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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthe.

des Alterthums geschmackvoll. So bewegte ersich auch in seinem Anzüge ganz bequem, undsein treuherzig würdiges Gesicht gab zugleichden Kaiser und den Vater zu erkennen. Derjunge König hingegen schleppte sich in den un-geheuern Gewandstücken mit den KleinodienCarls des Großen, wie in einer Verkleidung,einher, so daß er selbst, von Zeit zu Zeit sei-nen Vater ansehend, sich des Lächelns nichtenthalten konnle- Die Krone, welche man sehrhatte füttern müssen, stand wie ein übergrei-fendes Dach vom Kopf ab. Die Dalmatica,die Stola, so gut sie auch angepaßt und ein-genäht worden, gewährte doch keineswegs einvortheilhafles Aussehen. Scepter und Reichs-apfel setzten in Verwunderung; aber man konntesich nicht läugnen, daß man lieber eine mäch-tige, dem Anzüge gewachsene Gestalt, um dergünstigern Wirkung willen, damit bekleidet undausgeschmückt gesehen hätte.

Kaum waren die Pforten des großen Saalshinter diesen Gestalten wieder geschloffen, soeilte ich auf meinen vorigen Platz, der, vonandern bereits eingenommen, nur mit einigerNoth mir wieder zu Theil wurde.

Es war eben die rechte Zeit, daß ich vonmeinem Fenster wieder Besitz nahm: denn dasMerkwürdigste, was öffentlich zu erblicken war,sollte eben vorgehen. Alles Volk hatte sich gegenden Römer zu gewendet, und ein abermaligesBivatschreien gab uns zu erkennen, daß Kaiserund König an dem Balconfenster des großenSaales in ihrem Ornate sich dem Volke zeig-ten. Aber sie sollten nicht allein zum Schau-spiel dienen, sondern vor ihren Augen sollteei» sellsames Schauspiel vorgehen. Vor allenschwang sich nun der schöne schlanke Erbmar-schall auf sein Roß; er hatte das Schwert ab-gelegt, in seiner Rechten hielt er ein silbernesgehenkeltes Gemäß, und ein Streichblech in derLinken. So ritt er in den Schranken auf dengroßen Haferhausen zu, sprengte hinein, schöpftedas Gefäß übervoll, strich es ab und trug esMit großem Anstaube wieder zurück. Der kai-serliche Marstall war nunmehr versorgt. DerErbkämmerer ritt sodann gleichfalls auf jeneGegend zu und brachte ein Handbecken nebstGießfaß und Handquele zurück. Unterhaltenderüber für die Zuschauer war der Erbtruchscß,der ein Stück von dem gebratenen Ochsen zuMen kam. Auch er ritt mit einer silbernenSchüssel durch die Schranken, bis zu der großen"i-retlerküche, und kam bald mit verdecktem Ge-wieder hervor, um seinen Weg nach demDörner zu nehmen. Die Reihe traf nun den^rbschenken, der zu dem Springbrunnen rittnd Wein holte. So war nun auch die kaiser-'Pe Tafel bestellt, und aller Augen wartetenuf den Erbschatzmeister, der das Geld auswer-sollte. Auch er bestieg ein schönes Roß,»m zu beiden Seiten des Sattels anstatt der^?m^nhalfterri ein paar prächtige mit dem„hurpfälzjschcn Wappen gestickte Beutel befe-. hmgen. Kaum hatte er sich in Bewegunguni^ ^ *"esc Taschen griff und rechts

mks Gold - und Silbermünzen freigebignie«, n welche jedesmal in der Luft als einRegen gar lustig glänzten. Lausendde zappelten augenblicklich in der Höhe,

um die Gaben aufzufangen; kaum aber warendie Münzen niedergefallen, so wühlte die Massein sich selbst gegen den Boden und rang ge-waltig um die Stücke, welche zur Erde moch-5 ten gekommen sein. Da nun diese Bewegungvon beiden Seiten sich immer wiederholte, wieder Geber vorwärts ritt, so war es für dieZuschauer ein sehr belustigender Anblick. ZumSchlüsse ging es am allerlebhaftesten her, als10 er die Beutel selbst auswarf, und ein jeder nochdiesen höchsten Preis zu erhäschen trachtete.

Die Majestäten hatten sich vom Balconzurückgezogen, und nun sollte dem Pöbel aber-mals ein Opfer gebracht werden, der in solchen15 Fällen lieber die Gaben rauben als sie gelassenund dankbar empfangen will. In rohern undderbern Zeiten herrschte der Gebrauch, den Ha-fer, gleich nachdem der Erbmarschall das Theilweggenommen, den Springbrunnen, nachdem20 der Erbschenk, die Küche, nachdem der Erb-truchseß sein Amt verrichtet, auf der StellePreis zu geben. Dleßmal aber hielt man, umalles Unglück zu verhüten, so viel es sich thunließ, Ordnung und Maß. Doch fielen die al-25 ten schadenfrohen Späße wieder vor, daß wenneiner einen Sack Hafer aufgepackt hatte, derandere ihm ein Loch hinein schnitt, und wasdergleichen Artigkeiten mehr waren. Um dengebratenen Ochsen aber wurde dießmal wie30 sonst ein ernsterer Kampf geführt. Man konntesich denselben nur in Masse streitig machen.Zwei Innungen, die Metzger und Weinschröterhatten sich hergebrachter Maßen wieder so po-stirl, daß einer von beiden dieser ungeheure35 Braten zu Theil werden mußte. Die Metzgerglaubten das größte Recht an einen Ochsen zuhaben, den sie unzerstückt in die Küche gelie-fert; die Weinschröter dagegen machtenAnspruch,weil die Küche in der Nähe ihres zunftmäßigen40 Aufenthalts erbaut war, und weil sie das letzte-mal obgesiegt hatten; wie denn aus dem ver-gitterten Giebelfenster ihres Zunft- und Ver-sammlungshauses die Hörner jenes erbeutetenStiers als Siegeszeichen hervorstarrend zu sehen-45 waren. Beide zahlreichen Innungen harten sehrkräftige und tüchtige Mitglieder; wer aber oieß-mal den Sieg davon getragen ist mir nichtmehr erinnerlich. .

Wie nun aber eine Feyerlichkeit dieser Art50 mit etwas gefährlichem und schreckhaftem schlie-ßen soll, so war es wirklich ein fürchterlicherAugenblick, als die bretterne Küche selbst Preisgemacht wurde. Das Dach derselben wimmeltesogleich von Menschen, ohne daß man wußte55 wie sie hinaufgekommen; die Bretter wurdenlosgerissen und hinuntergestürzt, s» daß man,besonders in der Ferne, denken mußte, ein jedeswerde ein Paar der Zubringenden todtschlagen.In einem Nu war die Hütte abgedeckt, und60 einzelne Menschen hingen an Sparren und Bal-ken, um auch diese aus den Fugen zu reißen;ja manche schwebten noch oben herum, als schonunten'die Pfosten abgesägt waren, das Gerippehin- und wiederschwankte und jähen Einsturz65 drohte. Zarte Personen wandten die Augen hinweg,und jedermann erwartete sich ein großes Unglück;allein man hörte nicht einmal von irgend einerBeschädigung, und alles war, obgleich heftigund gewaltsam, doch glücklich vorübergegangen.