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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgaug von Gvthe.

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machen, ist eben so unzuverlässig, und wenigewerde» uns daher verargen, wenn wir den Blickvon der Wiege so mancher Nationen weg unddahin wenden, wo uns eine erfreuliche Jugendentgegen kommt.

Die Griechen, welche zu ihren Naturbetrach-tungen aus den Regionen der Poesie herüberkamen, erhielten sich dabei noch dichterische Ei-genschaften. Sie schauten die Gegenstände tüch-tig und lebendig und fühlten sich gedrungen,die Gegenwart lebendig auszusprcchen. Suchensie sich darauf von ihr durch Reflexion loszu-winden, so kommen sie wie jedermann in Ver-legenheit, indem sie die Phänomene für denVerstand zu bearbeiten denken. Sinnliches wirdaus Sinnlichem erklärt, dasselbe durch dasselbe.Sie finden sich in einer Art von Cirkel undjagen das Unerklärliche immer vor sich her imKreise herum.

Der Bezug zu dem Aehnlichen ist das ersteHülfsmittel, wozu sie greifen. Es ist bequemund nützlich, indem dadurch Symbole Entstehenund der Beobachter einen dritten Ort außer-halb des Gegenstandes findet; aber es ist auchschädlich, indem das, was man ergreifen will,sogleich wieder entwischt, und das, was mangesondert hat, wieder zusammen" fließt.

Bei solchen Bemühungen fand man garbald, daß man nothwendig aussprechcn müsse,was im Subject vorgeht, was für ein Zustandin dem Betrachtenden und Beobachtenden er-reg! wird. Hierauf entstand der Trieb, dasAeußere mit dem Innern in der Betrachtungzu vereinen; welches freilich'mitunter auf eineWeise geschah, die uns wunderlich, abstrus undunbegreiflich vorkommen muß. Der Billigewird jedoch deßhalb nicht übler von ihnen den-ken, wenn er gestehen muß, daß es uns, ihrenspäten Nachkommen, oft selbst nicht besser geht.

Aus dem, was uns von den Pythagoräernüberliefert wird, ist wenig zu lernen. Daß sieFarbe und Oberfläche mit Einem Worte be-zeichnen, deutet auf ein sinnlich gutes aber dochnur gemeines Gewahrwerden, das uns von dertieflrn Einsicht in das Penerrative der Farbeablenkt. Wenn auch sie das Blaue nicht nen-nen, so werden wir abermals erinnert, daßdas Blaue mit dem Dunkeln und Schartigendergestalt innig verwandt ist, daß man es langeZeit dazu zählen konnte.

Die Gesinnungen und Meinungen Demo-kril's beziehen sich auf Forderungen einer er-höhten geschärften Sinnlichkeit und neigen sichzum Oberflächlichen. Die Unsicherheit der Sin-"e wird anerkannt; man findet sich genöthigt,"ach einer Conlrole umherzuschauen, die aberNicht gefunden wird. Denn anstatt bei der"Verwandtschaft der Sinne nach einem ideellen, w» aufzublicken, in dem sich alle vereinigten,

wird das Gesehene in ein Getastetes verwan-delt, der schärfste Sinn soll sich in den stumpf-

en auflösen, uns durch ihn begreifliche,en. Daher entsteht Ungewißheit anstatt einerGewißheit. Die Farbe ist nicht, weil sie nicht^tastet werden kann, oder sie ist nur in sofern,^ sie allenfalls tastbar werden könnte. Daherd>e Symbole von dem Tasten hergenommenwerden. Wie sich die Oberflächen glatt, rauh,lcharf, eckig und spitz finden, so entspringen auch

die Farben aus diesen verschiedenen Zuständen.Auf welche Weise sich aber hiermit die Behaup-tung vereinigen lasse, die Farbe sei ganz kon-ventionell, getrauen wir uns nicht aufzulösen,s Denn sobald eine gewisse Eigenschaft der Ober-fläche eine gewisse Farbe mit sich führt, so kannes doch hier nicht ganz an einem bestimmtenVerhältniß fehlen. >

Betrachten wir nun Epikur und Lucrez,10 so gedenken wir einer allgemeinen Bemerkung,daß die originellen Lehrer immer noch das Un-auflösbare der Aufgabe empfinden, und sich ihrauf eine naive gelenkt Weise zu nähern suchen.Die Nachfolger werden schon didaktisch, und15 weiterhin steigt das Dogmatische bis zum In-toleranten-

Auf diese Weise möchten sich Demokrit,Epikur und Lucrez verhalten. Bei dem Letzternfinden wir die Gesinnung der Erster», aber20 schon als Uebcrzeugungsbekenntniß erstarrt undleidenschaftlich parteiisch überliefert.

Jene Ungewißheit dieser Lehre, die wir schonoben bemerkt, verbunden mit solcher Lebhaftig-keit einer Lchrüberlieferung, läßt uns den Ue-25 bergang zur Lehre der Pyrrhonier finden. Die-sen war alles ungewiß, wie es jedem wird, derdie zufälligen Bezüge irdischer Dinge gegen ein-ander zu seinem Hauptaugenmerk macht; undam wenigsten wäre ihnen zu verargen, daß sie30 die schwankende, schwebende, kaum zu erhä-schende Farbe für ein unsicheres, nichtiges Me-teor ansehen; allein auch in diesem Punkte istnichts von ihnen zu lernen, als was man mei-den soll.

35 Dagegen nahen wir uns dem Empedoklesmit Vertrauen und Zuversicht. Er erkenntein Aeußeres an, die Materie; ein Inneres, dieOrganisation. Er läßt die verschiedenen Wir-kungen der ersten, das mannigfaltig Versloch-40 tene der andern, gelten. Seine „Poren" machenuns nicht irre. Freilich entspringen sie aus dergemein-sinnlichen Vorstellungsart. Ein Flüssi-ges soll sich bestimmt bewegen; da muß es jawohl eingeschlossen sein, und so ist der Canal45 schon fertig. Und doch läßt sich bemerken, daßdieser Alte gedachte Vorstellung kcincsweges soroh und körperlich genommen habe, als mancheNeuere; daß er vielmehr daran nur ein beque-mes faßliches Svmbol gefunden. Denn die Art,50 wie das Aeußere und Innere eins für das an-dere da ist, eins mit dem andern übereinstimmt,zeugt sogleich von einer höher» Ansicht, diedurch jenen allgemeinen Satz: Gleiches werdenur von Gleichem erkannt, noch geistiger er-55 scheint.

Daß Zeno, der Stoiker, auch irgendwosichern Fuß fassen werde, läßt sich denken. Je-ner Ausdruck: die Farben seien die ersten Sche-matismen der Materie, ist uns sehr willkom-60 men. Denn wenn diese Worte im antikenSinne auch das nicht enthalten, was wir hin-einlegen könnten, so sind sie doch immer bedeu-tend genug- Die Materie tritt in die Erschei-nung, sie bildet, sie gestaltet sich. Gestalt be-65 zieht sich "uf ei» Gesetz und nun zeigt sich inder Farbe, in ihrem Bestehen und Wechseln,ei« Naturgesetzjjches sust's Auge, von keinemandern Sinne leicht unterscheidbar.

Roch willkommner tritt uns bei Plato jede