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67 Johann Wolf
tharinenpforte, ein ehemaliges Thor, und seitErweiterung der Stadt ein offener Durchgang.Hier hatte man glücklich bedacht, daß die äußereHerrlichkeit der Welt, seit einer Reihe vonZähren, sich immer mehr in die Höhe undBreite ausgedehnt. Man halte gemessen undgefunden, daß durch diesen Thorweg, durchwelchen so mancher Fürst und Kaiser aus- undeingezogen, der jetzige kaiserliche Staatswagen,ohne mit seinem Schnitzwerk und andern Aeu-ßerlichkeitcn anzustoßen, nicht hindurchkommenkönne. Man berathschlagte, und zu Vermei-dung eines unbequemen Umwegs entschloß mansich das Pflaster aufzuheben, und eine sanfteAb- und Auffahrt zu veranstalten. Zn ebendem Sinne halte man auch alle Wetterdächerder Läden und Buden in den Straßen ausge-holten, damit weder die Krone noch der Adler,noch die Genien Anstoß und Schaden nehmenmöchten.
So sehr wir auch, als dieses kostbare Ge-fäß mit so kostbarem Inhalt sich uns näherte,auf die hohen Personen unsere Augen gerichtethatten, so konnten wir doch nicht umhin, un-sern Blick aus die herrlichen Pferde, das Ge-schirr und dessen Posament-Schmuck zu wen-den; besonders aber fielen uns die wunderlichen,beide auf den Pferden sitzenden, Kutscher undLorreiler auf. Sie sahen wie aus einer an-dern Nation, ja wie aus einer andern Welt,in langen, schwarz- und gelbsammtnen Röckenund Kappen mir großen Federbüschen, nach kai-serlicher Hofsitte. Nun drängte sich so vielzusammen, daß man wenig mehr unterscheidenkonnte. Die Schweizergarde zu beiden Seite»des Wagens, der Erbmarschall, das sächsischeSchwert aufwärts in der rechten Hand haltend,die Fcldmarschälle als Anführer der kaiserlichenGarden hinter dem Wagen reitend, die kaiser-lichen Edelknaben in Masse und endlich dieHalschiergarde selbst, in schwarzsammtnen Flü-Helröcken, alle Nälhe reich mit Gold galonirt,darunter rothe Leibröcke und ledcrsarbne Cami-sole, gleichfalls reich mit Gold besetzt. Mankam vor lauter Sehen, Deuten und Hinweisengar nicht zu sich selbst, so daß die nicht minderprächtig gekleideten Leibgarden der Churfürstenkaum beachtet wurden, ja wir hätten uns viel-lelchl von den Fenstern zurückgezogen, wennwir nicht noch unsern Magistrat, der in fünf-zehn zweispännigcn Kutschen den Zug beschloß,und besonders in der letzten den Ralhsschrcibcrmir den Stadlschlüffeln aus rothsammlenemKiffen hätte» in Augenschein nehmen wollen.Daß unsere Stadkgrenadier-Compagnie dasEnde deckte, däuchre uns auch ehrenvoll genug,und wir fühlten uns als Deutsche und alsFrankfurter von diesem Ehrentag doppelt undhöchlich erbaut.
Wir halten in einem Hause Platz genom-men, wo der Aufzug, wenn er aus dem Domzurückkam, ebenfalls wieder an uns vorbeimußte. Des Gottesdienstes, der Musik, derCeremonien und Feyerlichkeiten, der Anredenund Antworten, der Vortrüge und Vorlesun-gen waren in Kirche, Chor und Conclave soviel, bis es zur Beschwörung der Wahlkapitu-lation kam, daß wir Zeic genug halten, einevortreffliche Kollation einzunehmen, und auf
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die Gesundheit des alten und jungen Herr-schers manche Flasche zu leeren. Das Gesprächverlor sich indeß, wie es bei solchen Gelegen-heiten zu gehen pflegt, in die vergangene Zeit,5 und es fehlte nicht an bejahrten Personen, wel-che jener vor der gegenwärtigen den Vorzuggaben, wenigstens in Absicht auf ein gewissesmenschliches Interesse und einer leidenschaftlichenTheilnahme, welche dabei vorgewaltet. Bei10 Franz des Ersten Krönung war noch nicht al-les so ausgemacht, wie gegenwärtig; der Friedewar noch nicht abgeschlossen, Frankreich, Ehur-Brandenburg und Churpfalz widersetzten sichder Wabl; die Truppen des künftigen Kaisers15 standen bei Heidelberg, wo er sein Hauptquar-tier hatte, und fast wäre» die von Aachen her-aufkommenden Reichs-Jnsignien von den Pfäl-zern weggenommen worden. Indessen unter-handelte mau doch, und nahm von beiden Sei-20 len die Sache nicht aufs strengste. Maria The-resia selbst, obgleich in gesegneten Umständen,kommt, um die endlich durchgesetzte Krönungihres Gemahls in Person zu sehen. Sie trafin Aschaffenburg ein und bestieg eine Jacht,25 um sich »ach Frankfurt zu begeben. Franz,von Heidelberg aus, denkt seiner Gemahlin zubegegnen, allein er kommt zu spät, sie ist schonabgefahren. Ungekannt wirft er sich in einenkleinen Nachen, eilt ihr nach, erreicht ihr Schiff,50 und das liebende Paar erfreut sich dieser über-raschenden Zusammenkunft. Das Mährchendavon verbreitet sich sogleich, und alle Weltnimmt Theil an diesem zärtlichen, mit Kindernreich gesegneten Ehepaar, das seit seiner Ver-35 bindung so unzertrennlich gewesen, daß sie schoneinmal auf einer Reise von Wien nach Florenzzusammen an der Venetianischen Grenze Qua-rantäne halten müssen. Maria Theresia wirdin der Stadt mit Jubel bewillkommt, sie be-40 tritt den Gasthof zum Römischen Kaiser, in-dessen auf der Bornheimer Heide das großeZelt, zum Empfang ihres Gemahls, errichtetist. Dort findet sich von den geistlichen Chur-fürsten nur Mainz allein, von den Abgcordne-45 ten der weltlichen nur Sachsen, Böhmen undHannover. Der Einzug beginnt, und was ihman Vollständigkeit und Pracht abgehen mag,ersetzt reichlich die Gegenwart einer schönenFrau. Sie steht aus dem Balcon des wohlge-50 legencn Hauses und begrüßt mir Vivatruf undHändeklatschen ihren Gemahl: das Volk stimmteein, zum größten Enthusiasmus aufgeregt. Dadie Großen nun auch einmal Menschen sind, stdenkt sie der Bürger, wenn er sie lieben wm,55, als seines Gleichen, und das kann er am füü°liebsten, wenn er sie als liebende Galten, al»zärtliche Eltern, als anhängliche Geschwisterals treue Freunde sich vorstellen darf. Manhatte damals alles Gute gewünscht und00 pkczeit und heute sah man es erfüllt an dcerstgebornen Sohne, dem jedermann wegseiner schönen Jünglingsgestalt geneigt wa 'und auf den die Welt, bei den hohen Eigschaften, die er ankündigte, die größten65 nungen setzte. ^jc
Wir hatten uns ganz in die Vergangeneund Zukunft verloren, als einige hereintre ^Freunde uns wieder in die Gegenwart s" ^riefen. Sie waren von denen, die den ew