15
16
Johann Wolfgang von Göthe.
Es sollte ein Obelisk vor der Kirche Drinit««lol »iviits aufgerichtet werden. Das Publikumwar nicht sehr damit zufrieden, theils weil derPlatz eng ist, theils weil man dem kleinen Obe-lisk, um ihn in eine gewisse Höhe zu bringen,ein sehr hohes Piedestal unterbauen mußte. Esnahm daher einer den Anlaß, ein großes weißesPiedestal als Mütze zu tragen, auf welchemoben ein ganz kleiner rölhlicher Obelisk befestigtwar. An dem Piedestal standen große Buch-staben, deren Sinn vielleicht nur wenige er-riethen.
Kutschen.
Indessen die Masken sich vermehren, fahrendie Kutschen nach und nach in den Corso hin-ein, in derselben Ordnung, wie wir sie obenbeschrieben haben, als von der sonn- und sest-tägigcn Spazierfahrt die Rede war, nur mitdem Unterschied, daß gegenwärtig die Fuhr-werke, welche vom Venetianischen Palast an derlinken Seite herumfahren, da wo die Straßedes Corso aufhört, wenden und sogleich an derandern Seite wieder Herauffahren.
Wir haben schon oben angezeigt, daß dieStraße, wenn man die Erhöhungen für dieFußgänger abrechnet, an den meisten Ortenwenig über drei Wagenbreiten hat.
Die Seitenerhöhungen sind alle mit Gerü-sten versperrt, mit Stühlen besetzt und vieleZuschauer haben schon ihre Plätze eingenommen.An Gerüsten und Stühlen geht ganz nahe eineWagenreihe hinunter und an der andern Seilehinauf. Die Fußgänger sind in eine Breitevon höchstens acht Fuß zwischen den beiden Rei-hen eingeschlossen: jeder drängt sich hin- undherwäris so gut er kann, und von allen Fen-stern und Balconen sieht wieder ein? gedrängteMenge auf das Gedränge herunter.
In den ersten Lagen sieht man meist nurdie gewöhnlichen Equipagen; denn jeder ver-span auf die folgenden, was er Zierliches oderPrächtiges allenfalls aufführen will. GegenEnde des Carnevals kommen mehr offene Wa-gen zum Vorschein, deren einige sechs Sitzehaben: zwei Damen sitzen erhöht gegen einan-der über, so daß man ihre ganze Gestalt sehenkann, vier Herren nehmen die vier übrige»Sitze der Winkel ein, Kutscher und Bedientesind maskirt, die Pferde mit Flor und Blumengeputzt.
Oft steht ein schöner, weißer, mit rosen-farbenen Bändern gezierter Pudel dem Kutscherzwischen den Füßen, an dem Geschirre klingenSchellen, und die Aufmerksamkeit des Publi-kums wird einige Augenblicke auf diesen Aufzuggeheftet.
Man kann leicht denken, daß nur schöneFrauen sich so vor dem ganzen Volke zu erhö-hen wagen, und daß nur die Schönste ohneGesichtsmaske sich sehen läßt. Wo sich den»aber auch der Wagen nähert, der gewöhnlichlangsam genug fahren muß, sind alle Augendarauf gerichtet, und sie hat die Freude vonmanchen Seiten zu hören: 0 guniilu u t>olla.
Ehemals sollen diese Prachtwagen weit häu-figer und kostbarer, auch durch mythologischeund allegorische Vorstellungen interessanter ge-wesen sein; neuerdings aber scheinen die Vor-
nehmer», es sey nun aus welchem Grunde eswolle, verloren in dem Ganzen, das Vergnü-gen, das sie noch bei dieser Feierlichkeit finden,mehr genießen, als sich vor andern auszeichnenü zu wollen.
Je weiter das Carneval vorrückt, desto lu-stiger sehen die Equipagen aus.
Selbst ernsthafte Personen, welche unmas-kirt in den Wagen sitzen, erlauben ihren Kut-10 schern und Bedienten sich zu maskiren. DieKutscher wählen meistentheils die Frauentracht,und in den letzten Lagen scheinen nur Weiberdie Pferde zu regieren. Sie sind oft anständig,ja reizend gekleidet; dagegen macht denn auch15 ein breiter häßlicher Kerl, in völlig neumodi-schem Putz, mit hoher Frisur und Federn, einegroße Carricatur; und wie jene Schönheiten ihrLob zu hören hatten, so muß er sich gefallenlassen, daß ihm einer unter die Nase tritt und20 ihm zuruft: „O Brüderchen, was für ein häß-liches Mensch bist du!"
Gewöhnlich erzeigt der Kutscher einer odereinem Paar seiner Freundinnen den Dienst,wenn er sie im Gedränge antrifft, sie auf den25 Bock zu heben. Diese sitzen denn gewöhnlichin Mannslracht an seiner Seite, und oft gau-keln dann die niedlichen PulcineUbeinchen mitkleinen Füßchen und hohen Absätzen den Vor-übergehenden um die Köpfe.
30 Eben so machen es die Bedienten und neh-men ihre Freunde und Freundinnen hinten aufden Wagen, und es fehlt nichts, als daß siesich noch, wie auf den Englischen Landkutschen,oben auf den Kasten setzten.
35 Die Herrschaften selbst scheinen es gerne zusehen, wenn ihre Wagen recht bepackt sind;alles ist in diesen Tagen vergönnt und schicklich.
Gedränge.
40
Man werfe nun einen Blick über die langeund schmale Straße, wo von allen Balconenund aus allen Fenstern, über lange herabhän-gende bunte Teppiche, gedrängte Zuschauer auf45 die mit Zuschauern angefüllten Gerüste, aufdie langen Reihen besetzter Stühle an beidenSeilen der Straßen Herunterschauen. ZweiReihen Kutschen bewegen sich langsam in demmittlern Raum, und der Platz, den allenfalls50 eine dritte Kutsche einnehme» könnte, ist ganzmit Menschen ausgefüllt, welche nicht hin undwieder gehen, sondern sich hin und wiederschieben. Da die Kutschen, so lang es nurmöglich ist, sich immer ein wenig von einander65 abhalten, um nicht bei jeder Stockung gleich »aus einander zu fahren, so wagen sich viele derFußgänger, um nur einigermaßen Luft zu sch^pfrn, aus dem Gedränge der Mitte zwischs»die Räder des vorauüfahrenbcn und die Deichs,60 und Pferde des nachfahrenden Wagens, und ssgrößer die Gefahr und Beschwerlichkeit der Fuß'gänger wird, desto mehr scheint ihre Laune u»Kühnheit zu steigen.
Da die meisten Fußgänger, welche S»»ssl^65 den beiden Kutschenreihen sich bewegen, um mGlieder und Kleidungen zu schonen, die R»und Achsen sorgfältig vermeiden; so lasst» lgewöhnlich mehr Platz zwischen sich u»oWage», als nöthig ist; wer nun mit der la s