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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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«9 Iosiann Wolfgcuig von Göthc.

einer Neuigkeit einsehen, und sich deßwegenbeeilen, sie zuerst zu verkündigen. Sie wußtenauch einen schonen menschlichen Aug dieser hohenPersonen zu erzählen, die wir so eben in demgrößten Prunk vorbeiziehen gesehen. Es warnämlich verabredet worden, daß unterwegs,zwischen Heusenstamin und jenem großen Ge-zelle, Kaiser und König den Landgrafen vonDarmstadt im Wald antreffen sollten. Dieseralte, dem Grabe sich nähernde Fürst wolltenoch einmal den Herrn sehen, dem er in frü-herer Zeit sich gewidmet. Beide mochten sichjenes Tages erinnern, als der Landgraf dasDekret der Churfürsten, das Franzen zum Kai-ser erwählte, nach Heidelberg überbrachte, unddie erhaltene» kostbaren Geschenke mit Betheu-rung einer unverbrüchlichen Anhänglichkeit er-wiederte. Diese hohen Personen standen in ei-nem Tannicht, und der Landgraf, vor Alterschwach, hielt sich an eine Fichte, um das Ge-spräch noch länger fortsetzen zu können, dasvon beiden Theilen nicht ohne Rührung ge-schah. Der Platz ward nachher auf eine un-schuldige Weise bezeichnet, und wir jungenLeute sind einigemal hingemandert.

So hatten wir mehrere Stunden mit Er-innerung des Alten, mir Erwägung des Neuenhingebracht, als der Zug abermals, jedoch abge-kürzt und gedrängter, vor unsern Augen vorbei-wogte; und wir konnten das Einzelne näherbeobachten, bemerken und uns für die Zukunfteinprägen.

Bon dem Augenblick an war die Stadt inunterbrochener Bewegung; denn bis alle undjede, denen es zukommt und von denen es ge-fordert wird, den höchsten Häuptern ihre Auf-wartung gemacht und sich einzeln denselbendargestellt harren, war des Hin- und Wieder-ziehens kein Ende, und man konnte den Hof-staat eines jeden der hohen Gegenmärtiaen ganzbequem im Einzelnen wiederholen.

Nun kamen auch die Reichs-Jnsignien her-an. Damit es aber auch hier nicht an herge-brachten Händeln fehlen möge, so mußten sieauf freiem Felde den Halden Tag bis in diespäte Nacht zubringen, wegen einer Territorial-u»d Geleiisstreitigkeit zwischen Chur-Mainz undder Stadt. Die letzte gab nach, die Mainzi-fchen geleiteten die Jnsignien bis an den Schlag-baum, und somit war die Sache für dicßmalabgethan. ----------

Der Kronungstag brach endlich an, den 3.«pril 1764; das Wetter war günstig und alle-Menschen in Bewegung. Man hatte mir, nebstAshrern Verwandten und Freunden, in demKömer selbst, in einer der obern Etagen, einenguten Mäh angewiesen, wo wir das GanzeUollkomme» übersehen konnten. Mit dem frü-hsten begaben wir uns an Ort und Stelle,nd beschauten nunmehr von oben, wie in der^ugelperspektive, die Anstalten, die wir Tags2 ?uher j„ „qhrrn Augenschein genommen hatten.

a war der neuerrichtete Springbrunnen mit°wei großen Kufen rechts und links, in welche

- ^pptladler auf dem Ständer, weißenein huben und rothen Wein drüben aus sei-scb" Schnäbeln ausgicßen sollte. Aufge-l,j "^et zu einem Haufen lag dort der Hafer,e stand die große Bretlerhülte, in der man

schon einige Tage den ganzen fetten Ochsen aneinem ungeheuren Spieße bei Kohlenfeuer bra-ten und schmoren sah. Alle Zugänge, die vomRömer aus dahin, und von andern Straßen5 nach dem Römer führen, waren zu beide» Sei-ten durch Schranken und Wachen gesichert.Der große Platz füllte sich nach und nach, unddas Wogen und Drängen ward immer stär-ker und bewegter, weil die Menge wo möglich10 immer nach der Gegend hinstrebte, wo ein neuerAuflritt erschien, und etwas besonderes ange-kündigt wurde.

Bei alle dem herrschte eine ziemliche Stille,und als die Sturmglocke geläutet wurde, schien15 das ganze Volk von Schauer und Erstaunenergriffen. Was nun zuerst die Aufmerksamkeitaller, die von oben herab den Platz übersehenkonnten, erregte, war der Zug, in welchemdie Herren von Aachen und Nürnberg die Reichs-2V kleinodien nach dem Dome brachten. Diese har-ten als Schutzheiligthümer den ersten Platz imWagen eingenommen, und die Depurirten saßenvor ihnen in anständiger Verehrung auf demRücksitz. Nunmehr begeben sich die drei Chur-25 fürsten in den Dom. Nach Ueberrcichung derJnsignien an Chur-Mainz werden Krone undSchwert sogleich nach dem kaiserlichen Quartiergebracht. Die weiter» Anstalten und mancher-lei Ceremonie! beschäftigen mittlerweile die30 Hauptpersonen so wie die Zuschauer in derKirche, wie wir andern Unterrichteten uns wohldenken konnten.

Vor unsern Augen fuhren indessen die Ge-sandten auf den Römer, aus welchem derBal-35 dachin von Untcrofficieren in das kaiserlicheQuartier getragen wird. Sogleich besteigt derErbmarschall Graf von Pappenheim sein Pferd;ein sehr schöner schlankgebilderer Herr, den dieSpanische Tracht, das reiche Wams, der goldne40 Mantel, der hohe Federnhut und die'gesträhl-ten fliegenden Haare sehr wohl kleideten. Ersetzt sich in Bewegung, und unter dem Ge-läute aller Glocken folgen ihm zu Pferde dieGesandten nach dem kaiserlichen Quartier in45 noch größerer Pracht als am Wahltage. Dorthätte man auch sein mögen, wie man sich andiesem Tage durchaus zu vervielfältigen wünschte.Wir erzählten einander indessen was dort vor-gehe. Run zieht der Kaiser seinen Hausornat50 an, sagten wir, eine neue Bekleidung nach demMuster der alten Carolingischen verfertigt. DieErbämter erhalten die Reichs-Jnsignien undsetzen sich damit zu Pferde. Der Kaiser >mOrnat, der römische König im Spanische» Ha-55 bit, besteigen gleichfalls ihre Rosse, und indemdieses geschieht, hat sie uns der vvrausgeschrit-lcne unendliche Zug bereits angemeldet.

Das Auge war schon ermüdet durch dieMenge der reichgekleidelen Dienerschaft und der60 übrigen Behörden, durch den stattlich einher-wandelnden Adel; und als nunmehr die Wahl-bolschaster, die Erbämter und zuletzt unter demrcichgcstickien, von zwölf Schöffen und Raths-herren getragenen Baldachin der Kaiser in ro-65 mantischer Kleidung, zur Linken, etwas hinterihm, sün Sohn in Spanischer Tracht, langsamauf prächtig geschmückten Pferden cinhcrschweb-re», war das Auge nicht mehr sich selbst genug.Man hätte gewünscht durch eine Zauberformel