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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Gvthc.

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das Extrem eines physischen und geistigen Lei-dens hier dargestellt ist.

Hingegen wird manchem paradox scheinen,wenn ich behaupte, daß diese Gruppe auch zu-gleich .anmuthig sey. Hierüber also nur einige 5Worte:

Jedes Kunstwerk muß sich als ein solchesanzeigen, und das kann es allein durch das,was wir sinnliche Schönheit oder Anmuth nennen.

Die Alten, weit entfernt von dem modernen 10Wahne, daß ein Kunstwerk dem Scheine nachwieder ein Naturwerk werden muffe, bezeich-neten ihre Kunstwerke als solche durch gewählteOrdnung der Theile; sie erleichterten dem Augedie Einsicht in die Verhältnisse durch Symme- 15trie, und so ward ein verwickeltes Werk faßlich.Durch eben diese Symmetrie und durch Gegcn-stellungen wurden in leisen Abweichungen diehöchsten Conkraste möglich. Die Sorgfalt derKünstler, mannigfaltige Massen gegen einander 20zu stellen, besonders die Extremitäten der Kör-per bei Gruppen gegen einander in eine regel-mäßige Lage zu bringen, war äußerst überlegtund glücklich, so daß ein jedes Kunstwerk, wennman auch von dem Inhalt abstrahirt, wenn 25man in der Entfernung auch nur die allge-meinsten Umrisse sieht, noch immer dem Augeals ein Zierrath erscheint. Die alten Vasengeben uns hundert Beispiele einer solchen an-muthigen Gruppirung, und es würde vielleicht 50möglich seyn, stufenweise von der ruhigsten Va-sengruppe bis zu der höchst bewegten des Laokoondie schönsten Beispiele einer symmetrisch künst-lichen, den Augen gefälligen Zusammensetzungdarzulegen. Ich getraue mir daher nochmals 35zu wiederholen: daß die Gruppe des Laokoon,neben allen übrigen anerkannten Verdiensten,zugleich ein Muster sey von Symmetrie undMannigfaltigkeit, von Ruhe und Bewegung,von Gegensätzen und Stufengängen, die sich 40zusammen, theils sinnlich theils geistig, demBeschauer darbieten, bei dem hohen Pathos der.Vorstellung eine angenehme Empfindung erre-gen und den Sturm der Leiden und Leidenschaftdurch Anmuth und Schönheit mildern. 45

Es ist ein- großer Vortheil für ein Kunst-werk, wenn es selbstständig, wenn es geschlossenist. Ein ruhiger Gegenstand zeigt sich bloß inseinem Dasein, er ist also durch und in sichselbst geschlossen. Ein Jupiter mit einem Don- 50nerkeil im Schooß, eine Juno, die auf ihrerMajestät und Frauenwürde ruht, eine in sichversenkte Minerva sind Gegenstände, die gleich-sam nach außen keine Beziehung haben, sie ru-hen auf und in sich und sind die ersten, liebsten 55Gegenstände der Bildhauerkunst. Aber in demherrlichen Cickcl des mythischen Kunstkrcises,in welchem die einzelnen selbstständigcn Naturenstehen und ruhen, giebt es kleinere Cirkel, wodie einzelnen Gestalten in Bezug auf andere 60gedacht und gearbeitet sind. Z. E- die neunMusen mi; jhrxm Führer Apoll, ist jede fürsich gedacht und ausgeführt, aber in dem gan-zen niannichfaltigen Chor wird sie noch interes-santer. Geht die Kunst zum leidenschaftlich 65Bedeutenden über, so kann sie wieder auf die-selbe Weise handeln: sie siegt uns entwedereinen Kreis von Gestalten dar, die unter einan-der einen leidenschaftlichen Bezug haben, wie

Riobc mit ihren Kindern, verfolgt von Apollund Diana; oder sie zeigt uns in Einem Werkedie Bewegung zugleich mit ihrer Ursache. Wirgedenken hier nur des anmuthigen Knaben, dersich den Dorn aus dem Fuße zieht, der Ringer,zweier Gruppen von Faune» und Nymphen inDresden, und der bewegten herrlichen Gruppedes Laokoon.

Die Bildhauerkunst wird mit Recht so hochgehalten, weil sie die Darstellung auf ihrenhöchsten Gipfel bringen kann und muß, weilsie den Menschen von allem, was ihm nichtwesentlich ist, entblößt. So ist auch bei dieserGruppe Laokoon ein bloßer Name; von feinerPriesterschaft, von seinem trojanisch-nationellen,von allem poetischen und mythologischen Bei-wcsen haben ihn die Künstler entkleidet; er istnichts von allem wozu ihn die Fabel macht, ^esist ein Vater mit zwei Söhnen, in Gefahr zweigefährlichen Thieren unterzuliegen. So sindauch hier keine göltergesandten, sondern bloßnatürliche Schlangen, mächtig genug einigeMenschen zu überwältigen, aber keineswegs,weder in ihrer Gestalt noch Handlung, außer-ordentliche, rächende, strafende Wesen. IhrerNatur gemäß schleichen sie heran, umschlingen,schnüren zusammen, und die eine beißt erst ge-reizt. Sollte ich diese Gruppe, wepn mir keineweitere Deutung derselben bekannt wäre, er-klären, so würde ich sie eine tragische Idyllenennen. Ein Vater schlief neben seinen beidenSöhnen, sie wurden von Schlangen umwundenund streben nun erwachend, sich aus dem leben-digen Netze loszureißen.

Aeußerst wichtig ist dieses Kunstwerk durchdie Darstellung des Moments. Wenn ein Werkder bildenden Kunst sich wirklich vor dem Augebewegen soll, so muß ein vorübergehender Mo-ment gewählt sein; kurz vorher darf kein Theildes Ganzen sich iu dieser Lage befunden haben,kurz nachher muß jeder Theil genöthigt seyn,diese Lage zu verlassen; dadurch wird das WerkMillionen Anschauern immer wieder neu leben-dig seyn.

Um die Intention des Laokoon recht zufassen, stelle man sich in gehöriger Entfernung,mit geschloßnen Augen, davor; man öffne sie undschließe sie sogleich wieder, so wird man den ganzenMarmor in Bewegung sehen, man wird fürch-ten, indem man die Augen wieder öffnet, dieganze Gruppe verändert zu finden. Ich möchtesagen, wie sie jetzt dasteht, ist sie ein sirft'terBlitz, eine Welle, versteinert im Augenblickeda sie gegen das Ufer anströmt. Dieselbe Wir-kung entsteht, wenn man die Gruppe Nachtsbei der Fackel sieht.

Der Zustand der drei Figuren ist mit derhöchsten Weisheit stufenweise dargestellt; dcälteste Sohn ist nur an den Extremitäten ver-strickt, der zweite öfters umwunden, besonderist ihm die Brust zusammengeschnürt; durchBewegung des rechten Arms sucht er sichzu machen, mit der Linken drängt er sanft dKopf der Schlange zurück, um sie abzuhaltr -daß sie nicht noch einen Ring um die Drziehe; sie ist im Begriff unter der Hand w Lzuschlüpfen, keineswegs aber beißtDer Vater hingegen will sich und die K»>

. von diesen Umstrickungen mir Gewalt befre '