abwürfe, würde dennoch auch über den schmal-sten Graben einen nur unsichern Sprung thun,weil er zu dergleichen freier Bewegung nichtgewöhnt ist. Daher giebt es nur Wenige, de-nen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung 30ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszu wickeln, und dennoch einen sichern Gang zuthun.

Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre,ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur 35Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich. Denn dawerden sich immer einige Sclbstdenkendc, sogarunter den eingesetzten Vormündern des großenHaufens, finden, welche, nachdem sie das Jochder Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den 40Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenenWerths und des Berufs jedes Menschen, selbstzu denken, um sich verbreiten werden. Beson-ders ist hierbei, daß das Publicum, welcheszuvor von ihnen unter dieses Joch gebracht 45worden, sie hernach selbst zwingt, darunter zubleiben, wenn es von einigen seiner Vormün-der, die selbst aller Aufklärung unfähig sind,dazu aufgewiegelt worden: so schädlich ist es,Vorurthcile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an 50denen selbst rächen, die, oder deren Vorgänger,ihre Urheber gewesen sind. Daher kann einPublicum nur langsam zur Aufklärung gelan-gen. Durch eine Revolution wird vielleichtwohl ein Abfall von persönlichem Dcspotism 55und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Be-drückung, aber niemals wahre Reform der Den-kungsart zu Stande kommen; sondern neueVorurthcile werden, eben sowohl als die alte»,zum Leirbande des gedankenlosen großen Hau- 60fens dienen.

Zu dieser Aufklärung aber wird nichts er-fordert als Freiheit; und zwar die unschädlichsteunter Allem, was nur Freiheit heißen mag,nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stü- 65cken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nunhöre ich aber von allen Seiten rufen: räsonnirtnicht! Der Ofsicier sagt-, räsonnirt nicht, son-dern erercirt! Der Finanzrath: räsonnirt nicht,

sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonnirt nicht,sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in derWelt sagt: räsonnirt, so viel Ihr wollt, undworüber Ihr wollt; aber gehorcht!) Hier istüberall Einschränkung der Freiheit. WelcheEinschränkung aber ist der Aufklärung hinder-lich? welche nicht, sondern ihr wohl gar beför-derlich? Ich antworte: der öffentliche Gebrauchseiner Vernunft muß jederzeit frei sepn, undder allein kann Aufklärung unter den Men-schen z» Stande bringen; der Privatgebrauchderselben aber darf öfters sehr enge eingeschränktseyn, ohne doch darum den Fortschritt der Auf-klärung sonderlich zu hindern. Ich versteheaber unter dem öffentlichen Gebrauche seinereigenen Vernunft denjenigen, den Jemand alsGelehrter von ihr vor dem ganzen Publicumder Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenneich denjenigen, den er in einem gewissen ihmanvertrauten bürgerlichen Posten, oder Amte,von seiner Vernunft machen darf. Nun ist zumanchen Geschäften, die in das Interesse desgemeinen Wesens laufen, ein gewisser Mecha-nism nothwendig, vermittelst dessen einige Glie-der des gemeinen Wesens sich bloß passiv ver-halten müsse», um durch eine künstliche Ein-helligkeit von der Regierung zu öffentlichenZwecken gerichtet, oder wenigstens von der Zer-störung dieser Zwecke abgehalten zu werden.Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, zu rä-sonniren; sondern man muß gehorchen. Sofernsich aber dieser Theil der Maschine zugleich alsGlied eines ganzen gemeinen Wesens, ja sogar,der Wcltbürgergcsellschaft ansieht, mithin in derQualität eines Gelehrten, der sich an ein Pu-blicum im eigentlichen Verstände durch Schrif-ten wendet, kann er allerdings räsonniren,ohne daß dadurch die Geschäfte leiden, zu denener zum Theile als passives Glied angesetzt ist.So würbe es sehr verderblich seyn, wenn einOffizier, dem von seinem Oberen etwas anbe-fohlen wird, im Dienste über die Zweckmäßig-keit oder Nützlichkeit dieses Befehls laut ver-nünfteln wollte; er muß gehorchen. Es kannihm aber billigermaaßcn nicht verwehrt werden,als Gelehrter, über die Fehler im KriegsdiensteAnmerkungen zu machen, und diese seinem Pu-blicum zur Beurtheilung vorzulegen. Der Bür-ger kann sich nicht weigern, die ihm auferlegtenAbgaben zu leisten; sogar kann ein vorwitzigerTadel solcher Auflagen, wenn sie von ihm ge-leistet werden sollen, als ein Skandal (das all-gemeine Widersetzlichkeiten veranlassen könnte)bestraft werden. Eben derselbe handelt dessen-ungeachtet der Pflicht eines Bürgers nicht ent-gegen , wenn er, als Gelehrter, wider die Un-schicklichkeit oder auch Ungerechtigkeit solcherAusschreibungen öffentlich seine Gedanken äußert. HEben so ist ein Geistlicher verbunden, seinenKatechismusschülern und seiner Gemeinde, nachdem Symbol der Kirche, der er dient, seinenVortrug zu thun: denn er ist auf diese Be-dingung angenommen worden. Aber als Ge-lehrter hat er volle Freiheit, ja sogar den Be-ruf dazu, alle seine sorgfältig geprüften undwohlmeinenden Gedanken über das Fehlerhaftein jenem Symbol, und Vorschläge wegen bes-serer Einrichtung des Religions - und Kirchen-wesens, dem Publicum mitzutheilen. Es >si