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Johann Wolfgang von Gothe,
Jedermann wußte nun, daß Kaiser undKönig aus dem Kabinet, wohin sie vom Balconabgetreten, sich wieder hervorbegeben und indem großen Römersaale speisen würden. Manhatte die Anstalten dazu Tages vorher bewun-dern können, und mein sehnlichster Wunsch war,heute wo möglich nur einen Blick hinein zuthun. Ich begab mich daher auf gewohntenPfaden wieder an die große Treppe, welcherdie Thür des Saals gxrade gegenüber steht.Hier staunte ich nun die vornehmen Personenan, welche sich heute als Diener des Reichs-oberhaupkes bekannten. Vierundvicrzig Grafen,die Speisen aus der Küche herantragend, zogenan mir vorbei, alle prächtig gekleidet, so daßder Kontrast ihres Anstandes mit der Handlungfür einen Knaben wohl sinnverwirrend seinkonnte. Das Gedränge war nicht groß, dochwegen des kleinen Raums merklich genug. DieSaallhür war bewacht, indeß gingen die Be-fugten häufig aus und ein. Ich erblickte einenPfälzischen Hausoffiziantcn, den ich anredete,ob er mich nicht mir hineinbringen könne. Erbesann sich nicht lange, gab mir eins der silber-nen Gefäße, die er eben trug, welches er umso eher konnte, als ich sauber gekleidet war;und so gelangte ich denn in das Heiligthum.Das Pfälzische Büffel stand links, unmittelbaran der Thür, und mit einigen Schritten be-fand ich mich auf der Erhöhung desselben hin-ter den Schranken.
Am andern Ende des Saals, unmittelbaran den Fenstern, saßen auf Thronstufen er-höht, unter Baldachinen, Kaiser und König inihren Ornaten; Krone und Scepter aber lagenauf goldenen Kiffen rückwärts in einiger Ent-
fernung. Die drei geistlichen Churfürsten hatten,ihre Büffetc hinter sich, auf einzelnen EstradenPlatz genommen: Chur-Mainz den Majestäten5 gegenüber, Chur-Trier zur Rechten und Chur-Köln zur Linken. Dieser obere Theil des Saalswar würdig und erfreulich anzusehen, und er-regte die Bemerkung, daß die Geistlichkeit sichso lange als möglich mit dem Herrscher halten10 mag. Dagegen ließen die zwar prächtig aufge-putzten aber Herrenleeren Büffete und Tischeder sämmtlichen weltlichen Churfürsten an dasMißverhältniß denken, welches zwischen ihnenund dem Reichsoberhaupt durch Jahrhunderte15 allmälig entstanden war. Die Gesandten der-selben hatten sich schon entfernt, um in einemSeitenzimmer zu speisen; und wenn dadurchder größte Theil des Saales ein gcspensterkaf-tes Ansehen bekam, daß so viele unsichtbare Gäste20 auf das prächtigste bedient wurden, so war einegroße unbesetzte Tafel in der Mitte noch be-trübter anzusehen: denn hier standen auch soviele Couverte leer, weil alle die, welche allen-falls ein Recht hatte» sich daran zu setzen, An-25 stands halber, um an dem größten Ehrentageihrer Ehre nichts zu vergeben, ausblieben,wenn sie sich auch dermalen in der Stadt befanden.
Viele Betrachtungen anzustellen erlaubtenmir weder meine Jahre noch das Gedräng der30 Gegenwart. Ich bemühte mich alles möglichstinS Auge zu fassen, und wie der Nachtisch auf-getragen wurde, da die Gesandten, um ihrenHof zu machen, wieder hereintraten, suchte ichdas Freie und wußte mich bei guten Freunden35 in der Nachbarschaft nach dem heutigen Halb-faste» wieder zu erquicken und zu den Illumi-nationen des Abends vorzubereiten.
XI. Oie deutsche Literatur um 177t).
Ueber den Zustand der deutschen Literaturjener Zeit ist so vieles und ausreichendes ge- 15schrieben worden, daß wohl jedermann, der ei-nigen Antheil hieran nimmt, vollkommen un-terrichtet sein kann; wie denn auch das Urtheildarüber wohl ziemlich übereinstimmen dürfte;und was ich gegenwärtig stück- und sprung- 50weise davon zu sagen gedenke, ist nicht sowohlwie sie an und für sich beschaffen sein mochte,als vielmehr wie sie sich zu mir verhielt. Ichwill deßhalb zuerst von solchen Dingen sprechen,durch welche das Publikum besonders aufgeregt 55wird, von den beiden Erbfeinden alles behaglichenLebens und aller heiter», selbstgenügsamen, leben-digen Dichtkunst: von der Satpre und der Kritik.
In ruhigen Zeiten will jeder nach seinerWeise leben, der Bürger sein Gewcrb, sein 60Geschäft treiben und sich nachher vergnügen:so mag aqch der Schriftsteller gern etwas ver-- feine Arbeiten bekannt machen, und wonicht Lohn doch Lob dafür hoffen, weil er glaubt,etwas Gutes und Nützliches gethan zu haben. 65In dieser Ruhe wird der Bürger durch denSalprikrr, der Autor durch den Kritiker ge-stört und so die friedliche Gesellschaft in eineunangenehme Bewegung gesetzt.
— Göthes Verhältniß Zu derselben.
Die literarische Epoche, in der ich geborenbin, entwickelte sich aus der vorhergehendendurch Widerspruch. Deutschland, so lange vonauswärtigen Völkern überschwemmt, von an-dern Stationen durchdrungen, in gelehrten unddiplomatischen Verhandlungen an fremde Spra-chen gewiesen, konnte seine eigene unmöglichausbilden. Es drangen sich ihr, zu so manchenneuen Begriffen, auch unzählige fremde Wortenöthiger und unnöthigcr Weise mit auf, undauch für schon bekannte Gegenstände ward manveranlaßt, sich ausländischer Ausdrücke undWendungen zu bedienen. Der Deutsche, seitbeinahe zwei Jahunderten in einem unglückli-chen tumultuarischcn Zustande verwildert, be-gab sich bei den Franzosen in die Schule, u>r>lebcnsartig zu werden, und bei den Römern,um sich würdig auszudrücken. Dieß sollte aberauch in der Muttersprache geschehen; da den»die unmittelbare Anwendung jener Idiome u»deren Halbvcrdeutschung sowohl den Welt- oGeschäfts-Styl lächerlich machte- UcberiEfaßte man die Gleichnißredcn der südlichen Spr^chen unmäßig auf, und bediente sich dcrsewhöchst übertrieben. Eben so zog man den vnehmen Anstand der fürstengleichen rönuiey