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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Golhe.

die Erscheinung nur einen Augenblick zu fes-seln ; aber die Herrlichkeit zog unaufhaltsamvorbei, und den kaum verlassene» Raum er-füllte sogleich wieder das hereinwogende Volk.

Nun aber entstanv ein neues Gedränge:denn es mußte ein anderer Zugang, von demMarkte her, „ach der Nömerthür eröffnet undein Bretterweg aufgedrückt werden, welchen deraus dem Dom zurückkehrende Zug beschreitensollte.

Was in dem Dome vorgegangen, die un-endlichen Ceremonien, welche die Salbung, dieKrönung, den Ritterschlag vorbereiteten und be-gleiteten, alles dieses ließen wir uns in der Folgegar gern von denen erzählen, die manches an-dere aufgeopfert halten, um in der Kirche ge-genwärtig zu sein-

Wir andern verzehrten mittlerweile auf un-ser» Plätzen eine frugale Mahlzeit: denn wirmußten an dem festlichen Tage, den wir erleb-ten, mit kalter Küche vorlieb nehmen. Dage-gen aber war der beste und älteste Wein ausallen Familienkellern herangebracht worden, sodaß wir von dieser Seite wenigstens dieß alter-thümliche Fest alterthümlich feyerten.

Auf dem Platze war jetzt das Sehenswür-digste die fertig gewordene und mit rothgelb-und weißem Tuch überlegte Brücke, und wirsollten den Kaiser, den wir zuerst im Wagen,dann zu Pferde sitzend angestaunt, nun auchzu Fuße wandelnd bewundern; und sonderbargenug, auf das letzte freuten wir uns am mei-sten; denn uns däuchte diese Weise sich darzu-stellen so wie die natürlichste, so auch die wür-digste.

Aeltere Personen, welche der Krönung Franzdes Ersten beigewohnt, erzählten: Maria The-resia, über die Maaße» schön, habe jener Feier-lichkeit an einem Balconfenster des HausesFrauenstein, gleich neben dem Römer, zugese-hen. AIs nun ihr Gemahl in der seltsamenVerkleidung aus dem Dome zurückgekommen,und sich ihr so zu sagen als ein Gespenst Carlsdes Große» dargestellt, habe er wie zum Scherzbeide Hände erhoben und ihr den Reichsapfel,den Scepter und die wundersamen Handschuhhingewiesen, worüber sie in ein unendliches La-chen ausgebrochen, welches dem ganzen zu-schauenden Volke zur größte» Freude und Er-bauung gedient, indem es darin das gute undnatürliche Ehegaltenverhältniß des allerhöchstenPaares der Christenheit mit Augen zu sehengewürdiget worden. Als aber die Kaiserin,ihren Gemahl zu begrüßen, das Schnupftuchgeschwungen und ihm selbst ein lautes Livatzugerufen, sei der Enthusiasmus und der Ju-bel des Volks aufs höchste gestiegen, so daßdas Freudengeschrei gar kein Ende findenkönnen.

Nun verkündigte der Glockenschall und nundie vordersten des langen Zuges, welche überdie bunte Brücke ganz sachte einherschriltcn, daßalles geihan sei. Die Aufmerksamkeit war grö-ßer denn je, der Zug deutlicher als vorher, be-sonders uns, da er jetzt gerade nach unszuging. Wir sahen jh„ so ,yie den ganze»volksersullten Platz beinah im Grundriß. Nurzu sehr drängte sich am Ende die Pracht; denndie Gesandten, die Erbamier, Kaiser und König

unter dem Baldachin, die drei geistlichen Chur-fürsten , die sich anschlössen, die schwarz geklei-deten Schöffen und Rathsherren, der goldge-stickte Himmel, alles schien nur eine Masse zu5 sein, die nur von Einem Willen bewegt, präch-tig harmonisch, und so eben unter dem Ge-läute aller Glocken aus dem Tempel tretend,als ein Heiliges uns enlgegenstrahlte.

Eine politisch religiöse Fcyerlichkeit hat einen10 unendlichen Reiz. Wir sehen die irdische Ma-jestät vor Augen, umgeben von allen Symbo-len ihrer Macht; aber indem sie sich vor derhimmlischen beugt, bringt sie uns die Gemein-schaft beider vor die Sinne. Den» auch der15 Einzelne vermag seine Verwandtschaft mit derGottheit nur dadurch zu bethätigen, daß er sichunterwirft und anbetet.

Der von dem Markt her ertönende Jubelverbreitete sich nun auch über den großen Platz20 und ein ungestümes Vivat erscholl aus tausendund aber tausend Kehlen, und gewiß auch ausden Herzen. Denn dieses große Fest sollte jadas Pfand eines dauerhaften Friedens werden,der auch wirklich lange Jahre hindurch Deutsch-25 land beglückte.

Mehrere Lage vorher war durch öffentli-chen Ausruf bekannt gemacht, daß weder dieBrücke noch der Adler über'dem Brunnen,Preis gegeben, und also nicht vom Volke wie50 sonst angetastet werden solle. Es geschah die-ses, um manches bei solchen Anstürmen unver-meidliche Unglück zu verhüten. Allein um docheinigermaßen dem Genius des Pöbels zu opfern,gingen eigens bestellte Personen hinter dem Zu-Z5 ge her, lösten das Tuch von der Brücke, wi-ckelten es banrnwcise zusammen und warfen esin die Luft. Hiedurch entstand nun zwar keinUnglück, aber ein lächerliches Unheil: denn dasLuch entrollte sich in der Luft und bedeckte,40 wie es niederfiel, eine größere oder geringereAnzahl Menschen. Diejenigen nun, welche dieEnden faßte» und solche an sich zogen, rissenalle die mittlern zu Boden, umhüllten und äng-stigten sie so lange, bis sie sich durchgerissen45 oder durchgeschnitten, und jeder nach seinerWeise einen Zipfel dieses durch die Fußtritteder Majestäten geheiligten Gewebes davongetra-gen halle.

Dieser wilden Belustigung sah ich nicht50 lange zu, sondern eilte von meinem hohenStandorte durch allerlei Lreppchen und Gängehinunter an die große Römerstieae, wo die ausder Ferne angestaunte so vornehme als herrli-che Masse herauswallen sollte. Das Gedräng55 war nicht groß, weil die Zugänge des Rath*Hauses wohl besetzt waren, und ich kam glück-lich unmittelbar oben an das eiserne Geländer-Nun stiegen die Hauptpersonen an mir vor-über, indem das Gefolge in den untern Kr-60 wölbgängen zurückblieb, und ich konnte sie nn>der dreimal gebrochenen Treppe von allen Sti-len und zuletzt ganz in der Nähe becrachstN-

Endlich kamen auch die beiden Majestätenherauf. Vater und Sohn waren wie Menü«-65 wen überein gekleidet. Des Kaisers Hausornnvon purpurfarbner Seide, mit Perlen unSteinen reich geziert, so wie Krone, Scep"und Reichsapfel, sielen wohl in die Äugen-den» alles war neu daran, und die Nachahn" .